https://www.faz.net/-gqz-11kdq

Online-Primus „Guardian“ : Wir haben uns unsere User nicht gekauft

  • -Aktualisiert am

Homepage vom 12. Januar Bild: Guardian

Das Internetangebot der englischen Traditionszeitung „Guardian“ kam weder besonders früh noch war es besonders ungewöhnlich. Während die Konkurrenz jedoch das Internet nach dem Platzen der Dotcom-Blase abschrieb, baute man hier das Angebot aus. Jetzt ist man der Branchen-Primus - und expandiert weiter.

          Man muss im Mediengeschäft lange suchen, bis man jemanden findet, der seinen Job so begeistert macht wie Janine Gibson. „In Aspik hätte ich die Website am liebsten gegossen! Sie war perfekt!“ Gibson ist Chefredakteurin von guardian.co.uk, der Internetseite der britischen Traditionszeitung „The Guardian“. Monate später kann sie sich noch ausgiebig über die Online-Berichterstattung des „Guardian“ zur amerikanischen Wahl freuen.

          Am Tag der Wahl besuchten 2,2 Millionen Menschen die Website - die höchste Zugriffszahl ihrer Geschichte: „Manche Fernsehsender haben weniger Zuschauer!“ In den nächsten zwei Jahren soll sie der Seite aber zehn Millionen neue User verschaffen. „Spiegel Online“, Deutschlands erfolgreichste Nachrichtenseite, kommt monatlich auf fünf Millionen User. Aber die zehn Millionen kommen einem wohl nicht ganz so unerreichbar vor, wenn man 26 Millionen User im Monat hat und die sechstgrößte Tageszeitungswebsite der Welt ist.

          „Wie im Call-Center“

          Mit seinen Vogelnesthaaren und dem falsch geknöpften hellblauen Hemd, in dem Alan Rusbridger, 55, zum Interview empfängt, sieht er nicht so aus, als wäre er der modernste Chefredakteur Großbritanniens. Seit Rusbridger aber 1995 die Leitung des „Guardian“ übernommen hat, ist die Zeitung ein Experimentierfeld, auf das Journalisten aus aller Welt schauen. Rusbridger führte ein tägliches Magazin ein, ließ die Zeitung auf Berliner Format schrumpfen und ordnete die Überarbeitung der Internetseite an. Als der „Guardian“ 1999 sein Webangebot startete, war er weder besonders früh dran, noch machte er groß etwas anders. Zum Durchbruch von guardian.co.uk brauchte es zwei Katastrophen: das Platzen der Dotcom-Blase und den 11. September 2001. „Während alle anderen Medienunternehmen das Web als Einnahmequelle abschrieben“, sagt Janine Gibson über die Zeit nach dem Dotcom-Debakel, „konnten wir in Ruhe unser Internetangebot ausbauen: Der Scott Trust, die Stiftung, die den ,Guardian' trägt, hielt uns finanziell den Rücken frei.“ Nach dem 11. September 2001 entdeckten viele Amerikaner den „Guardian“ als liberale Alternative zu den amerikanischen Medien und blieben treu. Drei Jahre später hatte der „Guardian“ seine User-Zahlen mehr als verdreifacht.

          Nun, in der zweiten großen Medienkrise, während andere schrumpfen, plant Rusbridger zu wachsen. Das beginnt mit dem Umzug von Redaktion und Verlag von Farringdon in die Nähe von King's Cross. Dort, in einem hypermodernen Kulturzentrum, das auch Galerien und eine Konzerthalle beherbergt, arbeitet nun eine integrierte Redaktion aus dem „Guardian“ und der Sonntagszeitung „The Observer“. „Wie ein Call-Center“, beschreiben Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand die neuen Großraumbüros. Als das Umzugskomitee, so erzählen sie, im Sommer 2007 neue Stühle und Sofas bestellte, war man sich sicher, die schickste Kollektion zu kaufen. Im Sommer 2008 mussten sie erkennen, dass das noch jemand anders gedacht hatte: im neuen „Big Brother“-Container standen dieselben cremefarbenen Sofas und Stühle.

          800 Online-Mitarbeiter

          Trotzdem herrscht Aufbruchsstimmung in King's Cross. „Wir haben das Glück, mit denselben Mitteln mehr machen zu wollen“, sagt Chefredakteur Rusbridger. „Viele unserer Konkurrenten wollen auch mehr machen, müssen aber gleichzeitig sparen.“ Mehr mit denselben Mitteln zu machen, das heißt für Rusbridger vor allem: schlauerer Umgang mit dem Webangebot. „Durch den Umzug wollen wir unsere Arbeitsprozesse so umorganisieren, dass zwanzig bis dreißig Prozent mehr Ressourcen in digitale Inhalte fließen.“ Bislang konnte es passieren, dass Journalisten der Printausgabe, andere von Guardian Online, wieder andere vom „Observer“ am selben Thema arbeiteten. Damit soll Schluss sein. „Im alten Gebäude in Farringdon hatten wir 800 Journalisten, von denen rund 100 für Online zuständig waren. Am King's Place haben wir nun 800 Online-Mitarbeiter“, sagt Rusbridger.

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          Wende in der Schicksalswahl?

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Wende in der Schicksalswahl?

          Die Affäre um die desaströsen Einlassungen der FPÖ-Politiker Strache und Gudenus auf Ibiza hinterlässt auch in Deutschland Spuren, wie sich bei Anne Will zeigt. Nicht zuletzt wegen der Rolle des „Spiegels“ und der „Süddeutschen Zeitung“.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Zuviel Getwitter

          Kritik an Bundesregierung : Zuviel Getwitter

          Die FDP und der Deutsche Journalistenverband (DJV) sehen die Online-Selbstdarstellung mancher Minister kritisch: Themen würden gesetzt, Kritik werde unterbunden, der Bürger werde wie ein Untertan behandelt.

          Topmeldungen

          John Bolton : Er will sie das Fürchten lehren

          Trumps Sicherheitsberater trommelt seit Jahren für einen Militärschlag gegen Iran. Europäische Diplomaten halten ihn für einen Ideologen. Doch jetzt hat er das Ohr des Präsidenten für sich.

          „Zerstörung der CDU“ bei Youtube : Kommt damit klar!

          „Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen“: Ein politisches Video des Youtubers Rezo sorgt unter Jugendlichen für Aufregung. Sein Titel: „Die Zerstörung der CDU“.

          Ibiza-Affäre der FPÖ : Die AfD und ihr Vorbild

          Die FPÖ war für die AfD immer ein Vorbild. Das Ende der Koalition in Wien bedeutet auch, dass das Modell der AfD erst einmal gescheitert ist. Das muss aber nicht heißen, dass sie bei der Europawahl untergeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.