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Abhilfe gegen Netz-Gerüchte : Wer ruft die Feuerwehr?

Wenn der Müllhaufen brennt, hilft nur ein schneller Löscheinsatz. Das gilt auch fürs Netz. Bild: dpa

Wenn die Gerüchteküche kocht, sind offizielle Twitter-Accounts effiziente Brandlöscher. Das besagt eine amerikanische Studie. Wir haben bei Sicherheitsbehörden nachgefragt, ob das auch stimmt.

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          Wie verhält man sich im Brandfall? Notruf absetzen, Rettungskräfte anfordern. Was für den öffentlichen Raum gilt, lässt sich auch auf die virtuellen Sphären übertragen. Denn im Kosmos von Twitter, Facebook & Co. gibt es Lauffeuer, für die es in Windeseile fachkundige Löschtrupps braucht.

          Niklas Záboji
          (niza), Wirtschaft

          Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie von Forschern der Universität Washington/Seattle. Sie untersuchten, wie sich der Verlauf zweier Twitter-Diskussionen, die auf Falschmeldungen fußten, durch Dementis offizieller Stellen wandelte und sich die Gerüchte aus der Welt schaffen ließen. Da es um eine vermeintliche Flugzeugentführung und eine Polizei-Razzia ging, waren die betroffene Fluggesellschaft sowie die australischen Sicherheitsbehörden gefragt, auf ihren offiziellen Twitter-Accounts. In dem einen wie dem anderen Fall lohnte es sich, sofort auf Twitter zu reagieren.

          Mancherorts längst bekannt

          Das mag überraschen. Denn folge man vorherigen Studien, so die Wissenschaftler aus Seattle, sei der Effekt offizieller Widerrufe dürftig. In der schieren Flut an Tweets gingen sie unter. Aus den untersuchten Fällen lässt sich jedoch der Schluss ziehen, dass sich aufmerksames Twitter-Monitoring und rege Twitter-Pflege durch Firmen, Institutionen und Behörden lohnt. Daher raten die Forscher, ein jeder möge einen Twitter-Kanal einrichten und im Idealfall rund um die Uhr Wache schieben.

          Das ist freilich längst Praxis, in München etwa. Spätestens nach dem Terroralarm in der Silvesternacht, zu dem das Münchener Polizeipräsidium in besonderem Maße in den sozialen Medien informierte, ist klar geworden: Twittern funktioniert. Zwar habe man im Gegensatz zu einer akuten noch nicht auf eine irrtümliche Anschlagsgefahr oder Vergleichbares hinweisen müssen, sagt die Polizeisprecherin Constanze Spitzweck. Doch gebe es schon Erfahrungswerte im Umgang mit Gerüchten. Deshalb stehe außer Frage, dass sich das Wirken der fünf mit der Twitter-Pflege betrauten Mitarbeiter auszahle. „Das wird schon sehr ernst genommen, wenn von uns etwas kommt“, sagt Constanze Spitzweck.

          Überzeugungstäter

          Auch in Frankfurt und Berlin haben die Polizeibehörden den Nutzen sozialer Medien erkannt und twittern mit großem Elan. Erst kürzlich geriet die Hauptstadt durch zwei Fälle in die Schlagzeilen: Erst gab es die Falschmeldung, ein junger Syrer sei vor der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber gestorben. Dann machte die Geschichte eines jungen Mädchens die Runde, das Opfer eines sexuellen Übergriffs durch Flüchtlinge geworden sei. Beide Fälle stellten sich als frei erfunden heraus, zu beiden nahm die Berliner Polizei auch explizit über Twitter Stellung.

          Kurse rauf, Kurse runter: Per Twitter verbreiten sich Gerüchte schnell. Lassen sich mit Tweets auch schnell zurückholen?
          Kurse rauf, Kurse runter: Per Twitter verbreiten sich Gerüchte schnell. Lassen sich mit Tweets auch schnell zurückholen? : Bild: AP

          Doch sei die Geschichte der vergewaltigten Russlanddeutschen binnen kürzester Zeit derart hochgekocht, dass sich der Erfolg dieses Dementis in Grenzen hielt, sagt Stefan Redlich, Pressesprecher der Berliner Polizei. Das verwundert kaum, schließlich wurde das Gerücht von der russischen Regierung und ihr zugeneigten Medien immer weiter genährt. Gleichwohl sei man von der Sinnhaftigkeit des Twitterns überzeugt, sagt Stefan Redlich.

          Vom „Deathspamming“ und anderen Netz-(Aus)geburten

          Diese Ansicht setzt sich nicht nur in den Großstädten durch. Ob man Gerüchte durch Online-Präsenz im Keim ersticken könne, sei zwar ungewiss, heißt es aus dem Polizeipräsidium Ulm. Als hilfreich gelte eine Vierundzwanzig-Stunden-Bereitschaft aber allemal, deshalb sei ein Auftritt in den Online- Netzwerken zurzeit in Vorbereitung.

          Aber was ist mit all den Fällen, in denen es gar keine offizielle Instanz gibt, die Gerüchte aus der Welt schafft? Etwa wenn fälschlicherweise Behauptungen über den Tod prominenter Menschen aufgestellt werden - ein Phänomen, das unter der Bezeichnung „Deathspamming“ durchs Netz geistert und sich unter anderem aus geltungssüchtigen Motiven viraler Beliebtheit erfreut? Steht nicht gerade ein klagebefugter Anwalt bereit, wie mit Felix Damm im Falle des verunglückten Michael Schumacher, kursieren im Netzjargon „Hoax“ genannte Gerüchte lange. Die richtige Antwort darauf lautet, wie bei allen Themen, die das Netz in Sekundenschnelle bewegen: Skepsis ist angebracht. Und wer sich nur auf eine Plattform wie Twitter verlässt, der geht womöglich häufiger in die Irre als er merkt.

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