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Discovery kauft Olympia-Rechte : ARD und ZDF wollen nicht bloß am Boden turnen

Im Zeichen der fünf Ringe: So sah das bei den Winterspielen in Sotschi aus. Bild: WITTERS

Ein historischer Tag für Discovery-Chef David Zaslav, ein erschütternder für die Intendanten von ARD und ZDF: Der Discovery-Konzern hat die Olympia-Rechte gekauft. Was folgt daraus für die Sender und die Zuschauer?

          In die langen Gesichter der Intendanten von ARD und ZDF hätte man am Montag gern gesehen. Bass erstaunt waren sie, die gewohnt sind, Spitzensport jeder Art jederzeit im Programm zu haben. Nun nicht mehr: Die Olympischen Spiele sind für die Jahre 2018 bis 2024 erst einmal weg. Der amerikanische Discovery-Konzern, zu dem der Sender Eurosport gehört, hat für 1,3 Milliarden Euro die Senderechte an zwei Olympischen Sommer- und zwei Winterspielen gekauft. Von einem historischen Tag sprach der Discovery-Chef David Zaslav. Dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, platzte der Stolz aus jedem Knopfloch, doch gab er zugleich demutsvoll Entwarnung: Es sei ja noch gar nichts passiert. Discovery sei bereit, „Verhandlungen aufzunehmen über Abkommen mit anderen Übertragungsanstalten“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nichts passiert? Es ist sehr wohl etwas geschehen: Thomas Bach setzt sich mit diesem Deal in Sepp-Blatter-Manier von den einstmals großmächtigen öffentlich-rechtlichen Sendern ab. Er legt das Fundament für einen Olympia-Kanal, den das IOC in eigener Regie gemeinsam mit Discovery entwickelt, und er wählt mit dem amerikanischen Medienkonzern einen Partner, der sein Programm dem Sport vollständig verschrieben hat, mit Eurosport im sogenannten freien und mit Eurosport 2 im Abo-Fernsehen und - was für die Zukunft immer wichtiger wird - im Internet: Sport pur von morgens bis abends.

          Olympia hinter der Paywall?

          Das wollte das IOC schon immer - bis dato von ARD und ZDF. Wie sehr die Öffentlich-Rechtlichen sich auch ins Zeug legten, mit 260 Stunden Sendezeit bei den letzten Olympischen Sommerspielen etwa, den Funktionären des IOC beziehungsweise des Deutschen Olympischen Sportbunds DOSB und insbesondere Thomas Bach war es nie genug. Sport, mehr Sport, noch mehr Sport lautet die Devise, und um mehr Geld geht es selbstverständlich auch. 130 Millionen Euro haben ARD und ZDF für die letzte Olympia-Ausgabe angeblich bezahlt, von Discovery bekommt das IOC nun 1,3 Milliarden Euro. Was allerdings geradezu ein Schnäppchenpreis ist, schaut man darauf, dass es um gleich viermal Olympia geht, und schaut man auf die Summe, die das IOC für dieselben Rechte von dem amerikanischen Sender NBC bekommt: 4,9 Milliarden Dollar. Die olympischen Sportarten schließen finanziell zum Fußball auf.

          IOC-Präsident Thomas Bach freut sich über die Zusammenarbeit mit Discovery.

          Folgt man dem IOC-Präsidenten Bach, haben vor allem die Zuschauer etwas von diesem new deal. Mehr als siebenhundert Millionen Menschen bekämen nun „jederzeit und überall“ olympischen Sport zu sehen, eine „umfangreiche Berichterstattung“ mit der Garantie, dass zweihundert Stunden von den Sommerspielen und hundert Stunden von den Winterspielen live im Free-TV übertragen werden. Es steht also nicht zu befürchten, dass Olympia hinter einer Paywall verschwindet, wohl aber ein bestimmter Teil. Das olympische Fußballturnier zum Beispiel dürfte ein Fall für Eurosport 2 sein oder für einen anderen Sender, an den die Rechte für ein Abo-Angebot weitergegeben werden. Bei ARD und ZDF dürften wir das hingegen nicht zu sehen bekommen, es sei denn, die Öffentlich-Rechtlichen greifen, wie in all den Jahren zuvor, tief in die Tasche.

