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Ölkonzern kauft Zeitungen auf : Man nennt es „Repolonisierung“

Man beende einen Zustand, „der unter dem Aspekt des Medienpluralismus skandalös war“, sagt der polnische Entwicklungsminister Jaroslaw Gowin. Bild: dpa

Die Verlagsgruppe Passau besaß in Polen 140 Zeitungstitel. Nun hat diese der staatliche Ölkonzern Orlen gekauft. Dahinter steckt eine politische Strategie der Regierungspartei PiS.

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          In dieser Woche ist es passiert. Jahrelang hatte Polens Regierungspartei PiS vollmundig versprochen, eine „Repolonisierung“ der Medien in die Wege zu leiten, Verlage in ausländischem Besitz in polnische Hände zu überführen. Am Montag war es so weit: Die deutsche Verlagsgruppe Passau (VGP) trennte sich von ihren Zeitungen in Polen, insgesamt etwa 140 Titel. Der Käufer heißt Orlen: Der staatsnahe Mineralölkonzern, der auch in Deutschland Tankstellen betreibt, war bis vor einiger Zeit Polens größtes Unternehmen überhaupt. Polens Entwicklungsminister Jaroslaw Gowin sagte dieser Zeitung, damit werde ein Zustand beendet, „der unter dem Aspekt des Medienpluralismus skandalös war. Vor Jahren haben polnische Entscheidungsträger zugelassen, dass 98 Prozent der Lokalzeitungen ausländischen Verlagen gehören, fast alle einem einzigen Verlag.“

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Eine Repolonisierung oder Dekonzentration war ein Anliegen der nationalkonservativen PiS, die Medien als Sprachrohre der Politik ihrer jeweiligen „Heimatländer“ begreift. Da eine Änderung der Lage per Gesetz oder durch Enteignungen nicht möglich schien, hat man zu kommerziellen Mitteln gegriffen.

          Polens Vereinigung der Lokalzeitungen kommentierte: „Das ist eine Übernahme durch die Regierung und eine große Gefahr für die lokalen Medien.“ Der Journalist Michal Broniatowski vom regierungskritischen Privatsender TVN fühlt sich an Russland erinnert, wo der Gasprom-Konzern schon früh unabhängige Sender und Medien aufgekauft hatte. Da Orlen bereits den vor 1989 staatlichen Pressevertriebskonzern „Ruch“ aufgekauft habe, wolle man wohl den „Moloch“ von einst wiederherstellen, warnte Jerzy Sosnowski, einer der nach dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS 2016 entlassenen Redakteure des dritten Radioprogramms. Das Branchenportal press.pl zitierte den Chefredakteur einer der VGP-Zeitungen: Viele Journalisten rechneten jetzt mit Entlassungen.

          Orlen-Chef Daniel Obajtek klang nicht gerade wie ein Verleger, als er verkündete: „Wir übernehmen 20 von 24 regionalen Tageszeitungen in Polen und fast 120 lokale Wochenblätter. Auch werden wir künftig 500 Online-Vitrinen besitzen.“ Man könne so „Zugang zu 17 Millionen Usern bekommen und damit den Verkauf fördern und Big-Data-Instrumente ausbauen“. Der Kaufpreis beträgt angeblich 120 Millionen Zloty (etwa 27 Millionen Euro). Die polnische Verlagstochter soll 2019 im einstelligen Bereich Verluste gemacht haben. Käufer und Verkäufer wollten auf Anfrage dieser Zeitung keine Zahlen nennen.

          VPG-Vorstand Alexander Diekmann dankte den zweitausend polnischen Mitarbeitern „für die hervorragende und fruchtbare Zusammenarbeit“. Damit endet ein Kapitel deutscher Medienexpansion in Mittel- und Osteuropa. 1990 hatte der Verlag begonnen, sich in der damaligen Tschechoslowakei zu engagieren, 2015 verkaufte er seine tschechischen Regionalzeitungen. Damals hieß es – wie auch jetzt wieder –, das geschehe „aus strategischen Gründen“. 1994 begannen die Passauer in Polen, jetzt ist auch dort das Ende gekommen. Bis Mittwoch war auf der Internetseite des Verlags das Verbreitungsgebiet seiner Zeitungen zu sehen: Es umfasste bisher etwa ein Viertel Bayerns und daneben ganz Polen mit Ausnahme Masurens.

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