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Online-Magazin „The European“ : Es geht auch ohne News-Aggregatoren

  • -Aktualisiert am

„The European“ gehört zu den wenigen Magazinen, die im Netz ein Geschäftsmodell gefunden zu haben scheinen Bild: Archiv

Das Online-Magazin „The European“ setzt erfolgreich auf zielgenauen Meinungsjournalismus. Die Autoren wechseln ständig. Ein Redaktionsbesuch.

          Die Grenzen des Journalismus sind nicht die Grenzen der Massenmedien. Das ist nicht neu. Schließlich ist nicht alles, was in den Massenmedien passiert, journalistisch. Umgekehrt jedoch hat sich der Journalismus neuerdings von den Massenmedien emanzipiert. Es gibt neue redaktionelle Angebote journalistischer Art, die sich nicht mehr nur an ein großes, eigentlich unbekanntes und überwiegend stummes Publikum richten. Teile des umfangreichen Podcast-Angebots zählen dazu, die wegen ihrer Aktualität zuweilen bemerkenswert nachrichtliche Online-Enzyklopädie Wikipedia und so manche Experimente in den sozialen Medien. Für den neuen Nischenjournalismus ist das Netz dabei nicht nur der Vertriebsweg, sondern eine wichtige strukturelle Bedingung.

          Das gilt auch für das gänzlich neue Genre des eigenständigen Meinungsjournalismus. Denn, sagt Alexander Görlach, „das Internet machte Nachrichten zur Allmende“, einem Allgemeingut. Im Dezember 2009 gründete er in Berlin das Autoren- und Debattenmagazin „The European“, mit dem er heute in einer zehnköpfigen Redaktion an der, wie er sagt, „gescheiten Einordnung“ der Nachrichtenlage arbeitet. Damit besetze er eine „gut gewählte publizistische Nische“. Um Reportagen, Berichte und Rezensionen geht es der Redaktion nicht. Görlach will Debatten mit „journalistischer Sorgfaltspflicht“ führen, wo sie ansonsten „auf dem neuen Marktplatz der sozialen Medien von jedem so geführt würden, wie er es möchte“.

          Görlach kritisiert das nicht, beobachtet aber, dass in den sozialen Netzwerken vorrangig Themen debattiert werden, die hohes Empörungspotential und niedrige Beteiligungshürden kennzeichnet. Als jüngst über den manifesten Sexismus debattiert wurde, interessierten ihn die latenten Probleme, die mit ihm einhergehenden, allgemeinen Rollenfragen oder die neue Situation junger Väter. Die Schuldendebatte des vergangenen Jahres hätte er sich intensiver gewünscht. In der zurückliegenden Diskussion über Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sah er persönliche Intentionen und Interessen des Autors zu wenig beleuchtet.

          Immer auf der Suche nach neuen Autoren

          Die Redaktion von „The European“ nehme sich Zeit für diese Fragen, sagt Görlach. Mit der Geschwindigkeit der auf Algorithmen ruhenden Aggregatoren von „Rivva.de“ oder „Google News“ will „The European“ dabei gar nicht mithalten. Gleichzeitig gilt für die Arbeit seines Magazins aber auch nicht das „technische Diktat des Printzyklus“, welches verhindere, „dass es die Zeitungen sind, die heute Diskurse weiter nach vorne drehen“, sagt er. Weil man heute nicht mehr wissen könne, wem es gelinge, eine Debatte anzustoßen, suche die Redaktion von „The European“ ganz gezielt nach immer neuen Autoren. Anfragen richteten sich dabei häufig an „junge Scholars“, die Expertise zeigen, aber noch wenig in Erscheinung getreten sind.

          Zwar schreiben für „The European“ auch Bundesminister und Universitätsprofessoren, bei der Suche gewönnen aber „Internationalität und Interdisziplinarität“ sowie eine „Schnittstellenbegabung zum verständlichen Erklären“ an Bedeutung. „Von den 2000 Autoren, die bis heute für uns schrieben, kennen wir die allerwenigsten persönlich“, sagt Görlach, ohne das Internet sei das alles nicht möglich.

          Briefe an den Bundestag

          In dieser Arbeitsweise unterscheidet sich „The European“ tatsächlich aber nur wenig von Redaktionen großer Medieninstitutionen. Durch die konsequente Festlegung auf Meinungstexte und Kolumnen engt sich „The European“ im Grunde sogar ein. Ungewöhnlich allerdings ist die Zielgenauigkeit, mit der die Redaktion ihr Publikum umwirbt. Zur Wahl des Bundespräsidenten verschickte „The European“ ein Dossier an die Mitglieder der Bundesversammlung. Im Rahmen von Kooperationen entstanden Dossiers für das Publikum des Dokumentarfilms über Ai Weiwei, „Never Sorry“, oder, zusammen mit dem Auswärtigen Amt, zum 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags. Ein Viertel der Bundestagsbüros erhält regelmäßig Zuschriften von der Redaktion.

