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Online-Spiel : Und jedermann ging, daß er sich schröpfen ließe

  • -Aktualisiert am

Spieleinstieg: Einfach so ein neues Leben beginnen Bild: AFP

In der virtuellen Parallelwelt von „Second Life“ wird zu Weihnachten auch Himmelfahrt gefeiert - ein Tastendruck genügt. Zwei Millionen Menschen spielen bereits mit.

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          Das „Christmas Village“ auf „Anarchia Island“ (Koordinaten 158, 122, 501) sieht ungefähr so aus wie ein Weihnachtsbasar nach der Klimakatastrophe. Über die schneebedeckte Insel im Polarmeer pfeift rauher Nordwind, ein vollständiges Santa-Claus-Gespann mit Rentieren und Ballerinen steht bereit, und eine schnaufende Eisenbahn dreht ihre immergleichen Runden. In ein paar Holzhütten kann man virtuelle Weihnachtsstrümpfe für 50 Linden-US-Dollar (L$) erstehen, eine riesige Eisskulptur mit einem holprigen Gedicht zum Thema „Liebe & Tod“ für stolze 1999 L$ und, nun ja, eine buntbemalte „Weihnachts-Bong“ für 70 L$. Also eine Wasserpfeife. Weiß der Teufel, was die mit der Ankunft Christi zu tun hat.

          Nun liegt die dem Kapitalismus offenbar nicht ganz abgeneigte Anarcho-Kolonie in der dreidimensionalen Parallelwelt von „Second Life“ - einer Welt, die zur Zeit mit ebensoviel Einfallsreichtum und Geschäftseifer besiedelt wird wie der Wilde Westen von den Pionieren des neunzehnten Jahrhunderts. Das 2003 von den „Linden Labs“ in San Francisco ausgetüftelte Online-Universum mit eigener Währung leidet im Gegensatz zu den westlichen Gesellschaften nicht an Bevölkerungsschwund: Erst vor wenigen Tagen begrüßte das virtuelle Weltreich seinen zweimillionsten Bewohner. Und auch wenn der Linden-Dollar zum realen US-Dollar noch in einem Wechselkurs von zur Zeit 270,8 zu 1 steht und selbst die sündhaft teure Eisstatue mit dem schlechten Gedicht somit nur knappe sechs Euro kostet: In „Second Life“ werden jeden Tag mehr als eine halbe Million harter US-Dollar umgesetzt.

          Erschließung des gelobten Landes

          Erst im November brachte es eine Deutschchinesin mit Immobiliengeschäften zur ersten US-Dollar-Millionärin in „Second Life“. Und als die Weltherrscher von „Linden Labs“ den Kaufpreis für eine Insel von echten 1300 auf echte 1675 US-Dollar erhöhten, ging ein Aufschrei durch die Gemeinde. Doch die anarchische Frühphase der Erschließung dieses gelobten Landes ist längst vorbei - spätestens, seit mit „Reuters“ eine reale Nachrichtenagentur einen eigenen Korrespondenten ins „Zweite Leben“ entsandt hat und mit dem Axel-Springer-Verlagein ein reales Zeitungshaus dort ein Blatt an den Mann bringt (siehe Kasten).

          Im Metaversum tummeln sich die Medien

          Der Reuters-Mann vermeldet zum Beispiel, daß eine spanische Hilfsorganisation einen obdachlosen Avatar ins „Second Life“ eingeschleust hat, um Geld für soziale Projekte zu sammeln. Immer noch ist die Einbürgerung in „Second Life“ einfacher als die Einrichtung eines neuen E-Mail-Kontos, und die Benutzung gleicht einem simpelsten Computerspiel. Der eigene Avatar wird mit den Pfeiltasten gesteuert - und kann durch einfache Texteingabe mit jedem beliebigen Passanten ins Gespräch kommen, gleich ob es ums Geschäft geht, um digitale Wettergespräche oder um direkte Anmache.

          Gratis-Bürger zweiter Klasse

          Mittellose Gratisnutzer, die bei der Anmeldung ihre Kreditkartendaten nicht herausrücken und sich die Monatsgebühr von zehn US-Dollar sparen, fühlen sich schnell als Bürger zweiter Klasse. Nicht nur im Vergleich zu jenen vollkommenen Selbstdarstellern, die Experten rund 500 US-Dollar dafür zahlen, einen Avatar ganz nach ihrem körperlichen und ästhetischen Ebenbild schaffen zu lassen - die Erzeugung einer maßgeschneiderten Spielfigur dauert eine Schöpfungswoche.

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