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Wikipedia in der Wissenschaft : Wie viele Leistungspunkte bringt ein Eintrag?

  • -Aktualisiert am

In akademischen Kreisen hat sie einen zweifelhaften Ruf: Doch die Wikipedia hat ein beeindruckendes Niveau erreicht. Bild: dpa

Zitieren dürfen sie die Wikipedia nicht. Nun sollen Studenten in Berkeley an der Enzyklopädie mitschreiben. Anlass zur Frage: Wie steht es um das Verhältnis von Wissenschaft und Wikipedia?

          Weil seine Studenten nicht auf ihn hören wollten, wurde Horst Enzensberger zum Wikipedia-Autor. Der Bamberger Historiker hatte den Eindruck, dass sich insbesondere junge Studenten auf die Online-Enzyklopädie verließen. Seine Mahnung, die Artikel entsprächen nicht wissenschaftlichen Standards, lief ins Leere.

          Da ging Enzensberger in die Offensive: „Wenn die Studenten die Warnungen nicht akzeptieren, dann muss man selbst etwas ändern.“ Enzensberger begann mit der Überarbeitung der Wikipedia-Artikel zu seinem Fachgebiet, den historischen Hilfswissenschaften.

          Eine so pragmatische Einstellung haben wenige Professoren. Die Wikipedia genießt in akademischen Kreisen einen zweifelhaften Ruf. Das liegt vor allem daran, dass gemütliche Studenten die Einträge nur zu gerne ungeprüft zur Grundlage ihrer Referate und Hausarbeiten machen. Doch eine halbe Milliarde Nutzer pro Monat und über dreißig Millionen Einträge verdeutlichen den Erfolg des Nachschlagewerks.

          „Open Access“ auch durch Wikipedia

          In Zeiten der zunehmenden Monopolisierung und Kommerzialisierung verkörpert die Wikipedia die Ideale des offen gedachten Internets. Tausende Menschen versuchen, das Wissen der Welt zusammenzutragen - jeder kann teilhaben, als Leser und als Autor.

          Im Rahmen der Debatten über „Open Access“ wird momentan hitzig diskutiert, inwiefern Wissenschaftler verpflichtet werden können, ihre Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit kostenfrei verfügbar zu machen. Doch wie viele Bürger werden die Informationen in Fachaufsätzen finden?

          „Da muss man die Idee von Open Access vielleicht einmal den zeitlichen Umständen angemessen umsetzen“, empfiehlt Enzensberger. Er hält Wikipedia schon wegen der enormen Reichweite für eine geeignete Plattform. „Ich empfinde es als Aufgabe des Hochschullehrers, dass er auch dort seine Kenntnisse einbringt.“ Mittlerweile emeritiert, verbringt Enzensberger täglich mehrere Stunden mit dem Schreiben und Redigieren von Artikeln der Enzyklopädie.

          Wikipedianik als Unterrichtsfach

          Die kalifornische Universität Berkeley versucht den Brückenschlag zur Wikipedia nun zu institutionalisieren und rückt dabei die Studenten in den Fokus. Als „Wikipedian-in-Residence“ unterstützt Kevin Gorman die Durchführung von Kursen, in denen das Schreiben eines Wikipedia-Eintrags fester Bestandteil ist.

          Dabei geht es nicht nur um die Produktion neuer Inhalte. Die Artikel für die Wikipedia werden zum Übungsobjekt für das wissenschaftliche Schreiben. Die Vermeidung von Plagiaten, eine verständliche Sprache, eine möglichst neutrale wissenschaftliche Perspektive - diese publizistischen Fertigkeiten will Gorman den Studenten in speziellen Übungen vermitteln.

          Der vierundzwanzig Jahre alte Geograph hofft, durch die Kurse auch die Autorenschaft der Wikipedia zu diversifizieren. Etwa neunzig Prozent der Autoren seien Männer, die meisten stammten aus den Industrienationen, ein Drittel beherrsche eine Programmiersprache.

          Preisgekrönte Wikipedia-Artikel von Experten

          „Wenn eine Plattform einem großen Teil der Welt als erste Anlaufstelle für Informationen dient, dann ist dieses systematische Ungleichgewicht ein Grund für große Beunruhigung“, so Gorman im Gespräch. Er sieht seine Stelle als Pilotprojekt und möchte ein Konzept entwickeln, das andere Universitäten übernehmen können. Daher wird er den Ablauf der Kurse frei zugänglich dokumentieren.