          Die punktuelle Leser-Akquise ist hier publizistisches Prinzip. „Wenn Sie alle Mitglieder des Bundestags und Verantwortliche in Stiftungen, die an einem Thema arbeiten, erreichen, haben Sie mit einem Leserkreis von 200 Personen schon ein relevantes Publikum“, sagt Görlach. Nur mittels des Internets erreiche er die „handelnden Akteure“ so einfach. Debatten vor großem Publikum verlören dadurch ihre Bedeutung. Rechnete man das Publikum der öffentlich-rechtlichen Fernsehnachrichten und aller überregionalen Tageszeitungen zusammen, käme man heute auf rund zehn Prozent der Bevölkerung, sagt Görlach und fragt: „Von was reden wir, wenn wir von einer gesamtgesellschaftlichen Debatte sprechen?“ Die Antwort gibt er selbst: „Von einer großen Illusion.“

          Rund 160 000 Leser besuchen die Internetseite von „The European“ im Monat. Im vergangenen Jahr erschienen neben der Online-Version zwei gedruckte Ausgaben des Magazins mit einer Auflage von 50 000 Exemplaren. Das gedruckte Exemplar gehört heute zum Geschäftsmodell, mit dem „The European“ Anzeigenpreise erzielt, die mit dem Politikmagazin „Cicero“ und dem Wirtschaftsmagazin „brandeins“ vergleichbar sind.

          Auf Meinung eingestellt

          Für die Vermarktung bleibe die Größe des Publikums aber durchaus interessant, sagt Görlach. Dass er viele Bundestagsabgeordnete beim Vornamen anspricht, beeindruckt die Werbebranche nämlich nicht. Für den sechsunddreißig Jahre alten Görlach ist der lockere Umgang mit Parlamentariern inzwischen Alltag, „wenn sie in meinem Alter sind“. Die meisten von ihnen nutzten das Internet ohnehin intensiv. Sie als Autoren für „The European“ zu gewinnen, sei daher von Anfang an leicht gewesen, sagt Görlach. Auch Außenminister Guido Westerwelle oder Frank-Walter Steinmeier gewann er für Interviews, Letzterer war sogar Gast beim dritten jährlichen Empfang der Redaktion. Im weiten Internet ist es dann doch die Nähe in der Hauptstadt, die Aufmerksamkeit garantiert und den Erfolg ausmacht.

          “Wir sind eine Antwort auf die Frage, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte“, sagt Görlach. „Irgendwoher müssen die Nachrichten aber kommen“, fügt er an. „The European“ hat sich als Institution im Meinungsjournalismus etabliert, welche sich gegen die jungen Internet-Trends der Crowdfunding-Reportagen („Krautreporter“) oder des Daten-Journalismus („OpenDataCity“) abgrenzt. Den vermeintlichen Selbstläufern steht eine erfolgreiche Selbsterfindung gegenüber. Die Idee entwickelte Görlach als Online-Chef des „Cicero“. Nachdem ihm der Ringier-Verlag zu enge Grenzen aufgezeigt hatte, gelang ihre Verwirklichung als selbständige Unternehmung.

          Erfolgreiche Nischenexistenz

          Dem Trend, dass Journalisten, die ausschließlich im Internet publizieren, selbst Unternehmer werden müssen, kann auch Görlach sich nicht entziehen. Er beschreibt sich als „akademisch zugerüstet aber aus der Praxis kommend“, mit einem großen Faible für das Unternehmertum. Als Zweiundzwanzigjähriger kam er in die Nachrichtenredaktionen des ZDF. Er war als Reporter, Redakteur und Kommentator für Fernsehsender und Tageszeitungen tätig, arbeitete für Stiftungen, die Deutsche Bischofskonferenz und als stellvertretender Pressesprecher einer Bundestagsfraktion, heute hat er mehrere Lehraufträge inne. Nach dem Studium in Mainz, Rom und Kairo promovierte er zweimal zum interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Islam und zum Karikaturenstreit. Diese Biographie ist freilich derart einzigartig, dass sich aus ihr nur wenig Allgemeines für den Journalismus der Zukunft ableiten lässt.

          Stattdessen stellt Alexander Görlach im Subtext seines Erfolgs eine entscheidende Frage: Kann die Gesellschaft auf Journalismus als Beruf verzichten, weil das Internet einen Ad-hoc-Journalisten ermöglicht, der für nur einen einzigen einordnenden Text als Experte in diese Rolle schlüpft? Der Reichweitenvergleich mit den großen deutschsprachigen Nachrichtenangeboten im Internet verneint das bislang. „The European“ kommt auf knapp ein Prozent der Besucher von „Bild.de“, dem meistangeklickten deutschen Nachrichtenportal im Internet, das von seinen Lesern nahezu täglich besucht wird. Wer dagegen „The European“ dreimal im Monat aufruft, gehört schon zu den seltenen Stammgästen. Aber gerade der Erfolg in der Nische zeigt, dass die Grenzen des Journalismus im Internet neu gezogen wurden. Meinung behauptet sich inzwischen als eigenständiges journalistisches Angebot.

          Im Internet gilt für Autoren bislang allerdings fast ausschließlich das Freiwilligkeitsprinzip. Das Engagement muss der Einzelne sich leisten können, weil es kaum andere Quellen der Vergütung gibt. Dass die Redaktion von „The European“ ein Geschäftsmodell für insgesamt zweiundzwanzig Mitarbeiter gefunden hat, ist ein seltener und bemerkenswerter Fall.

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