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Online-Journalismus : Es ist etwas weniger komfortabel

„Rue89”-Chefredakteur Pierre Haski, gestikulierend in der Mitte, ist nicht allein mit seinen Redakteuren: Die Leser sind online zugeschaltet Bild: Reuters

Zeitung und Internet, das ist in Frankreich kein Gegensatz. Das zeigen die Macher der beiden Internetzeitungen „Mediapart.fr“ und „Rue89“. Sie sind investigativ - und sie wollen Geld verdienen. Ein Redaktionsbesuch.

          Es sind geschäftige Tage für Edwy Plenel. Der Chefredakteur der französischen Internetzeitung „Mediapart.fr” musste vor ein paar Tagen vor Gericht erscheinen. Denn der neue Vorsitzende der Sparkassen Frankreichs, François Pérol, hat Plenel und seine Redaktion verklagt. „Médiapart“ hatte berichtet, Pérol sei von seinem alten Weggefährten Nicolas Sarkozy widerrechtlich auf seinen neuen Posten gehievt worden. Pérol klagte also wegen Diffamierung. Und weil es gerade so gut passt, hat Plenel mit einem sehr feinen Gespür für gelungenes Timing in diesen Tagen noch ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Combat pour une presse libre“ (Kampf für eine freie Presse).

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wohl deswegen herrscht in den Redaktionsräumen von „Mediapart“ zurzeit diese eigentümliche Atmosphäre angespannter Stille. In dem Großraumbüro im ersten Stock eines Hauses im 12. Arrondissement von Paris, in dem lauter kleine Start-up-Unternehmen ihr Quartier bezogen haben, ist es ruhig – und weiß. Weiße Tische, weiße Regale, in denen die Rückwände fehlen, weiße Apple-Computer. Es sieht alles so ordentlich und reduziert aus, dass der Eindruck entstehen könnte, hier sei noch gar nicht richtig gearbeitet worden. Aber der Schein trügt. Denn Plenel, der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung „Le Monde“, ist mit seinem Internetprojekt „Mediapart“ gelandet, wo er hin- wollte: im Herzen politischer Affären.

          Unabhängigkeit in Überlebenszeiten

          Mit dem Anspruch, den Politikern Frankreichs auf die Finger zu schauen, solide Recherche zu betreiben und notfalls unbequem zu sein, ist der 56 Jahre alte Plenel vor gut einem Jahr mit „Mediapart“ online gegangen. Er hat sich eine Redaktion aus 25 erfahrenen Journalisten zusammengesucht, von denen einige ihre mehr oder weniger sicheren Arbeitsplätze bei Zeitungen wie „Le Monde“, „Le Parisien“, „Marianne“ oder „Libération“ aufgegeben haben. Sie wollten etwas Neues wagen: eine unabhängige Zeitung allein im Internet, die sich nicht durch Werbung, sondern mittels der Abonnements ihrer Leser finanziert. „Wir glauben“, sagt der Directeur éditorial François Bonnet, „dass die Zeit gekommen ist, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie Informationen kaufen müssen.“ Nur durch den Kauf garantiere der Leser die Unabhängigkeit der Zeitung, Werbung hingegen könne unabhängige Informationen nicht finanzieren.

          Nach „Le Monde” heute online mit „Mediapart”: Chefredakteur Edwy Plenel

          Wie nicht anders zu erwarten war, gab es nur wenige in Frankreich, die dem Unternehmen eine lange Überlebenszeit vorhergesagt haben. Selbst die Kollegen von „Rue89“ hätten schnell abgewinkt, erzählt Bonnet. „Rue89“ ist eine Internetzeitung, die vor rund zwei Jahren an den Start gegangen ist und mittlerweile neben „Mediapart“ als eine der ersten Adressen für anspruchsvollen Journalismus gilt. Die Gründer von „Rue89“, zu denen die einstigen „Libération“-Journalisten Pierre Haski und Pascal Riché gehören, mochten aber auf Werbeeinnahmen nicht verzichten. Die redaktionellen Angebote auf ihrer Seite sind dafür kostenlos.

          Tradition der Meinungsjournalisten

          Allerdings scheint auch die Bezahl-Variante von „Mediapart“ zu funktionieren. Zwar rennen die Franzosen der Redaktion in der Passage Brulon nicht die Türen ein, aber die Zahl der Abonnenten steigt beständig. Fünfzigtausend brauche „Mediapart“, um rentabel zu sein, 13 000 seien es bisher, sagt Bonnet. In jedem Monat kämen zwischen fünfhundert und tausend neue hinzu. Sie bezahlen zwischen fünf und neun Euro im Monat und erhalten dafür den Zugang zu einer täglich digital erscheinenden Zeitung mit einem klaren Aufmacher („la Une“) sowie Reportagen und Hintergrundartikeln zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. „Es ist weniger komfortabel hier als in unseren früheren Redaktionen“, sagt einer der Redakteure. Dennoch bereut er es nicht, seinen alten Arbeitsplatz verlassen zu haben. „Hier kann ich so arbeiten, wie ich es möchte. Journalisten sind dafür da, den Verantwortlichen in dieser Gesellschaft auf die Nerven zu gehen.“

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