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Doku zur Opioidkrise in Amerika : Wenn Mediziner gierig werden

  • -Aktualisiert am

Rap aus der Dose: Screenshot aus einem internen Video des Medikamentenherstellers Insys Pharmaceuticals. Bild: Youtube

Was springt für mich dabei heraus? Dokumentarfilmer Alex Gibney schildert in „The Crime of the Century“ die Geflechte der amerikanischen Schmerzmittel-Mafia, durch die sich Ärzte und Pharmafirmen gleichermaßen bereichern.

          4 Min.

          Es ist das Geschäft des Jahrhunderts, das der umtriebige Dokumentarfilmer Alex Gibney in seinem jüngsten Werk „The Crime of the Century“ unter die Lupe nimmt: der Handel mit legalen, stark suchterzeugenden Narkotika, der in Amerika von einem Netzwerk politischer, privater, medizinischer und unternehmerischer Profiteure befeuert wird und in den vergangenen zwei Jahrzehnten einer halben Million Amerikanern das Leben kostete.

          Gibney ist ein Star der Dokumentar-szene: 2005 legte er in „Enron: The Smartest Guys in the Room“ die dubiosen Machenschaften des titelgebenden Energieriesen offen. Sein Film „Taxi to the Dark Side“ über die Folterpolitik der USA in Afghanistan nach dem 11. September 2001 erhielt 2007 den Oscar als beste Dokumentation. In „We Steal Secrets“ warf er 2013 einen Blick hinter die Kulissen von WikiLeaks, und er dokumentierte 2019 mit „The Inventor“ die kultische Verehrung der vermeintlich genialen Jungunternehmerin Elizabeth Holmes im Silicon Valley, deren revolutionäre Bluttests gar nicht existierten.

          Gibney veranschaulicht zuvor publizierte journalistische Recherchen, und auch in diesem Fall stützt er sich auf die Erkenntnisse des Journalisten der Washington Post, Patrick Radden Keefe, die dieser 2017 im New Yorker und jetzt in seinem Buch „Empire of Pain“ veröffentlichte, sowie auf die Recherchen des Pulitzerpreisträgers Barry Meier, der seinem Buch „Pain Killer“ von 2003 fünfzehn Jahre später eine gleichnamige Neuauflage folgen ließ.

          Durch Opioidhandel zum Milliardenimperium

          Zwei Jahre arbeitete Gibney eigenen Angaben zufolge an der Dokumentation, die stellenweise langatmig und mit nicht immer konstantem Rhythmus nacherzählt, wie die Brüder Arthur, Raymond und Mortimer Sackler, Kinder osteuropäischer Immigranten aus einfachen Verhältnissen, Ärzte werden, einen medizinischen Werbedienst kaufen und mit der dubiosen Vermarktung von Schmerzmitteln ein Vermögen schaffen. Arthur Sackler besaß neben seiner Werbefirma mit der Medical Tribune auch ein Ärztefachblatt, und als er 1952 mit seinen Brüdern eine medizinische Patentierungsfirma namens Purdue Frederick kaufte, ist der Grundstein für ein Familienunternehmen gelegt, das die Entwicklung und Vermarktung von Medikamenten mit Expertenrat und weitreichendem politischen Einfluss verband. Die nächste Sackler-Generation, allen voran Raymonds Sohn Richard, schuf mithilfe des Medikaments Oxycontin (ursprünglich Oxycodon, ein Opioid, entwickelt 1916 von Martin Freund und Edmund Speyer in Frankfurt) und einer erfolgreichen Kampagne zur Ausweitung der Schmerzmittelbehandlung mit Opiaten ein Milliardenimperium.

          Das Suchtpotential von Oxycontin, das 1996 auf den Markt kam, steigerte die Nachfrage verlässlich. Je mehr man den Patienten verabreichte, desto mehr brauchten sie. Ein so starkes und suchterzeugendes Medikament, schrieb Keefe im New Yorker, hätte eigentlich auf minimale Dosierung und einen ausgewählten Patientenkreis beschränkt werden müssen. Aber da das dem Profitdenken der Pharmafirma zuwiderlief, habe Purdue das Gegenteil getan. Bald waren Dosen zwischen zehn und 160 Milligramm auf dem Markt. Abhängig mache das Medikament „bei legitimem Gebrauch nur äußerst selten“, heißt es in der Zulassung, die Purdue gemeinsam mit dem zuständigen Beamten der Arzneimittelbehörde FDA erarbeitete. Man dürfe doch Menschen, die Schmerz leiden, nicht kriminalisieren, sagt der Arzt Lynn Webster, dessen Aussagen im Gegenschnitt mit der Geschichte der schwer suchtkranken Carol Rosley gezeigt werden. Webster hat das Mantra des Opiathandels verinnerlicht. Noch nach ihrem Entzug verschreibt er der Patientin weiter Opiate, bis diese an einer Überdosis stirbt.

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