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Österreich im Film : Ein Wiener auf der Baustelle ersetzt das Radio

  • Aktualisiert am

Nachdenken über Österreich: Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader Bild: Jacqueline Godany

Österreicher trauen sich im Fernsehen viel mehr als Deutsche. Sie kennen einfach keine Geschmacksgrenzen. Ein Gespräch mit den Schauspielern Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader über Österreich.

          7 Min.

          Wie haben Sie sich kennengelernt?

          Nicholas Ofczarek: Vor drei Jahren, bei den Dreharbeiten zu David Schalkos Mehrteiler „Braunschlag“.

          War es Liebe auf den ersten Blick?

          Ofczarek: Ja!

          Robert Palfrader: Wir waren damals aber per Sie.

          Das hat nicht so gewirkt.

          Ofczarek: Wir sind ja Schauspieler!

          Palfrader: Das erste Mal haben wir uns im Waldviertel mit David Schalko getroffen, weil wir darüber reden wollten, warum die Beziehung der beiden Männer, die wir in „Braunschlag“ spielen, das auch alles aushält, was sie durchmachen. Es ist ja eine außergewöhnliche Beziehung.

          Die Freundschaft zwischen dem Dorfbürgermeister Tschach und dem unfruchtbaren Diskobesitzer Pfeisinger hält auch, als Tschach die Gemahlin Pfeisingers schwängert. Angesiedelt ist das Ganze in der niederösterreichischen Provinz, im Waldviertel. Warum?

          Ofczarek: Wir haben beide ins Waldviertel eingeheiratet, weil unsere Frauen dort Häuser haben.

          Palfrader: Ich habe dort eine Werkstatt, tischlere zum Vergnügen. Zusammen mit David Schalko, der im Waldviertel geboren ist, habe ich schon seit Jahren überlegt, was wir dort oben machen könnten. Der Erfolg der Serie verdankt sich der wunderbaren Geschichte, die erzählt wird. Warum sich so etwas - wie mir begeisterte Kollegen berichten - in Deutschland keiner traut, ist mir unerklärlich. Die Geschichte könnte überall spielen.

          Das entlegene Waldviertel scheint aber ein guter Boden für solche Geschichten - und für Künstler - zu sein.

          Palfrader: Robert Menasse hat dort eine Bleibe, Michael Haneke ein Schloss, um Beispiele zu nennen. Es sind noch viele mehr.

          Ofczarek: Es ist sehr still dort im Grenzland, da geht nicht wirklich etwas durch, weil keine größere tschechische Stadt in der Nähe ist. Auch ist es viel kälter als in Wien, sieben Grad im Durchschnitt. Der Kältepol Österreichs liegt in Litschau, einem unserer Drehorte.

          Doch lieber nicht zu viel Werbung machen für die Gegend?

          Palfrader: Sonst kommt das ganze Gesindel. Wirklich aufdringlich sind die Wiener, die mit dem Auto stehenbleiben und in meinen Garten hinein fotografieren, das ist mir schon ein paarmal passiert. Die Einheimischen kennen mich zum Glück seit mehr als zwanzig Jahren, denen ist es wurscht, dass ich für Film und Fernsehen arbeite.

          In „Braunschlag“ regiert die Unfähigkeit der Provinzler, Gefühlsregungen zu zeigen, zu kommunizieren, einmal sein eigenes Kind in den Arm zu nehmen.

          Ofczarek: Ich glaube nicht, dass es Unfähigkeit ist. Man ist in dieser rauhen Gegend sparsamer, muss mit den Energien haushalten.

          Palfrader: Eine Mentalitätsfrage. Mein Nachbar hat mir erzählt, wie er in einem Lokal saß, und der berühmte Schauspieler Tobias Moretti kam mit seiner Frau herein. Alle Gespräche verstummten, keiner sagte mehr etwas. Jahre später traf mein Nachbar Moretti, kam mit ihm ins Gespräch und erzählte ihm die Geschichte. Moretti erinnerte sich an die merkwürdige Situation in dem Restaurant und fragte nach den Gründen. Darauf sagt mein Nachbar: Wir haben ja eh gewusst, wer du bist.

          Ofczarek: Na eben, nur das Notwendigste wird gesagt. Wird doch eh viel zu viel geplappert im Allgemeinen.

          Palfrader: Ein Bauleiter aus dem Waldviertel hat mir mal erzählt, wenn ein Wiener auf der Baustelle ist, braucht man kein Radio.

          Im Frühjahr lief Ihr bitterböser, jede Geschmacksfrage ignorierender Zehnteiler „BÖsterreich“, in dem jeder von Ihnen mehr als vierzig Rollen spielt. Da mussten selbst Fans schlucken.

          Ofczarek: Die Idee hatte ich zusammen mit meiner Frau Tamara Metelka. Von der Idee bis zum Drehstart verging nur ein Jahr, wir hatten also sehr wenig Zeit, zehn Bücher zu schreiben, auch wenn jede Folge nur 25 Minuten lang ist. Wir sind ja beide nebenbei berufstätig, ich war bei den Salzburger Festspielen engagiert. In jeder Folge spielt jeder sieben Figuren, und wir hatten jeweils nur dreieinhalb Drehtage.

          Palfrader: Ein paar Dinge haben wir nicht zu Ende gedacht. In manchen Belangen, das muss man in aller Schärfe sagen, sind wir gescheitert.

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