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Das Videospiel „Trek to Yomi“ : Orpheus in Japan

Mehr schwarz als weiß: Auf seiner Schwertreise kämpft sich Hiroki durch verwüstete Dörfer Bild: Devolver

Schwarzweißer Bildersturm: Das Videospiel „Trek to Yomi“ führt den Spieler duch grandios gestaltete Tableaus des frühen Samurai-Kinos und weit darüber hinaus.

          3 Min.

          Mit diesem kleinen und feinen Videospiel ist es wie in der dritten Strophe von Claudius’ „Der Mond ist aufgegangen“: „Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen / und ist doch rund und schön! / So sind wohl manche Sachen, die wir getrost verlachen, / weil unsre Augen sie nicht sehen.“

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          „Trek to Yomi“, der Name deutet eine strapaziöse Reise ins Ungewisse – Yomi ist das japanische Reich der Toten – bereits an, beginnt konventionell. Wenn auch mit einer formvollendeten Verbeugung vor dem japanischen Samurai-Kino der Sechziger- und Siebzigerjahre, so dass man es schnell für eine abgespeckte Version des beeindruckenden Schleich-und-Schlachte-Spiels „Ghost of Tsushima“ halten kann. Der für seine ästhetisch originellen Zugriffe bekannte Videospielentwickler Leonard Menchiari schickt den Spieler in der Figur des jungen Samurai Hiroki durch schwarz-weiße Tableaus, die durch ihre fein abgestimmte Lichtsetzung wie begehbare Totalen aus Filmen von Daisuke Ito bis Akira Kurosawa wirken; und gleichzeitig wie gewaltige Bühneninstallationen. Zu Beginn hat der junge Hiroki von seinem Sensei gerade eine Lektion in Schwertkampfkunst bekommen – „kenne den Weg, bevor Du ihn einschlägst“ –, da wird das Dorf von Banditen überfallen, gegen die er sich mit dem viel zu großen Schwert zur Wehr setzen muss.

          Brennende Erinnerungen: Hirokis Dojo steht in Flammen.
          Brennende Erinnerungen: Hirokis Dojo steht in Flammen. : Bild: Devolver

          Schon die lebendige Atmosphäre des Dorfes fängt „Trek to Yomi“ liebevoll ein: Händler bieten (auf Japanisch mit Untertiteln) ihre Waren feil, Wächter vertreiben uns aus dem Kornspeicher, doch je näher wir den Räubern kommen, desto verzweifelter werden die Dorfbewohner. Erst der Showdown gegen deren dämonischen Anführer katapultiert uns aus der Rückblende in die eigentliche Zeit des Spiels: Hiroko ist ein strammes Bürschchen geworden, in dessen Händen das Schwert nicht mehr zu groß wirkt. Auf Geheiß seiner Liebe Aiko, die sein Dorf anführt, eilt er dem Nachbardorf zur Hilfe, das ebenfalls von Banditen geplagt wird – nur, um bei seiner Rückkehr zu entdecken, dass man ihn vom eigentlichen Ziel des Angriffs weggelockt hat. Hirokis Dorf steht in Flammen, Aiko stirbt in seinen Armen. Bald folgt er ihr, die ihm nurmehr als ruheloser Rachegeist stets enteilt, durch dunkle Wälder, neblige Sümpfe und gespenstische Dörfer.

          Und plötzlich ist nichts mehr wie man es sich als Spieler vorgestellt hatte. Es beginnt mit einem Dorf, das von einer mysteriösen Seuche heimgesucht wird, die Menschen in den Wahnsinn treibt. Immer wieder kommt Hiroki an merkwürdigen Kokons vorbei, aus denen dolchartige Spinnenbeine ragen, die den Krieger zu verletzen trachten. Es geht also nicht mehr nur um Rache, sondern vor allem nicht mit rechten Dingen zu. Von Akira Kurosawas Banditen-Motivik wechselt „Trek to Yomi“ hier in die Gefilde von Masaki Kobayashi, der zwar ebenfalls wegweisende Samurai-Filme (Harakiri, 1962), aber mit der Verfilmung von Lafcadio Hearns Kwaidan auch Außerweltliches inszenierte.

          Tödliche Schattenspiele: Im Wald bekommt es Hiroki mit Banditen zu tun.
          Tödliche Schattenspiele: Im Wald bekommt es Hiroki mit Banditen zu tun. : Bild: Devolver

          Die Art, wie Menchiari und sein Ko-Regisseur Marcin Kryszpin den Übergang ins Ungewisse gestalten, ist meisterhaft. Da sind zunächst die Naturphänomene, die den Spieler auf seiner Reise, die häufig von links nach rechts über den Bildschirm, in die Tiefe des Bildes hinein, oder aus ihr heraus führt, begleiten: peitschender Regen, der Wind, der immer als Ahnung dessen, was im nächsten Tableau passieren könnte, auffrischt, das Flüstern der Blätter und Knarzen alter Bäume, irrlichternde Glühwürmchen sowie der Vollmond, der still und kalt über brennenden Strohdächern steht.

          Natürlich muss auch gekämpft werden. Und zwar schon auf der mittleren Schwierigkeitsstufe „Bushido“ (hätte man bloß „Kabuki“ genommen!) so, dass man beginnt, sich wie einst die Knopf-Kombinationen zu notieren, um erfolgreich Roll-, Sprint- oder Rückhandattacken auszuführen und nicht von jedem dahergelaufenen Hotzenplotz ins Jenseits befördert zu werden – das wäre eine unerlaubte Abkürzung. Und selbst wenn der Frust mal tief sitzt, weil man immer am selben Punkt scheitert, ist es doch schwer, davon zu lassen, weil man sich so gern weiter durch die Schönheit dieser elegischen Bildwelt fechten möchte. „Trek to Yomi“ setzt ohne jeden Bombast durch die Kameraführung, Lichteffekte, den Soundtrack von Yoko Honda und Cody Matthew Johnson, vor allem aber durch die Wandelbarkeit seiner Geschichte Maßstäbe in Sachen Videospielerzählung. Wer es nur halb betrachtet, wird schon verzaubert werden, jedoch nie seine wahre Form erkennen.

          Trek to Yomi ist für PlayStation 4/5, Xbox One/Series und den Windows-PC erhältlich und kostet etwa 20 Euro.

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