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„L’Equipe“ wird Pflichtlektüre : Frühling gibt es erst im Herbst

„L’Equipe“ ohne Fußball? Undenkbar. Bild: AFP

Mit durchschnittlich 250.000 verkauften Exemplaren gehört „L’Equipe“ zu den meistgelesenen Zeitungen Frankreichs. Ohne Fußball wird das Sportblatt „L’Equipe“ zur Pflichtlektüre.

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          Franzosen riefen bekanntlich die Fußball-Weltmeisterschaften und die europäischen Wettbewerbe ins Leben. Die Renaissance der Olympischen Spiele geht auf Pierre de Coubertin zurück. Die Sportzeitung „L’Equipe“ erfand die „Tour de France“ und den Skiweltcup, um täglich über frischen Stoff zu verfügen. Während der Landesrundfahrt steigt die Auflage. Am höchsten war sie bei der Fußball-WM 1989 im eigenen Land, als die Million überschritten wurde. Mit durchschnittlich 250.000 verkauften Exemplaren gehört „L’Equipe“ zu den meistgelesenen Zeitungen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          In unbeschwerteren Zeiten war ihre tägliche Lektüre – Sonntag inbegriffen, am Samstag mit Magazin – ein intellektueller Hochgenuss, für den man sich nie zu schämen brauchte. Die Urteilsfähigkeit ihrer Journalisten ist nicht weniger ausgeprägt als jene der Feuilletonisten, denen auch die Edelfedern des Fußballs in nichts nachstehen. Vincent Duluc, ihr unangefochtener Star, ist ein literarisches Ausnahmetalent. Die preisgekrönte Trilogie über seine Jugend schloss er nach Büchern über den Tragiker George Best und das Epos von Saint-Etienne mit und ohne Michel Platini mit einem Werk über die ostdeutsche Schwimmerin Kornelia Ender ab, in die er sich verliebt hatte. Ohne Vincent Dulucs Nachbearbeitung bleiben die besten Spiele unvollendet. Meist sind die Berichte besser als die Nebensache, von der sie handeln.

          Dabei ist der Sportjournalismus von „L’Equipe“ weder unkritisch noch unpolitisch. Der Verein Paris Saint-Germain hat ihre Reporter mehrfach von Pressekonferenzen ausgeschlossen. Die Doping-Berichterstattung ist trotz der Nähe zum Radsport unbestechlich. In den vergangenen Wochen hat die Zeitung einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung der Missbrauchsaffären im französischen Eiskunstlauf beigetragen.

          „Watzke fait polémique“

          Für 2020 war der Welt ein reiches Sportjahr verheißen. Für die Franzosen hatte es mit der spektakulären Auferstehung der Rugby-Nationalmannschaft gut begonnen. Alexis Pinturault war im Begriff, als erster Franzose seit 1997 sensationell den Ski-Gesamtweltcup zu gewinnen. Im Rück- und Geisterspiel gegen Borussia Dortmund, das den Ausbruch des Corona-Zeitalters deutlich machte, überwand Paris Saint-Germain in der Champions League gerade noch sein Achtelfinal-Trauma. Jetzt rollt der Ball nicht mehr. Und was berichtet eine Sporttageszeitung ohne Fußball und Rugby, ohne Formel 1 und Olympiade?

          Es gab die unvermeidlichen Scharmützel, die in Zeiten der existentiellen Krise noch peinlicher wirken. Der Präsident von Olympique Lyon, Jean-Michel Aulas, wollte die Saison nicht nur beenden, sondern für ungültig erklären: Damit wäre sein Team für die nächste Champions League qualifiziert, von der sie nach Stand der aktuellen Rangliste nicht einmal mehr träumen kann. Selbst rund um die Spiele zwischen PSG und Borussia Dortmund hatte niemand in der Öffentlichkeit von Hans-Joachim Watzke Notiz genommen. Die Debatte um den Abbruch der Bundesliga hat ihn bekannt gemacht – Titel in „L’Equipe: „Watzke fait polémique“ – mit einem Bild von der Hauptversammlung. Den Streit um die Verschiebung des Tennisturniers Roland Garros in den September hinein brachte das Blatt mit einem unübersetzbaren Wortspiel über die Hoffnung auf einen Frühling im Herbst auf den Punkt.

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