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Olli Dttrich als Trixie Dörfel : Die Rache des Waschbären

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Man würde es nicht für möglich halten, aber hinter der Figur von Trixie Dörfel steckt wirklich Olli Dittrich. Bild: WDR/beckground tv/Daniel Wolcke

Olli Dittrich schlüpft abermals in die Rolle der gefallenen Fernsehdiva Trixie Dörfel und setzt seinen prächtigen „TV-Zyklus“ fort. Damit bereitet er uns im Ersten ein Fest zum Fest.

          Es sind einfach keine gekommen. Da hat Trixie Dörfel, Münchner Glamour-Diva und Ex-Star einer Krankenhausserie, mit den Mitteln des WWF (bekanntlich das Kürzel für „World Waschbär Fun“) das „Dörfel-Dorf“ in Bayerns Unterholz errichtet, damit Überpopulationen der Kleinbären aus ganz Deutschland umgesiedelt statt abgeknallt werden können. Gesichtet aber wurde auf dem Gelände, das – als Ankerzentrum verkauft – sogar Unterstützung von Ex-CSU-Chef Horst Seehofer erhielt, nur ein einziges Exemplar der niedlichen Plagegeister. Man merkt den berichtenden Journalisten an, dass ihnen der investigative Habitus gefällt: „Was ist da los?“ Trixie Dörfel streitet das Problem mit dem Zuzug gar nicht ab. Die pralle Stiftungskasse wurde von ihr privat umfunktioniert.

          Der einstige Kinderstar hat inzwischen nämlich ganz andere Sorgen. Die prächtig eingerichtete Villa – ein mundgeblasener Glastisch in eigener Dioptrinzahl, zahllose Original-Meisterwerke von Christine Neubauer an den Wänden –, in der noch vor einem Jahr Musi-Susi Stefanie Hertel der Dörfel einen festlichen Weihnachts-Fernsehbesuch mit viel Schlagersahne abstattete, ist, um es kurz zu machen, futsch. Die Kosmetiklinie mit Waschbärmilchextrakt floppte nicht nur, sondern führte zu hohen Schadenersatzforderungen. Ein Unfall in betrunkenem Zustand war ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse, ebenso der Rosenkrieg mit Trixies doppeltem Ex-Ehemann Peter Pudl, Eigentümer besagter Villa. Der Starregisseur spricht erstmals vor der Kamera, an seiner Seite Monique von Bredow (Nadja Bobyleva). Auch Stefanie Hertel, Iris Berben, Barbara Schöneberger, Jan Josef Liefers und Howard Carpendale drücken mal verständnisvoll, mal verärgert ihre Verwunderung über den tiefen Fall des blonden Engels aus.

          Das „Promispezial“ beginnt vor quasi alpiner Kulisse, nur ist diese aus Beton: Eine kleine Wohnung im ikonischen, übel beleumundeten „Pharao-Haus“ von München-Oberföhring ist das neue Domizil der Grande Dame der seichten Unterhaltung. Die Sensationsgier der People-Reporter, die schnell mit der Pudl-Frage wedeln, bedient der gefallene Star gern: „Seine komische Barbie da, seine Lebenszeitabschnittsgefährtin, irgendeine sogenannte Schauspielerin, die kann ja da gerne jetzt einziehen, die hat ja dann mit Sicherheit Zeit, weil – Rollen wird’s nicht bekommen.“

          Blick zurück: Olli Dittrich als Trixie Dörfel.

          Olli Dittrich, nicht nur Seele und Darsteller von Trixie Dörfel, sondern gleich auch noch von Peter Pudl, ist so unfassbar genau im Kopieren von Promi-Gehabe und Fernsehgepflogenheiten, dass man immer wieder vergisst, dass da Olli Dittrich sitzt. Auch alle übrigen Details wirken wahrer als wahr. Die Kameraperspektiven sind authentisch indiskret; Erzähler Marek Erhardt, bekannt als universale Werbestimme von Sky bis Media Markt, trifft die erregte Emo-Tonlage von Lokalreportagen perfekt; Cordula Stratmann als angeblaffte Moderatorin ist ein Fest. Nur wenige Gags wie ein „Babylon München“-Witz oder eine Guido-Knopp-Anspielung verpuffen.

          Dittrich ohne Dittsche-Bademantel, das ist aber nicht nur putzig wie ein Männchen machender Waschbär, sondern nachgerade gefährlich. Der bislang neun Folgen umfassende „TV-Zyklus“, der 2013 mit der gemeinsam mit Cordula Stratmann gespielten, genialen Episode „Frühstücksfernsehen“ begann – der Stratmann-Auftritt in der aktuellen Folge ist eine köstliche Reprise –, seziert sämtliche Formate des Infotainment-Fernsehens, und zwar im hellen Scheinwerferlicht. Es wird dabei nie das Offensichtliche ins Absurde übersteigert, was einfach wäre. Vielmehr sieht man, wie der Leerlauf, wie der hohle Wahnsinn sich in solchem Setting als „Info“ zu verkleiden versteht. Parodie ist dafür ein zu artiger Begriff. Nach dem „TV-Zyklus“ lässt sich der übliche TV-Zirkus einfach nicht mehr unbefangen konsumieren. Wer sich danach ins tägliche Promi- und Talk-Fernsehen verirrt, hat das Gefühl, in eine von Christine Neubauer gemalte Fratzen-Version desselben zu starren. Alles wie bei Dittrich, nur ohne Stil.

          Im Vorüberhasten liefert uns dieses Konter-Magazin noch eine Anmutung des wahren Werts von Fernsehprominenz, die keinen Kratzer übersteht. Die heute in Einkaufscentern moderierende, für den slowakischen „Playboy“ posierende und auf Weihnachtsmärkten ihren Schlagerhit aus den Siebzigern trällernde Trixie Dörfel hat nämlich Trick 17 ausprobiert und vor der Privatinsolvenz schnell alles Geldwerte online versteigern wollen. Das Gebot für „stark getragene“ Reitstiefel stand kurz vor Ablauf der Restlaufzeit, wie man unkommentiert sieht, bei mehr als tausend Euro; ihr Bambi in der Kategorie „Nächstenliebe“ brachte es bei einem Materialwert von dreitausend Euro hingegen auf gerade 180 Euro.

          Trixie Nightmare – der tiefe Fall der Trixie Dörfel läuft heute, Donnerstag 20. Dezember, um 23.45 Uhr im Ersten.

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