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ORF-Tatort „Paradies“ : Die Verbrecher werden auch immer älter

Das große Geld: Paul Ransmayr (Peter Weck) bessert seine Rente auf. Allerdings nicht auf legale Weise. Bild: dpa

Rentner, die Medikamente schmuggeln? Der „Tatort“ aus Wien wird von der Posse zur Moritat. Als Ermittler sind Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer wieder sehr famos. Und Peter Weck erfindet sich neu.

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          Ihr habt bei uns privat ermittelt? Und einen pensionierten Kollegen undercover eingeschleust? Und jetzt, wo das Ganze gewaltig danebengegangen ist, kommt ihr zu mir? Jetzt wollt ihr, dass ich das ganz große Besteck auffahre und die Ungarn um Amtshilfe bitte?“ Der Kollege aus der österreichisch-ungarischen Grenzregion kann es nicht fassen, dass Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) von der Wiener Mordkommission vor ihm stehen und immer nur nicken. Auch dem eilig herbeigerufenen Chef der beiden (Hubert Kramar) fällt die Kraft aus dem Gesicht, als er nachhakt: „Ist euch im Urlaub so fad, dass ihr Mr. und Mrs. Marple spielen müsst?“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Tat scheint das, was das in ewig inniger Ruppigkeit einander zugetane Polizistenduo im „Tatort. Paradies“ umtreibt, eher in einen heiter-melancholischen Krimi aus der englischen Provinz zu gehören als ins herbstliche Burgenland und die Steiermark. Denn die erste Dreiviertelstunde schleichen die beiden Ermittler zu Saxophonmusik Senioren hinterher, die Medikamente aus Ungarn nach Österreich schmuggeln. Der Gewiefteste unter den kriminellen Pensionisten wird von keinem anderen gespielt als dem inzwischen 84 Jahre alten Peter Weck, der als Paul Ransmayr eine eindrucksvolle Vorstellung gibt von einem Greis zwischen Larmoyanz, Erbarmungslosigkeit und Jovialität. Später kommt noch die Verzweiflung hinzu.

          Eine Erzählung über die Demütigungen des Alters

          Alles fängt damit an, dass Eisner seine Kollegin zum Flughafen begleitet. Sie will nach Kreta fliegen, in den Urlaub, begegnet einem Rentner, der vom Reisen nur träumen kann (was ein zwar charmant inszenierter, aber allzu gewollter Wink ist, worum es in den nächsten neunzig Minuten geht: um Altersarmut nämlich), da klingelt das Handy: Bibi Fellners Vater liegt im Sterben. Wenig später sitzt die Majorin in einem heruntergekommenen Altenheim und hält für ein paar letzte Atemzüge die Hand des Mannes, zu dem sie jahrzehntelang keinen Kontakt hatte. Weil er ein Säufer war und sie schlug, als sie ein Kind war.

          Der erste Tote dieses „Tatorts“ also ist hochbetagt und schläft friedlich ein, und erst die 30 000 Euro, die der vermeintlich mittellose Mann in einem Schließfach hinterlässt, machen die Familiengeschichte zu einer Kriminalstory und dann zu einem Fall für die Mordkommission. Denn das Geld muss mit dem Medikamentenschmuggel zu tun haben, den der alte Ransmayr organisiert. Einmal pro Woche reisen unter seiner Ägide Senioren mit dem Bus über die Grenze, schwärmen in Apotheken aus und horten Vitaminpillen und Schmerztabletten zu ungarischen Preisen. Aber wie können sie damit Zehntausende Euro erwirtschaften? Und warum ist erst kurz zuvor einer der Rentner ausgerechnet auf Pillen-Kauftour gestorben?

          Herausfinden soll es Fellners pensionierter Kollege Sommer (Branko Samarovski). Er macht eine Entschlackungskur und leidet an Semmeln, Molke und dem Gefühl der Nutzlosigkeit, bis er sich seinem Spezialauftrag widmen kann, als verdeckter Ermittler im Seniorenheim. Was beinahe als Posse beginnt, inklusive gemeinschaftlich angestimmter Wagner-Arien, wird Sommer in Lebensgefahr bringen. Nach einer Stunde schlägt der Mörder zu, und es wird nicht bei einem Toten bleiben. Denn es geht nicht nur um Vitamine, sondern um knallharte Drogengeschäfte, hinter denen andere als der verarmte ehemalige Fabrikdirektor Ransmayr zu stehen scheinen.

          Die Erzählstränge (Buch: Uli Brée) sind teils mutwillig verknüpft, und im zweiten Drittel des Films drohen sie auszufasern, bis das schwindelerregende Finale sie fasst - auf konstruierte Art allerdings. Dass der Film seine eigene Unglaubwürdigkeit ironisch bricht, tut ihm gut: „Das ist ja hier wie bei ,Breaking Bad‘“, sagen die Polizisten an einer Stelle. Was das denn sei, fragt der Pathologe. „Eine amerikanische Fernsehserie“, erwidern die Ermittler. Er schaue nur Skirennen im Fernsehen, sagt der Mann von der Gerichtsmedizin.

          Eine Verbeugung vor Peter Weck

          Eine Mörderjagd ist dieser „Tatort“ an keiner Stelle, und das nicht zu seinem Schaden. Er ist ein Familiendrama, eine Beziehungsgeschichte, eine Erzählung über die Demütigungen des Alters und über Menschen, die zu allem fähig sind, weil sie nichts zu verlieren haben. Vor allem aber ist „Paradies“ voller Komik. Nicht, weil Senioren als Schmunzelobjekte herhalten müssten, im Gegenteil, der Film ist auch eine Verbeugung vor Peter Weck und der Not seiner Figur.

          Komisch ist dieser „Tatort“, weil die exzellent aufgelegten Hauptdarsteller sich all die ernsten Wahrheiten an den Kopf werfen dürfen, über die man nur lachen oder weinen kann. Bibi Fellner und Moritz Eisner entscheiden sich für grimmiges Lächeln, und der Regisseur Harald Sicheritz kanalisiert die vielen gegenläufigen Strömungen der Geschichte so, dass ein stimmiges Ganzes entsteht. Obwohl einen am Ende das Gefühl beschleicht: Eigentlich wurde in diesem Altenheim dann doch nur gemordet, weil die zwei von der Mordkommission aufgetaucht sind.

          Tatortsicherung

          Kann man so leicht Drogen kochen? Diese und andere offene Fragen zum Tatort des ORF beantworten Experten am Sonntag von 21.45 Uhr an unter faz.net/tatortsicherung. Parallel zur Fernsehausstrahlung veröffentlichen wir die Fragen zum Miträtseln auf dem Twitter-Account @FAZ_Feuilleton und unter #Tatort.

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