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Kinderfernsehen und Internet : Meine Apps ess’ ich nicht

  • -Aktualisiert am

Da hilft kein Schneckenkorn: Bei Super RTL rasen Mollusken. Bild: Super RTL

Das Kinderfernsehen schwört dem Internet ab: Super RTL setzt nicht aufs Netz, sondern aufs Fernsehmachen nach alter Schule - und, um neben Sendern wie Disney Channel zu bestehen, auch auf Action und Getöse.

          Seltsame Töne aus dem Hause Super RTL: Man hat genug vom „Internet-Hype“. Seit fünfzehn Jahren werde prophezeit, alles wandere ins Netz ab, lineares Fernsehen sei am Ende, Gewinne erziele man nur noch online, sagt Claude Schmit, der Geschäftsführer des Kindersenders: „Passiert ist nichts!“ Deshalb träten die Kölner auf die Bremse: „Ich wollte nicht noch einmal fünfzehn Jahre warten.“ Die Verlängerung der Marken ins Netz finde weiter statt. Aber man konzentriere sich nun doch wieder aufs Fernsehmachen nach alter Schule.

          Die von der Medienagentur „HMR International“ jeweils mit Partnern ausgerichteten „Fernseh-Gipfel“ zu Bereichen wie Show, Serie oder „Factual Entertainment“ haben sich als Branchentreffs etabliert, bei denen sich Produzenten und Programmmacher treffen, neue Trends und Entwicklungen vorgestellt werden. Erstmals fand nun ein „Kids-Summit“ statt. Mit Super RTL, Marktführer im Kinderfernsehen (knapp vor dem Kinderkanal Kika), hat man einen Kooperationspartner gewonnen, der im vergangenen Jahr heftig rotierte. Denn mit dem Wechsel des deutschen Disney- Channels ins frei empfangbare Fernsehen Anfang dieses Jahres war für Super RTL quasi über Nacht knapp ein Drittel der Programminhalte perdu, auch wenn der Sender weiterhin je zur Hälfte RTL und dem Disney-Konzern gehört.

          Den „Kids-Summit“ nutzten die Senderchefs von Super RTL nun für eine erste öffentliche Bilanz. Und die fiel erwartungsgemäß positiv aus, denn nach einem kurzzeitigen Einbruch ist der Sender wieder Marktführer und hat sogar Zuwächse zu verzeichnen. Die Schwierigkeiten, plötzlich so viel Programmfläche füllen zu müssen, wurden aber nicht bemäntelt. Laut Chefeinkäufer Frank Dietz hat sich der Disney-Auszug angefühlt, als sei man von einem Elternteil sitzengelassen worden. Die Lücke soll geschlossen werden durch Wissenssendungen, Klassiker-Remakes nach dem „Chipmunks“-Modell sowie viel Material von Dreamworks Animation. Mit dem freilich deutlich kleineren Disney-Konkurrenten (zu Disney gehören unter anderem Pixar und Marvel) hat Super RTL eine Kooperation vereinbart, agiert als regelrechter Dreamworks-Agent für den deutschsprachigen Raum.

          Hypernervosität durch Multimedia

          Super-RTL-Programmdirektor Carsten Göttel glaubt, dass neunzig Prozent des Programms der vier Kindersender in Deutschland - neben Super RTL und dem Kika sind das mit etwa der Hälfte der Zuschauer Nickelodeon und eben der Disney-Kanal - austauschbar seien. Und doch habe Dreamworks ein anderes Image als Disney mit seinem „Es war einmal“-Nimbus: Nach dem Motto „Na, wie gefällt euch das?!“ werde es nun bei Super RTL provokativer zugehen. Noch lauter, heißt das wohl übersetzt. Dabei herrscht an Krach und Tempo kein Mangel in der animierten und nichtanimierten Kinder-Fiktion, wie die gegenwärtigen Produktionen der Studios zeigen: Von „Planet Play“ (Kinder im Dauerclinch mit ihren Nanny-Drohnen) über „Star Wars Rebels“ und „Sam Fox: Extreme Adventures“ (Teenager übersteht alle Gefahren) bis zu „Henry Danger“ (eine Trash-Superman-Version für Kinder) dominieren Getöse und Action.

          Und was sagen die Vertreter des öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehens dazu? Nicht viel, denn Barbara Biermann, Leiterin der Hauptredaktion Kinder und Jugend im ZDF, und Brigitta Mühlenbeck, Programmgruppenleiterin im WDR, mussten feststellen, in einer Super-RTL-Werbeveranstaltung gelandet zu sein. Claude Schmits Breitseite gegen den Internet-Hype konnten sie jedoch zustimmen, wenn auch aus anderen Gründen: Mit immer mehr Multimedia fördere man nur Hypernervosität.

          Ob Stress-Sendungen wie die genannten nicht schon an sich nervös machen, sei einmal dahingestellt. Wichtiger scheint die Frage: Ist Cross-Media bereits gescheitert? Doch kaum stellte Marc Goodchild von der Firma Syncscreen den neusten Hot Shit aus der App-Hölle vor, war die Begeisterung wieder da: Programme, die über das Mikrofon von Tablets identifizieren, an welcher Stelle einer Sendung sich der Zuschauer gerade befindet, und die somit sekundengenau reagieren können, das wird doch nun wirklich die Unterhaltung revolutionieren. Oder?

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