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Online-Konzerne : Jetzt seid doch endlich mal happy!

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Manche brauchen keinen „Chief Happiness Officer“: Frohsinn beim „World Laughter Day“ im indischen Bhopal. Bild: dpa

Das Silicon Valley will die Welt nicht nur erobern, sondern alle Menschen glücklich machen. Bei manchen Internetkonzernen sitzen schon Glücksbeauftragte im Vorstand. Macht uns das froh?

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          Bei kleinen Start-ups ebenso wie bei den Tech-Giganten arbeitet eine ganze Armada von Mitarbeitern daran, uns glücklich zu machen. Neben dem CEO (Vorstandschef) und dem CFO (Finanzchef) gibt es jetzt den CHO - den Chief Happiness Officer.

          Im Hauptquartier in Mountain View können die Google-Mitarbeiter von Etage zu Etage rutschen, in zu Sesseln umfunktionierten Schiffen ihre kreativen Ideen ausleben und in einer „Stresskapsel“ einfach mal abschalten. Es ist wie in Dave Eggers’ Roman „The Circle“. Googles Campus spiegelt die Philosophie wider, die darin besteht, den angeblich „glücklichsten, produktivsten Arbeitsplatz auf der Welt zu schaffen“, wie es der Google-Sprecher Jordan Newman einmal formulierte. Die Mitarbeiter gelten als äußerst zufrieden. Und so wie den Google-Schaffenden soll es auch den Nutzern ergehen. Das Silicon Valley will uns beglücken. Bei dem Internetdienst „Medium“ kümmert sich bei Anfragen ein ganzes Team um „User Happiness“.

          Auf Youtube kann man lustige Videos sehen, auf Google Maps sich mit dem Urlaubsort vertraut machen, und im Roboterauto kann man demnächst durch die City düsen. Google ist eine Glücksmaschine. In den Google-Laboren tüfteln Ingenieure an den Algorithmen des Glücks. Googles Chief Happiness Executive, Chade-Meng Tan, leitete ein Panel mit dem Titel „Make Yourself the Happiest Person on Earth“. Glücklichsein wird zur obersten Daseinsform, es gibt Glücksunterricht, Ökonomen argumentieren nach dem Happy-Planet-Index. Auf einmal ist Bhutan das Vorbild. Doch dahinter steckt mehr: Das Silicon Valley hegt die Obsession, die Menschheit glücklich zu machen.

          Der Internetkritiker Andrew Keen, Autor des Buchs „The Internet is Not the Answer“, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Mit ihrer quantitativen Analyse der Welt haben sich die Tech-Konzerne an dem utilitaristischen Prinzip abgearbeitet, Wohlgefallen zu maximieren und Pein zu minimieren. Es ist eine kindische Vorstellung der Conditio humana, die von Jeremy Bentham im frühen 19. Jahrhundert entwickelt wurde.“ Bentham, der englische Sozialreformer, war der Vater der Glückstheorien. Er schrieb, dass aufgeklärte Politiker das größtmögliche Glück für viele Leute anstreben sollen. Glück war bei Bentham als Nutzen festgelegt. Heute wird Glück normativ definiert.

          Die Internetkonzerne meinen zu wissen, was Bürger glücklich macht: Welche Präferenzen wir haben, wissen sie im Idealfall schon vorher. Im Sommer des vergangenen Jahres verfolgte die Soziologin und Bloggerin Zeynep Tufekci die Unruhen in Ferguson. Während ihre Twitter-Feeds vor Berichten überquollen, las sie auf ihrem Facebook-Profil nichts von den Protesten - obwohl sie mehrere Nachrichtenseiten geliket hatte. Stattdessen zeigte ihr Facebook Videos und Einladungen zur Ice Bucket Challenge. Erst am nächsten Tag erfuhr sie auf Facebook über die Ereignisse. Der Aufruhr war offenkundig nicht trendig genug. Facebooks Algorithmen bestimmten autoritativ, was den Nutzer zu interessieren hat. Letztes Jahr hatte Facebook die Newsfeeds von 700 000 Nutzern manipuliert, um zu sehen, wie Nachrichten die Stimmungslage der Nutzer beeinflussen. Ein gigantisches soziales Experiment. Facebooks Produktdirektor Adam Mosseri sagte gegenüber „Medium“: „Die Menschen wollen Dinge sehen, die sie zum Lächeln bringen oder glücklich machen, nicht unbedingt Informationen, die super gehaltvoll sind.“ Die Nanny Facebook glaubt zu wissen, was gut für ihre Nutzer ist.

          „Computerfirmen denken über uns wie kalkulierende Maschinen“, sagt Andrew Keen. „Glück kann quantifiziert werden.“ Sag mir, was du magst, und ich sage dir, was dich glücklich macht. Es klingt wie ein Heilsversprechen. Die Frage ist, warum sich die Internetkonzerne so fürsorglich um das Wohl ihrer Nutzer kümmern. Die Antwort ist simpel: Ein glücklicher Nutzer ist auch ein spendabler. Glück ist das Gefühl, auf dem die Ökonomie des Silicon Valley gründet.

          Glück wird per Haus geliefert

          Tony Hsieh, der Gründer des Online-Shopping-Dienstes Zappos, schrieb ein Buch mit dem Titel „Delivering Happiness“. Es war wochenlang auf der Liste der „New York Times“-Bestseller. Zappos behauptet, es liefere Glück, wenn es Schuhe liefere. An der Universität Stanford, dem intellektuellen Hallraum des Silicon Valley, sagte Hsieh: „Für uns ist das eine Auszeichnung, die ganze Idee von Glück als Geschäftsmodell, das in anderen Industrien und Unternehmen funktioniert.“ Der Gedanke: Glückliche Menschen kaufen mehr. Im Silicon Valley ist Glück nicht etwas, was man findet, sondern kaufen oder liefern kann. Das Silicon Valley ist von der Idee beseelt, dass sich alle Probleme per Knopfdruck lösen lassen. Solutionism nennt das der Internetphilosoph Evgeny Morozov. Der Begriff meint, dass die Übel der Welt mit Online-Technologien beseitigt werden können, wir müssen einfach nur die richtigen Algorithmen, Sensoren und sozialen Netzwerke anwenden. Die britische Version des Technik-Magazins „Wired“ titelte: „Afrika? Es gibt eine App dafür.“

          Es ist eine heilsgeschichtliche, quasireligiöse Mission: Wir tragen die Technik wie die Freiheit in die Welt. Das Streben nach Glück („The Pursuit of Happiness“) hatten die Gründerväter der Vereinigten Staaten in die Verfassung geschrieben. Doch das Glücksmantra der Technikkonzerne kommt ohne politisches Pathos daher. Das Silicon Valley, ein „apolitisches Fantasyland“, wie „Washington Post“-Autor Brian Fung einmal bemerkte, ist nicht nur unpolitisch, es depolitisiert uns auch. Das Ziel dieser Beglückungsstrategie ist, den Nutzer so lange einzulullen, bis er sich vollkommen in die Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsindustrie eingepasst hat. Die Weltformel der Technikkonzerne lautet verkürzt: Seid einfach glücklich!

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