          ARD und ZDF werden zu Bittstellern

          Die Bereitschaft dazu ist im Augenblick allerdings gering. ARD und ZDF sind angefressen und stinksauer. Das drückte sich in der kurzen Mitteilung aus, die am Montag verschickt wurde, während IOC und Discovery zur Jubelpressekonferenz luden: Man habe „ein angemessenes Angebot abgegeben“, hieß es da. ARD und ZDF seien „langjährige Partner des IOC und berichten nicht nur bei den Olympischen Spielen, sondern auch in den Jahren zwischen den Spielen kontinuierlich über olympische Sportarten“. Damit trage man „in wesentlichem Maße zur Popularisierung der olympischen Sportarten bei“. Aus der Pressemitteilung des IOC gehe nicht hervor, was die Rechtevergabe für den deutschen Fernsehmarkt bedeute. Hieraus ergäben sich „Fragen an das IOC und den DOSB“.

          Fragen - das bedeutet Verhandlungen, und die müssen ARD und ZDF nun aus der Position des Bittstellers heraus mit Discovery führen. Der Konzern hat seinerseits Interesse daran, Teile des Olympia-Programms weiterzuverkaufen. Wie die Kalkulation von Eurosport aussieht, weiß natürlich noch niemand.

          Die Zuschauer zahlen für das eine und für das andere

          Wer wen im Laufe der Jahre, in denen sich die öffentlich-rechtlichen Sender und der IOC miteinander ins Benehmen gesetzt haben, stärker vor den Kopf gestoßen hat, ist schwer zu beurteilen. Die Sportfunktionäre erhoben stets Maximalforderungen, die Unterhändler von ARD und ZDF gaben sich stets maximal selbstbewusst und kauften - neben Olympia - mehr Sportrechte ein, als sie unterbringen konnten. Thomas Bach hat sie nun ausgekontert. Mit Brosamen werde man sich nicht zufriedengeben, heißt es bei den Sendern hinter vorgehaltener Hand. Eine Aufteilung, die da lautet: Fußball bei Eurosport und Bodenturnen bei den Öffentlich-Rechtlichen werde es nicht geben. Dann lieber Olympische Spiele kurz und knapp in den Sportnachrichten.

          So markiert der Vertrag zwischen IOC und Discovery tatsächlich eine Zäsur: Das europäische Gebührenfernsehen hat gegenüber dem amerikanischen Bezahlprinzip das Nachsehen. Die Zuschauer bezahlen für das eine wie für das andere. Wobei man nach dem Olympia-Deal sagen muss: Sie zahlen für das eine und für das andere. Und für den olympischen Sport, den es in Deutschland ohne öffentliche Förderung nicht gäbe, kommen sie als Steuerzahler selbstverständlich auch auf.

          Der Medienkonzern Discovery Communications, der seit Mai 2014 die Mehrheit an Eurosport International hält, wurde 1985 in Silver Spring im amerikanischen Bundesstaat Maryland gegründet. Das Unternehmen startete zunächst mit nur einem Sender - dem auf Doku-Formate spezialisierten Discovery Channel. Später expandierte es in den Bildungsbereich und diverse andere Sparten. Mittlerweile erreicht die Gruppe nach eigenen Angaben weltweit insgesamt 2,9 Milliarden Kunden in mehr als 220 Ländern.

          Das Unternehmen ist an der Tech-Börse Nasdaq notiert. Es machte im letzten Quartal einen Umsatz von 1,54 Milliarden Dollar (1,38 Mrd Euro) und einen Nettogewinn von 250 Millionen Dollar. Hierzulande ist der Konzern mit den Sendern Discovery Channel Deutschland, Animal Planet, Discovery HD, DMAX und TLC vertreten. (dpa)

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