          Dass der Ansatz scheitern kann, weiß Gorman. Er verweist auf Versuche an anderen Universitäten, bei denen eine gründliche Betreuung fehlte. Viele Teilnehmer stellten Artikel voller Fehler oder Plagiate ins Netz. „Da ist dann die Last für die Wikipedia-Gemeinde schnell größer als der Nutzen.“

          Er ist der erste Wikipedian-in-residence an einer Universität: Der 24-jährige Geograph Kevin Gorman

          „Die Frage ist, ob Studenten es schaffen, einen guten Artikel zu schreiben“, sagt Josef Winiger. Er, der als Übersetzer arbeitet, hat selbst einen preisgekrönten Artikel geschrieben. Sein Eintrag über den Philosophen Ludwig Feuerbach wurde 2007 von Juroren aus Wissenschaft und Wikipedia mit der Zedler-Medaille ausgezeichnet. Ein fundierter Artikel entstehe nicht an ein paar Abenden, gibt Winiger zu bedenken. Er nahm sich vier Wochen Zeit. Vor allem verfügte er über die nötige Expertise. Winiger hatte seine Dissertation über Feuerbachs Weg zum Humanismus geschrieben und ist Autor einer Feuerbach-Biographie.

          „Studenten produzieren öffentliches Wissen“

          Dass Studenten den nötigen Überblick haben, um in den Geisteswissenschaften substantiell zur Wikipedia beizutragen, bezweifelt er. Dafür seien die meisten Einträge mittlerweile zu gut.

          In Berkeley liegt der Fokus, vielleicht auch aus diesem Grund, nicht auf wissenschaftlichen, sondern auf gesellschaftlichen Themen. Gormans Stelle, die zunächst bis zum Sommer befristet ist, wird vom „American Cultures Engaged Scholarship Program“ finanziert, das die Barrieren zwischen Zivilgesellschaft und Universität überwinden möchte.

          In dem Kurs des Umweltwissenschaftlers Dara O’Rourke schreiben Studenten zum Beispiel über die urbane Landwirtschaft in der Region Oregon. „Die Studenten produzieren öffentliches Wissen, verbessern die Berichterstattung über ökologische Themen und nehmen an einer öffentlichen Debatte teil“, benennt O’Rourke die Vorteile.

          Wenig Anklang bei potentiellen Autoren

          Die Idee, Wikipedia in die Universitäten zu bringen, ist nicht neu. Der Verein Wikimedia Deutschland, Träger der verschiedenen Wiki-Portale, lancierte 2011 ein Hochschulprogramm. In diesem Rahmen wurden Dozenten geschult und an verschiedenen Universitäten Kurse zur Wikipedia angeboten. Teilweise war das Schreiben eigener Artikel vorgesehen.

          Dauerhaft konnten durch die Initiative jedoch nur wenige neue Autoren gewonnen werden. Daher ruht das Projekt seit 2013. Zwar gibt es weiterhin das wiki:team, eine Gruppe freiwilliger Referenten, die, unabhängig von Wikimedia, Bildungseinrichtungen im Umgang mit Wikipedia unterstützen. Doch ihre Arbeit ist vorwiegend auf Schulen und die Vermittlung von Medienkompetenz ausgerichtet.

          Kooperation zwischen Wissenschaftlern und Autoren

          Der Verein Wikimedia habe, so Barbara Fischer, die Kuratorin für Kulturpartnerschaften, den Fokus mittlerweile stärker auf „open educational resources“ gerichtet. Hinter dem Ausdruck verbirgt sich eine gezielte Kooperation mit Museen, Archiven und Bibliotheken.

          Deren Schätze sollen über die Wikipedia für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Im Rahmen der Initiative „GLAM on Tour“ etwa öffnen Museen gestandenen Wikipedia-Autoren für einige Tage die Türen ihrer Magazine. Die arbeiten dann, meist gemeinsam mit Mitarbeitern der Einrichtung, an der Präsentation des Bestands.

