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„Only Murders in the Building“ : Gemordet wird immer noch zu Hause

Nachbarn: Selena Gomez, Steve Martin und Martin Short Bild: Disney/Star

In der Alte-Hasen-Schule: In „Only Murders in the Building“ müssen Steve Martin, Martin Short und Selena Gomez als New-Yorker-Nachbarn einen Mord aufklären.

          3 Min.

          Disneys Kanal „Star“ hat eine Serie von und mit Steve Martin und seinem Kumpel Martin Short produziert, und sie ist überraschend gut. Trotz einer tödlich lahmen Prämisse: In „Only Murders in the Building“ macht sich ein Nachbarstrio daran, einen Mord in einem New Yorker Wohnkomplex, dem „Arconia“, aufzuklären. Die drei finden zusammen, als das Gebäude wegen des Leichenfunds evakuiert wird und sie ihren liebsten True-Crime-Podcast („All is NOT okay in Oklahoma“) zu verpassen drohen. Die Dritte im Bunde wird von der schauspielenden Sängerin Selena Gomez gespielt, die von Disney in ihrer Jugend bereits brutal verheizt wurde, die beiden Oldtimer aber hier auf wundersame Weise großartig ergänzt.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Steve Martin spielt Charles, einen gescheiterten Schauspieler, den man aufgrund seiner Rolle als Fernsehkommissar in einer Achtzigerjahre-Cop-Serie namens „Brazos“ aber immer noch auf der Straße anspricht; oft – so geht es auch dem echten Steve Martin – mit herzzerreißender Distanzlosigkeit. Charles jedenfalls versteht nicht, warum die New Yorker (wahrscheinlich der Stadtstamm auf dieser Erde, über den sich Medienschaffende in Amerika seit Beginn des Hollywoodkinos am meisten den Kopf zerbrochen haben) sich so sehr um Verbrechen sorgten. Im Hinterland, da müsse man aufpassen! Auch Short spielt so einen gewesenen Star – den exzentrischen Broadway-Regisseur Oliver, ein wandelndes Klischee mit Schal und auberginenfarbenem Mantel, dessen eingebildete Wichtigkeit vor allem dadurch gesteigert wird, dass er kaum noch Projekte bekommt, blank ist und seinen Sohn, dessen College-Fonds er für einen Musical-Flop namens „Splash“ verbraten hat, um Geld anpumpen muss.

          Gomez fällt als hippe, junge New Yorkerin mit dem schönen, altmodischen Namen Mabel und einem Kleidungsstil, in dem Gelb- und Rottöne sowie Pelz und Zotteln eine große Rolle spielen, ein wenig aus der Reihe. Sie wohnt in einem Apartment, das eigentlich gerade renoviert wird. Nachts liegt sie im Bett und träumt von einem Mann, der mit einer Skimaske an ihrem Bett steht und sie bedroht – und dem sie dann jedes Mal voller Enthusiasmus ihre Stricknadeln in den Kopf rammt. Gewaltfantasien, sagt sie, seien ihre verlässlichste Einschlafhilfe. Im Fahrstuhl sind die drei, die sich nur vom Sehen kannten, Tim Kono begegnet, jenem Mann, der kurze Zeit später nach einem Schuss leblos am Boden seines Apartments liegt. Die resolute Polizistin vom NYPD (göttlich: Da’Vine Joy Randolph) sagt, es handele sich um einen „Bilderbuch“-Selbstmord. Von True-Crime-Aficionados hat sie die Nase gestrichen voll.

          Auf fast gespenstische Art und Weise kurzweilig

          Mal abgesehen davon, dass hier Menschen dargestellt werden, die einen Podcast bei einem Glas Wein hören, ist „Only Murders in the Building“ auf eine fast gespenstische Art und Weise kurzweilig. Ehe man sichs versieht, ist man bei der fünften von acht halbstündigen Episoden angekommen, ist den organisch eingefügten Nebenschauplätzen und Rückblenden bereitwillig gefolgt und erfreut sich an der Lebendigkeit und dem Charme der Nebenfiguren, die ihre Position in diesem zum satirischen Sittengemälde werdenden Kriminal mühelos behaupten.

          Gomez, die auf einer Pressekonferenz erklärte, sie sehe „Steve-Martin-Short“ (The Guardian) eher als „diese zwei verrückten Onkel in meinem Leben, die mir Jungstipps geben und denen ich („naughty“) Rap-Songs vorsinge“, fügt sich so wundervoll in das Trio ein, weil sie jenem onkeligen Duktus so selbstverständlich trocken und schnoddrig zu begegnen weiß, ohne dass hier der Wokeness-versus-Weißsein-Aspekt überstrapaziert würde: „Ich dachte, weiße Typen hätten nur noch vor Darmkrebs und gesellschaftlichem Wandel Angst.“

          Neben Anspielungen auf das Showgeschäft und die amerikanische Fernsehlandschaft, Musikeinlagen sowie diversen Running Gags finden Martin und sein Koproduzent John Hoffman Raum für herrliche Absurditäten. So wird Charles, als er die Nachbarin und Fagottistin des Stadtorchesters, die offensiv mit ihm flirtet – „See you, bassooner or later“ –, nach einem Date fragen will, von zwei stummen Warner-Bros.-Maskottchen in Form von Bugs Bunny und Porky Pig verfolgt. Dahinter verbirgt sich eine tragische Geschichte, so wie hier eigentlich kaum etwas passiert, ohne nicht im Verlauf der Serie wieder Verwendung zu finden. Siehe den Musiker Sting, der ebenfalls im Arconia wohnt, sich selbst spielt und später verdächtigt wird, in den Mord verwickelt zu sein.

          Natürlich versuchen die Show-Männer und True-Crime-Fans ihre Erlebnisse selbst als Podcast zu verarbeiten. Dadurch nimmt die Serie die Szene herzlich auf den Arm, erweist dem Medium aber auch eine gewisse Ehre. Im ständig wechselnden Aufnahmeraum faucht Oliver Charles barsch an, der die Titelmelodie des Podcasts mit einer Ziehharmonika einspielt: „Du untermalst einen geheimnisvollen Mord, keine Hobbit-Hochzeit.“ Und auf einer Ebene dieser Serie nähern sich zwei alte weiße Typen einer jungen Frau mit Gewaltfantasien an – und siehe da, es entsteht trotz der ganz alten Schule etwas Neues und Fruchtbares.

          Only Murders in the Building ist auf Disneys „Star“-Kanal zu sehen.

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