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Satire-Serie „BÖsterreich“ : Wiener Witzischkeit

  • -Aktualisiert am

Verwandlungskünstler: Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader. Bild: WDR/ORF/superfilm

Diese Satire-Serie lässt tief blicken: In „BÖsterreich“ loten Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader die Abgründe der Alpenrepublik aus.

          Der singende Anarchist und Kabarett-Großmeister Georg Kreisler sagte einst, schwarzer Humor sei im deutschsprachigen Raum ohne Wien nicht denkbar. Die Satire-Serie „BÖsterreich“ bestärkt diese These mal wieder. Auch wenn nicht alle Szenen in der Hauptstadt spielen, stammen Erfinder und Hauptdarsteller alle aus Wien, und was auch immer diese Stadt an sich hat, dass sie ihren Bewohnern „die entsetzlichsten Dinge“, wie Kreisler schrieb, in den Kopf setzt, man kann dafür nur dankbar sein.

          So darf der Zuschauer dem Hauptdarsteller Nicholas Ofczarek gleich zu Beginn dabei zusehen, wie er in der Rolle eines liebenden Katzenbesitzers seine Nana an eine sadistische Tierärztin, gespielt von Robert Palfrader, verliert. Während der Mann sein Tier eigentlich nur kastrieren lassen wollte, diagnostiziert Frau Doktor einen schlimmen Fall von Katzenalzheimer: „Äußerlich wirkt sie munter, aber innerlich verwest das Tier bereits.“ Eine beherzte Spritze beendet den Praxisbesuch vorzeitig, jetzt hat der traumatisierte Kunde noch die Chance, Nana im Rahmen einer besonderen Aktion für nur 220 Euro einen Platz im Katzenhimmel zu garantieren. Als er das Haus in Richtung Geldautomat verlässt, kippt der Müllwagen gerade rumpelnd eine Tonne mit flauschigem Inhalt in seinen Schlund.

          Vierzig verschiedene Rollen – eine bösartiger als die andere

          Ofczarek und Palfrader nehmen in der Serie, die leider nur eine Staffel mit zehn Episoden umfasst, je über vierzig verschiedene Rollen ein, eine bösartiger als die andere. Als Busreiseleiter begrüßen sie ältere Damen auf der „Elfriede-Blauensteiner-Tour für angehende Witwen“ (Die Serienmörderin Blauensteiner ging als „Schwarze Witwe“ in die österreichische Kriminalgeschichte ein), als katholische Privatschullehrer formen sie den privilegierten Nachwuchs. „Du wirst sehr, sehr bald das Vermögen deiner überaus unsympathischen Eltern mit Heroin durchgebracht haben. ‚Mit Heroin durchgebracht haben‘ – Welche Zeit ist das?“ – „Partizipium Perfekt Futur“ – „Korrekt“.

          Die verschiedenen Sketche sind lose, aber elegant miteinander verknüpft, häufig durch den Todesfall einer Figur aus der vorherigen Szene. Wo und wann das Ganze spielt, bleibt im Ungefähren, politisches Tagesgeschehen spielt kaum eine Rolle. Das macht „BÖsterreich“ zeitlos, dass die Serie schon 2014 produziert wurde, merkt man ihr nicht an. Ofczarek und Palfrader interessieren sich vor allem für gesellschaftliche Machtverhältnisse, die sie meisterhaft durcheinanderwürfeln.

          „Wenn jemand zu Hause petzt, dann wird der liebe Gott böse, und das Jesuskind wird so viel weinen, dass unsere Eltern und Geschwister in seinem Rotz ertrinken werden. Und die Haustiere auch!“, lassen die Lehrer ihre Klasse nachsprechen, bevor sie die Kinder zum Müllaufsammeln in den Park schicken. Kurz darauf befragen zwei dieser Kinder arrogant und übereloquent einen Obdachlosen, was er mit ihrer Spende denn zu tun gedenke, und drücken ihm dann ihr Taschengeld für den noch kurzen Restmonat (2000 Euro) in die Hand, nachdem er ihnen glaubhaft vermittelt hat, dass er dringend zu Harry Potters Zauberschule Hogwarts muss, um die Todesser aufzuhalten.

          „Wir haben versucht, Österreich in einem Paralleluniversum abzubilden – mit leichten Korrekturen der Realität“, erklärte Robert Palfrader im ORF, und auch wenn er mit den „leichten Korrekturen“ kokettiert, funktioniert die Satire tatsächlich nur so gut, weil ihr düsterer Kern sehr real wirkt, und zwar nicht nur für Österreicher. Vorbilder und Pendants der Serie gibt es einige, das bekannteste Beispiel ist wohl die britische Sketch-Show „Little Britain“.

          Mit landesspezifischen Merkmalen gehen die „BÖsterreich“-Macher trotz des Titels eher sparsam um. Die meisten Figuren sind universelle Stereotype, die an den richtigen Stellen gebrochen werden. Man muss kein Österreicher sein, um verzweifelt zu lachen, wenn ein Müllmann im Park einem Anzugträger, der unter einem Laubhaufen eingeschlafen ist, mit seinem Abfallpicker ein Loch ins Bein sticht und dieser sich scheinbar unbeeindruckt als „Finanzakrobat“ vorstellt und dem Arbeiter sogleich sein letztes Geld aus der Tasche zieht. Generell ist auf Wienerisch sicher jeder Witz etwas lustiger, besonders für Deutsche. Aber es kann getrost behauptet werden: „BÖsterreich“ wäre auch auf Hochdeutsch genial.

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