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„L’Equipe“ wird Pflichtlektüre : Frühling gibt es erst im Herbst

Noch genügend Stoff im Köcher

Uneins ist man sich über die Neuverteilung der TV-Rechte, von denen die Existenz der Klubs abhängt. Gerechter soll sie ausfallen – das heißt: nicht proportional zur Präsenz auf dem Schirm. Ohne Nobodys keine Meisterschaften. Die Quarantäne von Real Madrid und Cristiano Ronaldos Rückzug nach Madeira wurden gelangweilt beobachtet. Inzwischen sind so viele Stars infiziert, dass dies keine Schlagzeile ist. Ein „Scoop“ war die Veröffentlichung des vertraulichen Briefs der PSG-Chefs an alle Angestellten. Eine ethische Debatte dreht sich um die Frage: Dürfen Neymar und die anderen Südamerikaner nach Hause?

Am Mittwoch interviewte die Zeitung per Telefon die Abfahrtsolympiasiegerin Sofia Goggia, die nach ihrem Sturz Anfang Februar noch in Garmisch operiert wurde. Sie schildert ihre Heimreise mit dem Flugzeug über Genf nach Mailand und dem Auto nach Bergamo, wie ihr schlagartig die dramatische Lage bewusst geworden sei: „Wir alle kennen hier jemanden, der gestorben ist. Die Krematorien sind 24 Stunden in Betrieb. Ich bete jeden Tag.“ Mit Sofia Goggias Alarmschrei war „L’Equipe“ den anderen Zeitungen voraus. Am Donnerstag griff Vincent Duluc wieder zur Feder. Mit einem Koautor beschrieb er, wie der Sport früher auf Epidemien reagiert hat – „oder auch nicht“. Der spanischen Grippe, liest man, fielen in Frankreich 400.000 Menschen zum Opfer, „fünfmal mehr Tote, als der Erste Weltkrieg unter den Soldaten gefordert hatte“. Die spanische Grippe kam aus Amerika, Baseball war die am meisten betroffene Sportart. Der Stanley Cup (Eishockey) wurde abgesagt. Die Tour de France ging 1919 wieder los.

Die asiatische Grippe (1956–1958) mit neun Millionen Infizierten und Zehntausenden von Toten hat in der glorreichen Legende des FC Reims ihre Spuren hinterlassen. Die WM in Schweden ging 1958 problemlos über die Bühne, Frankreich wurde Dritter. Weniger Spuren aber habe „im kollektiven Bewusstsein“ wie in den „Archiven des Sportjournalismus“ die Hongkong-Grippe von 1968 hinterlassen. In England gab es 80.000 Tote. Nur vereinzelt wurden Spiele abgesagt. Das Blatt veröffentlicht ein Foto vom Endspiel im Liga-Cup 1969: Prinzessin Margaret schüttelt die Hände der Arsenal-Spieler – neun Profis fehlen der Mannschaft wegen Erkrankung.

„L’Equipe“ ist zur Pflichtlektüre geworden. Sie hätten noch genügend Stoff im Köcher, sagt Chefredakteur Jérôme Cazadieu. Er verweist auf das Wachstum der digitalen Abonnements, will aber unbedingt an der gedruckten Zeitung festhalten. Die Kioske bleiben geöffnet, es geht auch um die Solidarität mit ihnen. Für Online-Analphabeten veröffentlicht „L’Equipe“ das Formular, das man in Frankreich beim Verlassen des Hauses ausgefüllt mit sich tragen muss: zum Ausschneiden, jeden Tag von neuem.

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