          Als erster „Wikipedian-in-Residence“ ging Marcus Cyron 2012 an das Deutsche Archäologische Institut. Er schrieb selbst keine Artikel, sondern vermittelte Kontakte zwischen den Mitarbeitern des Instituts und den Autoren der Wikipedia und warb für ein gegenseitiges Verständnis der Arbeitsweisen. Aus der Kooperation ging neben zahlreichen Artikeln auch eine interaktive Limes-Karte hervor - über einen Klick können dort Einträge zu Fundstellen aufgerufen werden.

          Kriege ums letzte Wort

          Die Aufbereitung und Präsentation von Informationen rückt bei Wikimedia offenbar verstärkt in den Blick. Im Rahmen der Initiative „Coding Da Vinci“ soll zwischen April und Juli ein „Kulturhackathon“ stattfinden, auf dem Programmierer gemeinsam mit Kuratoren innovative Konzepte zur Aufbereitung digitaler Archivbestände entwickeln.

          Diese Programme lassen eine Besinnung auf eigene Stärken erkennen. Denn für die Erfassung, Einordnung und Präsentation historischer Objekte eignet sich eine offene Online-Enzyklopädie mit den Möglichkeiten der Verlinkung, Datenfülle und Animation besser als das klassische Nachschlagewerk.

          Für thematische Einführungen in den Geisteswissenschaften gilt das nicht. Dort birgt die offene Form eine Gefahr. Es drohen, gerade bei politisch aufgeladenen Themen, sogenannte „edit wars“, in denen über einen längeren Zeitraum hin immer wieder ähnliche Änderungen am Artikel vorgenommen und rückgängig gemacht werden.

          „Man schaut nicht mehr im Brockhaus nach“

          In wissenschaftliche Studien, die Einträge verschiedener Nachschlagewerke vergleichen, schneidet die Wikipedia bei der Fehlerquote meist überraschend gut ab und steht redaktionell geprüften Einträgen kaum nach. Kritisiert werden aber eine aus akademischer Sicht schwer nachvollziehbare Gewichtung einzelner Themen und ein wenig überzeugender sprachlicher Stil.

          Wikipedia-Artikel werden entlang eindeutiger Fakten verfasst, Jahreszahlen, Personen, Kuriositäten rücken in den Vordergrund. Widerstreitende Meinungen finden in Unterkapiteln Platz, wodurch der Text zusätzlich zergliedert wird. Die Verpflichtung zu neutralem Stil eignet sich für den Eintrag über ein mathematisches Theorem, aber auch für Kontroversen über die Französische Revolution?

          Die Enzyklopädie erfüllt trotzdem eine wichtige Funktion. „Wenn man mal schnell etwas nachgucken will, schaut man ja nicht mehr im Brockhaus nach - ich zumindest nicht“, sagt die Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger. Doch sie bezweifelt, dass die „Logiken“ von Wikipedia und Wissenschaft vereinbar sind. „Unser Wissenschaftsprinzip, wie es sich seit dem achtzehnten Jahrhundert entwickelt hat, beruht ja auf der Einführung wissenschaftlicher Standards und fachlicher Kontrollen.“

          Eine zentrale Rolle für die Glaubwürdigkeit spiele dabei, dass die einzelnen Personen namentlich bekannt seien. Die fehlende Kennzeichnung der Autoren bei Wikipedia sei ein strukturelles Problem: Der Laie habe keinen unmittelbaren Anhaltspunkt, ob ein Artikel fachlich solide sei oder nicht.

          Dass einige Kollegen in ihrer Freizeit oder nach der Emeritierung für die Wikipedia in die Tastatur greifen, findet Stollberg-Rilinger „verdienstvoll“. Doch wie vielen Hochschullehrern fehlt ihr für eigene Mitarbeit die Zeit. Der erhebliche Mehraufwand ist auch das schlagende Argument gegen eine Publikation von Forschungsergebnissen in der Enzyklopädie.

          An den meisten Universitäten wird wohl weiter die Vermittlung einer kritischen Nutzung der Wikipedia im Vordergrund stehen. Das Niveau, das die Enzyklopädie erreicht hat, beweist, dass das nicht unbedingt schlimm sein muss. Auch ohne eine institutionalisierte Kooperation profitieren Wissenschaft und Wikipedia voneinander.

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