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Opern-Castingshow auf Arte : Mein Sohn sagt: Das kannst du auch!

Eine von diesen vieren wurde für den Wettbewerb von ihrem Sohn angemeldet, und das war keine schlechte Idee: Erica Brookhyser, Lori-Kaye Miller, Bianca Gierok, Iwona Sakowicz (von links) konkurrieren bis zum Schluss der „Open Opera“-Suche um die Rolle der Carmen Bild: ZDF/Lutz Edelhoff

Wie bitte, noch eine Castingshow? Ja, aber was für eine. In „Open Opera“ sucht Arte eine neue Carmen. Volker Schlöndorff inszeniert. Das sollte man sehen.

          Musik ist eine Sprache, die nicht jeder versteht. Das hat sie mit den Wortsprachen gemeinsam. Wer sie lernen will, muss sie hören – und zwar vorzugsweise dann, wenn sie noch nicht fertig ist: in den Proben oder beim Unterricht. Denn man lernt am besten, wo Sagen und Zeigen ineinandergreifen. Im fertigen Konzert oder in der Opernaufführung wird nichts mehr gesagt. Da zeigt sich nur dem etwas, der schon viel weiß.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Um die Oper für all jene zu öffnen, die noch nicht so viel wissen, aber etwas lernen wollen, hat der Fernsehsender Arte gemeinsam mit den Seefestspielen Berlin einen Opern-Wettbewerb veranstaltet. Bei „Open Opera: Wer wird Carmen?“ haben sich ungefähr vierhundert Sängerinnen und Sänger auf eine der vier Hauptrollen in Georges Bizets „Carmen“ beworben, die Volker Schlöndorff am Berliner Wannsee unter freiem Himmel inszeniert hat. Für die heutige Premiere hat man zwar eine Besetzung bestimmt, die durch ein ganz normales Vorsingen vom künstlerischen Leitungsteam ausgewählt worden ist. Doch von Freitag an singen die vier Finalisten des Wettbewerbs immer jeden zweiten Tag im Wechsel mit der Besetzung des ersten Abends. Arte strahlt die zweite Premiere als Livestream im Internet unter www.arteliveweb.com aus.

          Eine kompetente Jury

          Doch schon der Wettbewerb wurde von einem Filmteam um den Regisseur Herbert Bayer begleitet, und entstanden ist dabei ein Format, das sich an der Kreuzung zwischen dem Bildungsfernsehen eines Kulturkanals und den Castingshows der Unterhaltungssparte versucht. Am vergangenen Sonntag liefen die ersten beiden Folgen, die verbleibenden vier folgen an den kommenden zwei Sonntagen.

          Über das Dröhnen der Superlative – „das Opernereignis des Sommers“, „die Chance ihres Lebens“ – hört man am besten schnell hinweg. Die wirklich kompetente Jury mit der Sopranistin Annick Massis, dem Bass Franz Hawlata und dem Stimmbildner David Lee Brewer hat Wichtigeres zu sagen. Da wird einem Bariton angekreidet, dass er im Italienischen einige Konsonantenverdopplungen nicht deutlich genug spricht. Einem anderen empfiehlt man, den Kehlkopf nicht zu weit abzusenken, damit man seine wunderschöne Stimmfarbe hören kann. Eine Sopranistin soll bei I-Vokalen „lockerer in den Kiefern“ bleiben und sich „in der Mundstellung immer noch Platz nach oben lassen“, damit die hohen Töne nicht so angestrengt klingen.

          Bildungsinteresse gegen Unterhaltungsbedürfnis

          Der Umgang ist freundlich, sachorientiert, würdevoll. Welchen Eindruck die Bewerber bei den Juroren hinterlassen, kann man am Grad der Reaktion ablesen. Sie reichen von „Danke schön, sehr interessant“ über „Bravo!“ und „Super!“ bis hin zu Hawlatas euphorischem Wippen auf dem Sofa bei gleichzeitigem Trommeln mit den Fäusten auf die Brust. Der Zuschauer lernt beiläufig, dass für einen guten Opernsänger nicht allein Technik und Stimmmaterial entscheidend sind, sondern ebenso starke Nerven und theatralische Ausstrahlung.

          Ein wenig stehen sich bei diesem Format das Bildungsinteresse und das Unterhaltungsbedürfnis im Wege. Beide sind legitim. Und manchmal möchte man statt der stimmbildnerischen Hinweise gern eine der Geschichten erzählt haben, die nur angerissen werden: von dem Mexikaner Jesus Ibarra etwa, der eine Familie ernähren muss und sich deshalb nach zwei Jahren finanzieller Sicherheit in Deutschland sehnt. Oder von der Jazz-Sängerin Bianca Gierok, die von ihrem Sohn beim Opern-Wettbewerb angemeldet wurde, weil er der Meinung war, seine Mutter könne das auch. „Ihr Sohn hat recht“, sagt Franz Hawlata. Man würde den Burschen gern näher kennenlernen.

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