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Onlinemagazin Vox.com : Per Karteikarte durch die Internet-Galaxis

Politische Aufklärung auf neuer technologischer Basis: Blick auf die Homepage von Vox.com Bild: Archiv

Die amerikanische Nachrichtenseite Vox.com will die Stärken eines technologiegetriebenen Journalismus zeigen. Trifft der Schnellschuss sein Ziel?

          Als der amerikanische Journalist Ezra Klein im vergangenen Jahr seinen Posten bei der „Washington Post“ verließ, wo er einen erfolgreich laufenden Blog namens „Wonkblog“ betrieb, überraschte vor allem die Begründung. Kein Gehaltssprung und keine ideologische Differenz, sondern die Technologie war es, die Klein der Traditionszeitung abspenstig machte und zu dem aufstrebenden Digitalverlag Vox trieb.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das vor drei Jahren gegründete, rasant wachsende Webunternehmen hält im Inneren eine Software zusammen. Das Content Management System Chorus steuert alle seine Webportale, und es scheint ein Programm zu sein, das über enorme Vorteile verfügt. Dem einzelnen Redakteur erlaubt es dem Vernehmen nach, seine Texte bei einfachster Bedienweise graphisch auf höchstem Niveau zu gestalten und sie problemlos in sozialen Medien zu vermarkten. Darüber hinaus gilt es als sehr leichtgängig im Kontakt mit dem Leser. Selbst von der Konkurrenz wird Chorus als technologisch weit enteilter Marktführer gelobt.

          Während der Onlineauftritt vieler Zeitungen auf der Strukturebene ein Flickenteppich disparater Technologien sei, der vor allem dem Betrieb einer Zeitung diene, sei Chorus ein auf den Onlinejournalismus maßgeschneidertes System, begründete Klein selbst seinen Wechsel. Viele Redakteure bei Vox verstünden sich zu gleichen Teilen als Software-Entwickler und Journalisten. Die veränderte technische Basis werde wie von selbst einen neuen publizistischen Typus formen.

          Prototyp einer neuen Generation technikgetriebener Journalisten: Ezra Klein

          Die New York Times bezeichnete Vox denn auch als Speerspitze eines technologiegetriebenen Journalismus, wie ihn auch der Ebay-Gründer Pierre Omidyar  kürzlich bei der spektakulären Gründung seines  Medienunternehmens First Look Media im Sinn hatte, und bei dem man sich immer fragte, was konkret darunter vorzustellen sei.

          Für eine neue Generation amerikanischer Journalisten scheint eine leicht bedienbare, auf ihre Belange zugeschnittene Software zumindest ein starkes Argument zu sein. Viele Redakteure von Vox bezeichnen Chorus explizit als den Grund ihres Wechsels zu dem expandierenden Digitalverlag, der inzwischen sieben Marken führt. Und es fällt den neuen Portalen offenbar  leicht, renommierte Journalisten von Traditionszeitungen abzuwerben, so wie Pierre Omidyar den Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald vom Guardian lösen konnte, um mit ihm die Enthüllungsplattform „The Intercept“ zu gründen. Weitere  prominente Investigativjournalisten folgten. Die Finanzkraft des Milliardärs war dabei sicher kein zu vernachlässigendes Argument.

          Wegweiser aus Karteikarten

          Dem neuen journalistischen Projekt von Ezra Klein, das Anfang März startete und sich seit diesem Montag in einer überarbeiteten Form präsentiert, lässt sich die Bedeutsamkeit des technologischen Vorsprungs noch nicht ablesen. Das Webportal  Vox.com zeigt innovative Ansätze, ist aber keine Neuerfindung des Journalismus. Skurril veraltet scheint das primäre Instrument zur Orientierung im expandierenden Digitaluniversum: die Karteikarte. Sie steht im Dienst einer Berichterstattung im erklärenden Gestus. Anders als Zeitungen will das Portal nicht schrittweise über Themen informieren, sondern zu jedem Thema den gesamten Kontext mitliefern. Das geschieht im Modus eines Karteikartensystems, das bereits zum Thema publizierte Texte in Form wichtiger Fragen kondensiert und sie neben dem Haupttext abrufbar macht.

          Wer sich etwa über die Ukraine informieren will, bekommt auf diese Weise die gesamte Entwicklung des Konflikts aufgelistet, von der Frage, wem die Krim eigentlich zusteht über die Wahrscheinlichkeit von Putins weiterem Vordringen in die Ost-Ukraine bis zu der simplen Frage, ob es „die Ukraine“ oder einfach nur „Ukraine“ heißt. Wer sich für die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ interessiert, erhält eine detaillierte Aufgliederung des vielschichtigen Serienkosmos'.

          Die Karteikarten bieten zweifellos einen konzentrierteren Zugang als herkömmliche Themenseiten, wirken in der Anmutung jedoch didaktisch und spröde. Ihre Überlegenheit über das übliche Linksystem von Onlinezeitungen müssen sie in der Praxis erst noch beweisen. Zumal ihre Pflege aufwendig ist. Der Redakteur muss sie kontinuierlich auf Stand halten. Von einem einmal begonnenen Karteikartensystem kommt er kaum wieder los. Dass diese Servicearbeit zu Lasten pointierter, elaborierter Texte geht, ist abzusehen.

          Frühstart aus Neugier

          Was Vox.com in seinem derzeitigen Zustand schmerzlich vermissen lässt, ist ein journalistisches Profil. Das Projekt ist ein offen bekannter Schnellschuss, dem eine thematische Struktur und bisher auch eine Menüleiste fehlt. Klein ließ sich und seiner Redaktion nur drei Monate Entwicklungszeit. Die Seite soll sich im laufenden Betrieb weiterentwickeln, dann soll auch ihre technologische Raffinesse stärker nach vorne treten.

          Mit ihrem Frühstart ähnelt die Seite der Enthüllungsplattform „The Intercept“, die ebenfalls im Rohzustand an den Start ging, dabei aber auf die Dringlichkeit weiterer Snowden-Enthüllungen verweisen konnte. Ezra Klein hat nur die Begründung, die brennende Ungeduld der Redaktion sei weiter als der technische Entwicklungsstand gewesen. 

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