https://www.faz.net/-gqz-whkb

Online-Kommentare : Wie sag ich's meinem Randalierer?

  • -Aktualisiert am

Das Verhältnis zwischen Lesern und Journalisten ist höchst fragil Bild: picture-alliance/ dpa

Wo alle reden und keiner zuhört: Die Online-Medien kämpfen mit der Flut der Nutzerkommentare. Denn die Illusion, sich tatenlos an klugen Leserdiskussionen zu erfreuen, ist dahin: Zu viele Störer sind im Netz unterwegs. Es gilt zu kontrollieren - doch wo endet die Moderation und beginnt die Zensur?

          Der Artikel ist inzwischen fünf Monate alt, aber immer noch wird er täglich kommentiert. Er heißt „Die öffentliche Hinrichtung der Eva Herman“, steht auf Welt Online und ist inzwischen zu einer Art Mahnmal für die Sinnlosigkeit von Leserkommentaren im Internet geworden. Wer alles lesen will, muss sich durch 852 Seiten und mehr als 4500 Kommentare klicken.

          Insgesamt waren es sehr viel mehr, aber die schlimmsten Hasstiraden sind offenbar gelöscht worden, wie man an den Kommentaren sehen kann, die sich über diese „Zensur“ beschweren - wenn nicht auch sie gelöscht wurden. Das Bedürfnis, sich zu äußern, scheint grenzenlos. Und die Verbissenheit, mit der hier um jede Wortmeldung gekämpft wird, steht in krassem Gegensatz zur Chance, in diesem unleserlichen Wust überhaupt wahrgenommen zu werden.

          Geht's um Ausländer, muss abgeschaltet werden

          Es gibt viele weitere Mahnmale, die allerdings schlechter als solche zu erkennen sind: all die Online-Artikel zum Beispiel über Ausländerkriminalität und den Islam, unter denen es keine Kommentarmöglichkeit gibt, weil sie irgendwann abgeschaltet wurde, nachdem eine Horde Fanatiker nicht enden wollende Mengen Hass und Menschenverachtung in die Diskussion gekippt hatte.

          Wenn Journalisten über die neue Medienwelt reden, in der Leser unter ihre Artikel im Internet einfach Kommentare schreiben können, klingt es oft, als sprächen sie von Naturkatastrophen - unkontrollierbar, mächtig, gefährlich. Bei „Stern“-Journalist Hans-Ulrich Jörges ist es gar eine Frage der Kanalisation: „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt“, formulierte er im vergangenen Sommer.

          Der Traum vom user generated content ist dahin

          Tatsächlich sehen sich viele große Medien plötzlich in der Rolle von Schleusenwärtern. Die Illusion, dass es reicht, unter jedem Artikel eine Kommentarmöglichkeit anzubieten und sich tatenlos an klugen Diskussionen und steigenden Klickzahlen zu erfreuen, ist dahin. „Nach der Phase der fast kindlichen Euphorie darüber, dass user generated content so einfach zu bekommen ist, müssen wir Medien nun dringend in die nächste Phase eintreten“, sagt Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de. „User, herzlich willkommen - aber nur die, die sich an die Mindestregeln von Communitys halten.“

          „Stern“ und „Welt“ sind von den etablierten Medien im Internet am weitestgehenden der Idee des barrierelosen Meinungsaustausches treu geblieben. Die Community-Managerin Katarina Rathert meint, nur dadurch, dass alle Nutzerbeiträge auf stern.de „ohne vorherige Kontrolle online gehen, ermöglichen wir den Usern eine schnelle und direkte Diskussion“. Aber ihr Chefredakteur Thomsen spricht auch von den Grenzen: „Bislang gelingt es uns ganz gut, die Meinungsrandalierer im Griff zu behalten. Aber wir diskutieren intern sehr ernsthaft, ob wir zum Beispiel das Anmeldeverfahren so ändern müssen, dass sich jeder mit seinem echten Namen an den Kommentaren beteiligen muss.“

          Auch eine Frage der Ressourcen

          Weitere Themen

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          May und das nächste „Maybe“

          FAZ.NET-Sprinter : May und das nächste „Maybe“

          Es wird gewählt. Und dieses Mal kann niemand behaupten, die letzten Wochen seien unpolitisch gewesen. Was an diesem Wochenende außer Europa sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Topmeldungen

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.
          Kam 1996 auf den Markt: das Schmerzmittel Oxycontin

          Amerikanische Opioid-Tragödie : McKinsey berät Purdue nicht länger

          Die amerikanische Opioidkrise hat schon Tausende Amerikaner das Leben gekostet. Im Zentrum der Tragödie steht das Pharmaunternehmen Purdue. McKinsey hat nun die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.