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Online-Filmfestival „We Are One“ : Nicht gegeneinander, miteinander streamen wir

Der übliche Rummel ist unter den gegenwärtigen Umständen undenkbar: Fotografen am roten Teppich von Cannes. Bild: Picture-Alliance

Aus Toronto kam die Idee, Cannes, Venedig und Berlin sind mit dabei: Unter dem Titel „We Are One“ machen internationale Filmfestivals gemeinsam bei Youtube Programm. Verlieren kann bei der Sache niemand.

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          Die Idee hatte zuerst Cameron Bailey, künstlerischer Direktor des Filmfestivals von Toronto, das jährlich in der ersten Septemberhälfte stattfindet und dessen Schicksal in diesem Jahr noch unklar ist. Aufgegriffen hat sie Jane Rosenthal vom Tribeca Filmfestival in New York, das in diesem Jahr nicht stattfindet. Und dann machten viele mit: Cannes, Venedig, Berlin, Locarno, Jerusalem, Annecy, Sarajewo, Karlovy Vary, Sundance, Guadalajara, Mumbai, San Sebastian, Rotterdam, Marrakesch, Sydney, Tokio, London, Macao und New York, alles Städte mit traditionsreichen Festivals, die in diesem Jahr entweder abgesagt oder verschoben wurden. Die Berlinale immerhin konnte knapp vor Pandemieausbruch noch stattfinden, und Venedig hat die Hoffnung auf eine (wenn auch veränderte) Corona-Ausgabe noch nicht aufgegeben.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Trotzdem sind sie bei „We Are One“ dabei, einem Online-Festival, das an diesem Freitag eröffnet worden ist, noch bis zum 7. Juni auf Youtube stattfindet und aus Programmen der genannten Festivals gespeist ist. Was nicht bedeutet, das Filmfestival von Cannes würde etwa jene Filme online verfügbar machen, die als Premieren in der diesjährigen (abgesagten) Ausgabe vorgesehen waren. Soweit will und kann das Festival gar nicht gehen, dagegen stehen Copyright- und Auswertungsbeschränkungen, die jenseits der Festivalzuständigkeit liegen. Auch hat sich Cannes ausdrücklich gegen eine eigene Online-Ausgabe entschieden, warum sollte es also Namen und Programm einer Gemeinschaftsaktion zur Verfügung stellen?

          Vielmehr hat das Festival angekündigt, am 3. Juni die Titel bekanntzugeben, die in diesem Jahr an der Croisette programmiert gewesen wären und ihnen einen „Cannes Stempel“ aufdrücken, der ihnen auf dem Weg durch den Markt und zum Publikum möglicherweise hilfreich sein kann. Was Cannes (und auch die anderen Festivals zum großen Teil) zu „We Are One“ auf Youtube schickt, sind Filme von früheren Ausgaben, wogegen angesichts des Schicksals zahlreicher Werke, die niemals ein anderes als ihr Festivalpublikum erreichen, ja gar nichts einzuwenden ist.

          „We Are One“ ist also nicht der Ersatz für die ausgefallenen Festivals. Sondern ein von all diesen internationalen Filmfestivals mit jeweils fünf Stunden, so heißt es, bestücktes eigenes Online-Ereignis. Es gibt Premieren zu sehen und Nachgespieltes – aber selbst für jemanden, der in den vergangenen Jahren viele Festivals besucht hat, ist unter dem Nachgespielten kaum ein bekannter Film. Eine große Chance zum Nachholen also. Was es zu sehen gibt? Nach Zahlen: 23 Spielfilme, 8 Dokumentarfilme, viele Kurzfilme, einige mittellange, Animation, Action, Queeres, Experimentelles, genau wie einem richtigen Festival, dazu Diskussionen mit Filmemachern von Jackie Chan bis Jane Campion, diese aufgezeichnet beim Sundance Film Festival. Wer daran verdient? Die Sache ist fürs Publikum kostenlos. Es gibt aber einen Spendenknopf für die Unicef.

          Es ist für Filmfestivals eine heikle Entscheidung, ihre Veranstaltungen ins Netz zu verlegen, könnten doch bei Erfolg des Online-Events Sponsoren und Beteiligte der Idee auch für die krisenärmere Zukunft etwas abgewinnen, die Sache kostengünstig ganz oder teilweise ins Digitale zu verlegen. Eine gemeinsame Aktion wie „We Are One“, noch dazu verbunden mit dringend erhoffter Wohltätigkeit, ist da das deutlich geringere Risiko. Außerdem fördert, so ist zu vermuten, das Abspielen von Festivalfilmen aus der Vergangenheit im Netz das Image der Kuratoren und wird, wenn sich die Filme beweisen, die Lust auf die nächste Edition des jeweiligen Live-Ereignisses sicher steigern, für Aufmerksamkeit und dafür sorgen, dass ein Festival auch ohne aktuelle Ausgabe im Gespräch bleibt. Verlieren kann bei der Sache also eigentlich niemand.

          Fast gleichzeitig mit der Veröffentlichung des Programms von „We Are One“ ließ Netflix mitteilen, es werde in diesem Jahr weder Filme noch „talent“, also Filmemacherinnen oder Schauspieler, zu einem Filmfestival schicken. Vermutlich hat das mit der Entscheidung der Oscar-Academy zu tun, für dieses Jahr auch Filme zuzulassen, die keinen Kino-, sondern nur einen Streamingstart hatten. Die Nachricht aus dem Hause Netflix betrifft vor allem Venedig und Toronto, die beiden verbleibenden großen Festivals, die ihre Ausgaben 2020 noch nicht abgesagt haben. In Venedig hatte der Netflix-Film „Roma“ vor zwei Jahren den Hauptpreis gewonnen, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch in diesem Jahr dort mit Produktionen des Streaming-Dienstes gerechnet wurde. Bei „We Are One“ nicht. Netflix streamt, aber nicht auf Youtube.

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