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Odenwaldschule : Ein Spielfilm über den Missbrauchsskandal?

  • -Aktualisiert am

Der Schein trügt: Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur) ist die Perversion des aufgeklärten Pädagogen. Bild: WDR/Katrin Denkewitz

Missbrauch durch gefeierte Reformpädagogen: Mindestens 132 Schüler sind in den siebziger und achtziger Jahren an der Odenwaldschule Opfer sexueller Gewalt geworden. Ist es zulässig, dazu einen Spielfilm zu machen?

          Als ich Ende 2010 erstmals darüber nachdachte, die Fälle sexuellen Missbrauchs in Bildungseinrichtungen zum Thema eines Spielfilms zu machen, waren das Canisius-Kolleg, das Kloster Ettal und die Odenwaldschule schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Das Thema schien abgehandelt zu sein. Doch so umfangreich die Berichterstattung insbesondere zum Fall der Odenwaldschule gewesen war, ich konnte mir trotz der vielen bekanntgewordenen Fakten nach wie vor nicht erklären, wie es Lehrern möglich war, mindestens 132 Schüler über einen so langen Zeitraum völlig unbehelligt zu missbrauchen.

          Gerold Becker, den gefeierten Reformpädagogen, sah ich das erste Mal in alten Filmaufnahmen, in denen er mit einer Glocke gutgelaunt die tägliche Teekonferenz an der Odenwaldschule eröffnet. Ich fragte mich abermals: Wie konnte sich dieser pädosexuelle Serientäter unter den Augen all seiner Kollegen über Jahrzehnte so sicher fühlen? Und wieso haben sich die vielen Opfer, meistens Jungs im Alter zwischen elf und fünfzehn, nicht gegen diesen Mann und seine Mittäter wehren können? War die Odenwaldschule als reformpädagogische Vorzeigeeinrichtung nicht bekannt dafür, dass sie ihre Schüler zu Selbstbewusstsein gegenüber Autoritäten erzog?

          Erst später lernte ich, dass es diese oft unausgesprochene und von Unverständnis geprägte Frage ist, unter der die Betroffenen besonders leiden. Schwingt doch irgendwie der fürchterlich unberechtigte Verdacht mit, dass sie sich nicht wehrhaft genug gezeigt hatten. Filme mit gesellschaftlich relevanten Themen starten oft mit einer Frage, die man sich nicht erklären kann, sagte einmal der amerikanische Drehbuchautor Aaron Sorkin. Bei mir erfolgte der Startschuss eher mit der Ahnung einer Antwort. Denn im Januar 2011 bekam ich zufällig Arbeitsproben des mir damals unbekannten Regisseurs Christoph Röhl auf den Tisch. Darunter den Rohschnitt seines hervorragenden, damals noch unveröffentlichten Dokumentarfilms „Wir sind nicht die Einzigen“.

          Neunzig Minuten Aufmerksamkeit

          In diesem Film lässt Christoph Röhl missbrauchsbetroffene Exschüler der Odenwaldschule zu Wort kommen. Der Film ließ mich Mechanismen von Missbrauch in geschlossenen Systemen nicht nur nachvollziehen, sondern auch nachfühlen. In den schmerzhaft konkreten Schilderungen wurde erkennbar, dass sie nicht allein Opfer pädosexueller Verbrecher wurden, sondern eines ausweglosen Missbrauchssystems – bestehend aus einem Zusammenspiel von Täterstrategien, Mechanismen des Leugnens durch das Umfeld und den ausgenutzten Ängsten der Betroffenen. Ich begann zu ahnen, warum Opfer sich nicht wehren und Täter sich sicher fühlen konnten.

          Emotional zu involvieren ist die Stärke von Spielfilmen. Insofern schien mir ein fiktionaler Film eine wichtige Ergänzung zu den dokumentarischen Beiträgen. Ein Spielfilm kann verdichten und von Einzelbiographien abstrahieren, um die universellen Aspekte eines Themas herauszuarbeiten. Zum anderen kann ein Spielfilm den Zuschauer in Figurenperspektiven führen und ihn Situationen, Atmosphären, aber auch Blindheiten von Beteiligten miterleben lassen. Vor allem aber finden Spielfilme zur besten Sendezeiten statt. Das bot die Chance, ein breiteres Publikum für das Thema zu sensibilisieren und auf diese Weise vielleicht auch einen Präventionsbeitrag zu leisten.

