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Online-Soap auf MySpace : Die Mittzwanzigerinnen reden so, echt

  • -Aktualisiert am

Nicht die No Angels, sondern die Candy Girls Bild: MySpace/Ben Wolf

Liebe, Eifersucht, Partys und Sex: Vier Mittzwanzigerinnen aus Berlin durchleben dieselben Dramen wie in allen Vorabend-Seifenopern. Doch die „Candy Girls“ laufen nicht im Fernsehen, sondern online bei MySpace, das mit ihnen einen radikalen Strategiewechsel wagt.

          Es ist eine Nacht im Kreuzberger „103 Club“, wie sie sich nur Seifenoperautoren vorstellen können: Lola, die lässige Türsteherin, weist den österreichischen Yuppie ab, weil der Club eine „No-Servus-Zone“ ist, drinnen flirtet die Blondine Clementine, deren Name selbstverständlich englisch ausgesprochen wird, mit dem DJ, indem sie lasziv an einem Stück Melone lutscht, bis Soffy, die dunkelhaarige Clubbesitzerin, sie mit dem Satz „Geh mir aus der Sonne, Sweety“ vertreibt. Die Bedienung Kira träumt derweil von ihrer eigenen Tanzschule, für die ihr nur das Geld fehlt.

          Es sind Geschichten über Liebe, Eifersucht, Partys und Sex, wie sie in allen Vorabenddramen von „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ bis „Verbotene Liebe“ zu sehen sind. Doch „They call us Candy Girls“ läuft nicht im Vorabendprogramm. Die Serie über vier Mittzwanzigerinnen aus Berlin ist die erste professionell produzierte Seifenoper, die nur im Internet läuft. Der deutsche Ableger der Internetplattform MySpace lockt mit den „Candy Girls“ neue Nutzer.

          Radikaler Strategiewechsel

          Für das Vorzeigeunternehmen des sogenannten Web 2.0 ist es ein radikaler Strategiewechsel: MySpace ist groß geworden, indem man die Nutzer mit ihren Fotos und Videos selbst das Programm gestalten ließ - „user-generated Content“ sollte die Zukunft des Internets sein. Doch die Zeit des explosionsartigen Wachstums der sozialen Netzwerke wie MySpace und StudiVZ scheint vorerst vorbei zu sein. Das Marktforschungsunternehmen Nielsen Online ermittelte für MySpace im März sogar einen Reichweitenverlust.

          Da zwickt noch was

          „Um das Wachstum der sozialen Netzwerke in Deutschland mache ich mir keine Sorgen“, sagt Joel Berger, Deutschlandchef von MySpace, und verweist auf andere Marktforscher. „They call us Candy Girls“ sei keine Reaktion auf schlechtere Zahlen, sondern eine Ergänzung zu Fotos und Videos der MySpace-Nutzer. „Wir wollen nicht nur ein Telefonbuch mit Bildern, sondern ein Netzwerk mit qualitativen Inhalten sein“, sagt Berger.

          Aufgesetzt und bemüht jugendlich

          Optisch sind die Profi-Clips eine Verbesserung gegenüber den verwackelten Homevideo-Schnipseln, die bislang auf den Seiten stehen. Die hochauflösend gedrehten „Candy Girls“-Episoden mit knallbunten Bildern von tanzenden, jungen Menschen, die oft in Zeitlupe die Arme durch die Luft schwenken, wirken wie eine Mischung aus Werbespot und Musikvideo. Gleichzeitig fehlt den Clips die Authentizität, die den Charme der Amateurfilme ausmacht. Insbesondere die Dialoge der „Candy Girls“ wirken aufgesetzt und bemüht jugendlich. Die Drehbuchautorin und Regisseurin Miriam Dehne glaubt aber, den Ton der Mittzwanziger getroffen zu haben. „Sicher, man muss es etwas überhöhen, aber wenn man sich in die U-Bahn setzt und zuhört, dann reden sie so“, sagt Dehne.

          Wie teuer die Produktion der zwanzig fünfminütigen Episoden war, will Joel Berger nicht verraten. „Es war sicher etwas günstiger als eine Produktion fürs Fernsehen“, sagt er. In Amerika, wo MySpace Erfahrungen mit den sogenannten „Webisodes“ gesammelt hat, finanziert man die Serie auch über Productplacement. Auf der amerikanischen MySpace-Seite startete die Serie „Roommates“, die das Leben von vier fiktiven College-Absolventinnen zeigt, die eine Wohngemeinschaft gründen und mit einem Auto des Hauptsponsors durchs Bild fahren. Bei „They call us Candy Girls“ soll es nur einen Sponsor geben, dessen Produkte nicht in die Handlung eingebunden sind.

          Anreize zur Interaktion

          Ob „They call us Candy Girls“ fortgesetzt wird, entscheidet nicht allein die Zahl der Zuschauer. Wichtig ist auch, wie viele Nutzer sich neu bei MySpace anmelden, nachdem sie eine Folge gesehen haben, und ob die registrierten Nutzer durch die Serie aktiver werden. Denn „They call us Candy Girls“ soll auch Anreize zur Interaktion zwischen den Machern und Zuschauern der Serie bieten.

          „Wir wollen das Fernseherlebnis sozial machen“, sagt Berger. Dafür werden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufgelöst. Nirgends tauchen die echten Namen der Darstellerinnen auf, jedes „Candy Girl“ hat ein MySpace-Profil, auf dem es Weblogs führt und Video-Tagebücher, als gehe es um eine reale Person und nicht um eine Rolle. Registrierte Nutzer können virtuelle Freundschaften mit den jungen Frauen schließen und ihnen Nachrichten schreiben. Schon vor der ersten Folge hat jedes „Candy Girl“ Hunderte MySpace-Freunde, von denen einige tatsächlich nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. „Einige Darstellerinnen haben sogar schon Liebesbriefe bekommen“, sagt die Regisseurin Dehne.

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