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Online-Magazin „The European“ : Es geht auch ohne News-Aggregatoren

  • -Aktualisiert am

Rund 160 000 Leser besuchen die Internetseite von „The European“ im Monat. Im vergangenen Jahr erschienen neben der Online-Version zwei gedruckte Ausgaben des Magazins mit einer Auflage von 50 000 Exemplaren. Das gedruckte Exemplar gehört heute zum Geschäftsmodell, mit dem „The European“ Anzeigenpreise erzielt, die mit dem Politikmagazin „Cicero“ und dem Wirtschaftsmagazin „brandeins“ vergleichbar sind.

Auf Meinung eingestellt

Für die Vermarktung bleibe die Größe des Publikums aber durchaus interessant, sagt Görlach. Dass er viele Bundestagsabgeordnete beim Vornamen anspricht, beeindruckt die Werbebranche nämlich nicht. Für den sechsunddreißig Jahre alten Görlach ist der lockere Umgang mit Parlamentariern inzwischen Alltag, „wenn sie in meinem Alter sind“. Die meisten von ihnen nutzten das Internet ohnehin intensiv. Sie als Autoren für „The European“ zu gewinnen, sei daher von Anfang an leicht gewesen, sagt Görlach. Auch Außenminister Guido Westerwelle oder Frank-Walter Steinmeier gewann er für Interviews, Letzterer war sogar Gast beim dritten jährlichen Empfang der Redaktion. Im weiten Internet ist es dann doch die Nähe in der Hauptstadt, die Aufmerksamkeit garantiert und den Erfolg ausmacht.

“Wir sind eine Antwort auf die Frage, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte“, sagt Görlach. „Irgendwoher müssen die Nachrichten aber kommen“, fügt er an. „The European“ hat sich als Institution im Meinungsjournalismus etabliert, welche sich gegen die jungen Internet-Trends der Crowdfunding-Reportagen („Krautreporter“) oder des Daten-Journalismus („OpenDataCity“) abgrenzt. Den vermeintlichen Selbstläufern steht eine erfolgreiche Selbsterfindung gegenüber. Die Idee entwickelte Görlach als Online-Chef des „Cicero“. Nachdem ihm der Ringier-Verlag zu enge Grenzen aufgezeigt hatte, gelang ihre Verwirklichung als selbständige Unternehmung.

Erfolgreiche Nischenexistenz

Dem Trend, dass Journalisten, die ausschließlich im Internet publizieren, selbst Unternehmer werden müssen, kann auch Görlach sich nicht entziehen. Er beschreibt sich als „akademisch zugerüstet aber aus der Praxis kommend“, mit einem großen Faible für das Unternehmertum. Als Zweiundzwanzigjähriger kam er in die Nachrichtenredaktionen des ZDF. Er war als Reporter, Redakteur und Kommentator für Fernsehsender und Tageszeitungen tätig, arbeitete für Stiftungen, die Deutsche Bischofskonferenz und als stellvertretender Pressesprecher einer Bundestagsfraktion, heute hat er mehrere Lehraufträge inne. Nach dem Studium in Mainz, Rom und Kairo promovierte er zweimal zum interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Islam und zum Karikaturenstreit. Diese Biographie ist freilich derart einzigartig, dass sich aus ihr nur wenig Allgemeines für den Journalismus der Zukunft ableiten lässt.

Stattdessen stellt Alexander Görlach im Subtext seines Erfolgs eine entscheidende Frage: Kann die Gesellschaft auf Journalismus als Beruf verzichten, weil das Internet einen Ad-hoc-Journalisten ermöglicht, der für nur einen einzigen einordnenden Text als Experte in diese Rolle schlüpft? Der Reichweitenvergleich mit den großen deutschsprachigen Nachrichtenangeboten im Internet verneint das bislang. „The European“ kommt auf knapp ein Prozent der Besucher von „Bild.de“, dem meistangeklickten deutschen Nachrichtenportal im Internet, das von seinen Lesern nahezu täglich besucht wird. Wer dagegen „The European“ dreimal im Monat aufruft, gehört schon zu den seltenen Stammgästen. Aber gerade der Erfolg in der Nische zeigt, dass die Grenzen des Journalismus im Internet neu gezogen wurden. Meinung behauptet sich inzwischen als eigenständiges journalistisches Angebot.

Im Internet gilt für Autoren bislang allerdings fast ausschließlich das Freiwilligkeitsprinzip. Das Engagement muss der Einzelne sich leisten können, weil es kaum andere Quellen der Vergütung gibt. Dass die Redaktion von „The European“ ein Geschäftsmodell für insgesamt zweiundzwanzig Mitarbeiter gefunden hat, ist ein seltener und bemerkenswerter Fall.

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