https://www.faz.net/-gqz-7v5dv

Öffentlich-rechtlicher Großkampftag : Die Jugend hat den Kanal schon lange voll

Da schau her, es gibt schon einen Jugendkanal. Der findet aber ohne ARD und ZDF statt. Und 45 Millionen Euro Rundfunkgebühren pro Jahr kostet der auch nicht. Bild: plainpicture/Image Source

Schauen junge Leute nur „Katzenfilmchen“ und „Brutalo-Videos“? Bei der ARD scheint man so zu denken und plant mit der Medienpolitik, was das Publikum am wenigsten braucht: einen Jugendsender.

          3 Min.

          Die deutsche Medienpolitik hat heute und morgen Großkampftag. Es geht um ein Thema, vom dem die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und das Wohl junger Menschen in diesem Land abhängen - den Eindruck jedenfalls kann man haben, wenn man dem SWR-Intendanten Peter Boudgoust zuhört. „Sollen junge Menschen nur die Wahl haben zwischen ,Brutalo-Videos‘ und ,Katzenfilmchen‘ auf Youtube und Billig-Trash bei privaten Fernsehsendern? Soll so die mediale Sozialisation zukünftiger Generationen aussehen? Sicher nicht, das kann die Politik nicht wollen.“ Das gab der Intendant zu den heute beginnenden Verhandlungen der Ministerpräsidenten der Länder zu Protokoll. Jacqueline Kraege, Chefin der Staatskanzlei des in der Rundfunkpolitik federführenden Rheinland-Pfalz, zeigt sich derweil „verhalten optimistisch, dass ein Angebot für junge Menschen kommt“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das klingt, als gäbe es für ein jüngeres Publikum im Alter zwischen vierzehn und neunundzwanzig Jahren gar kein Medienprogramm. Zumindest kein öffentlich-rechtliches. Dabei gibt es das natürlich. Nur findet es keiner. Beziehungsweise fürchten die Senderchefs, es finde keiner. Vielleicht, weil es nicht interessant ist? Oder vielleicht will die Jugend es ja auch gar nicht finden. Oder sie hat schon längst gefunden, was sie braucht. Bei ZDFneo zum Beispiel. Oder auf den jungen Radiowellen der ARD. Oder bei den Privatsendern und - kleiner Tipp - im nichtöffentlich-rechtlichen Internet. Da gibt es nämlich auch noch etwas anderes als „Katzenfilmchen“ und „Brutalo-Videos“.

          Auf einen Jugendkanal dürften jedenfalls die wenigsten jungen Menschen warten. Das hat sich sogar bei den älteren Herrschaften in den Landesregierungen herumgesprochen. Bayern, Hessen und Sachsen haben Bedenken angemeldet, allerdings vor allem der Kosten wegen. 45 Millionen Euro soll der neue Sender kosten, dreißig Millionen Euro würde die ARD übernehmen, fünfzehn Millionen Euro das ZDF. Eine Mannschaft müsste her, dreißig Planstellen mindestens. Programm müsste produziert und akquiriert werden, ARD und ZDF müssten sich koordinieren - ein Traum für Rundfunkbürokraten. Geld spielt dabei nicht wirklich eine Rolle. Dank des neuen Rundfunkbeitrags, der ihnen einen Zuwachs im dreistelligen Millionenbereich pro Jahr einbringt, bilden die Sender im Augenblick ansehnliche Rücklagen. Doch wie kann man die begründen, gerade bei jungen Leuten? Genau, durch einen Jugendkanal.

          Ein sogenanntes „trimediales“ Angebot

          Wie dieser aussehen könnte, dafür werden in den Staatskanzleien drei Varianten gehandelt: ein sogenanntes „trimediales“ Angebot für lineares Fernsehen, Radio und Internet; ein klassischer Fernsehkanal oder ein Fernsehprogramm auf Zeit, das nach ein paar Jahren ins Netz wandert. Ein Sender mit allem Pipapo muss es aber wohl sein, allein aus standortpolitischen Gründen. Baden-Baden böte sich an - das ist zwar das noble Pensionopolis schlechthin, gefiele aber dem Südwestrundfunk und den Regierungen der beiden SWR-Länder gleichermaßen.

          Seit knapp zwei Jahren ringen Sender und Länder um den Jugendkanal. Bei den Ländern sind nicht nur Bayern, Hessen und Sachsen skeptisch, auch in der ARD werfen sich für den Plan nicht alle so in die Bresche wie der SWR-Intendant Boudgoust. Ganz still verhält sich das ZDF. Das Zweite hat nämlich mit ZDFneo längst seinen eigenen Jugendkanal, wer etwas anderes als das an einem etwas älteren Publikum ausgerichtete Mainstream-Vollprogramm sucht, weiß inzwischen, wo man es beim ZDF findet. Der Sender hatte einen Plan für seine Digitalprogramme und hat Markenpflege betrieben. Die ARD hat beides nicht getan beziehungsweise bei „Einsplus“ viel zu spät damit angefangen. Wenn nun vom „Generationenabriss“ die Rede ist, den es zu beenden gelte, bedeutet das nur, dass die ARD ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Nicht die Jugend hat ein Problem mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein Problem mit der Jugend, die für die Sender genauso Rundfunkbeitrag zahlen muss wie diejenigen, die in Baden-Baden wirklich zu Hause sind.

          Und was heißt überhaupt „Jugend“? Glaubt wirklich jemand, man könne mit einem einzigen Angebot Vierzehnjährige und Mittzwanziger erreichen? Da braucht es vielfältige Inhalte, nicht nur ein Label, und einen Sender überkommener Bauart schon gar nicht. Livestreams, Mediatheken und ein schnelles Internet, Programm jederzeit abrufbar, ohne vorgegebenes Sendeschema, auf mobilen Abspielgeräten, smartphone-kompatibel - das träfe die Sehgewohnheiten der Jüngeren. Der Jugendkanal von ARD und ZDF ist schon jetzt - noch bevor er beschlossene Sache ist - ein alter Hut.

          Weitere Themen

          Klima-Kunst am Strand Video-Seite öffnen

          Mega-Stau in Miami : Klima-Kunst am Strand

          Kurz vor dem Start der Kunstmesse Art Basel in Miami hat der argentinische Künstler Leandro Erlich am Strand einen Stau mit Autos aus Sand nachgebildet. Damit will er auf das Thema Kimawandel aufmerksam machen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.