          Auf einem Sendeplatz wie dem ARD-Mittwoch erreicht man immerhin drei bis vier Millionen Zuschauer und findet neunzig Minuten ihre Aufmerksamkeit. Dieser Chance gegenüber stand ein besonderes Risiko: Verfilmungen dieses Sujets laufen Gefahr, voyeuristisch oder didaktisch zu wirken, unangemessen zu skandalisieren oder auf unangemessene Art zu emotionalisieren – sprich: das erforderliche Maß an Authentizität zu verfehlen.

          Fiktionale Wahrhaftigkeit

          Insofern war die Entscheidung der WDR-Verantwortlichen Barbara Buhl und Gebhard Henke, den Film anzugehen, auch ein Vertrauensbeweis. Beflügelt wurde sie sicher durch die Wahl der Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau. Ihr Talent, komplexe Themen detailtreu und gut recherchiert in emotionale Figurengeschichten umzusetzen, haben sie mehrfach gezeigt. Für die Authentizität, die wir gemeinsam mit der Dramaturgin Anke Krause und dem Redakteur Götz Schmedes anstrebten, waren jedoch die Gespräche mit Betroffenen von zentraler Bedeutung.

          Das idyllische, unübersichtliche Internatsgelände half, den Missbrauch zu vertuschen

          Keine Recherche hätte den über zwei Jahre geführten Dialog mit Betroffenen ersetzen können. Zwar erzählt unser Film eine Geschichte rein fiktiver Figuren, aber die Überschneidungen in den Betroffenenberichten halfen, das Missbrauchssystem abzubilden. Wenn nun Johann-Wilhelm Rörig, der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, in dem Film einen Präventionsbeitrag erkennt, der exemplarisch die Täterstrategien, die Ohnmacht der Opfer und das Versagen von Kollegen und Eltern schildert, so verdankt sich das auch der Mitwirkung der Betroffenen.

          Dabei war unser Vorhaben anfangs bei einigen Betroffenen umstritten. Einige waren in Sorge, ein Spielfilm könne ihr Schicksal ausschlachten, aus Quotengründen „pilcherisieren“ oder mit der Erzählperspektive einer jungen Lehrerin falsche Helden präsentieren, die es nicht gab. Um hier Vertrauen zu schaffen, war es nicht nur erforderlich zu reden, sondern auch zu streiten – etwa über die Unterscheidung von Realismus und fiktionaler Wahrhaftigkeit.

          Unübersichtliches Gelände

          Denn um mit einem Spielfilm der Realität nahe zu kommen, geht dies ausschließlich über eigene, von Autoren erdachte Fiktionen. Nicht zuletzt deshalb erzählt der Film vom Scheitern unserer Hauptfigur. Bis zum Ende des Films ist die junge Lehrerin keine echte Hilfe, kann den Missbrauch nicht verhindern und zeigt die hoffnungslose Lage der Betroffenen.

          Als wir den fertigen Film zum ersten Mal mit Betroffenen sahen, waren wir angesichts der ausschließlich positiven Reaktionen gleichermaßen glücklich wie berührt. Es schien, als konnte sich jeder der Betroffenen in dieser Geschichte wiederfinden. Gerhard Röse, einer der Betroffenen, schilderte später in einem Zeitungsartikel, was der Film, der ihn schlagartig wieder in die Zeit von damals katapultiert habe, in ihm ausgelöst hat. Er habe seit dreißig Jahren das erste Mal wieder weinen können. Drei Wochen später sagte er mir am Telefon, den kleinen Jungen von damals endlich beweinen zu können habe gutgetan und tue immer noch gut.

          Wie frisch die Aufarbeitungsprozesse noch sind, zeigte sich auch bei unserem Bemühen um eine Drehgenehmigung. Das idyllische und unübersichtliche Internatsgelände war schließlich selbst ein Faktor gewesen, den Missbrauch zu verstecken. Doch eine Drehgenehmigung der Odenwaldschule zu bekommen erwies sich in ihrer labilen Situation als echte Herausforderung. Schließlich war es erst wenige Monate her, dass die Odenwaldschule aus den Schlagzeilen verschwunden war. Welches Interesse konnte sie also haben, dass ihr Name nun von einem Millionenpublikum wieder in Zusammenhang gebracht wird mit den Missbrauchsereignissen der Gerold-Becker-Zeit?

          Genau so und ganz anders

          Selbst wenn sie im Rahmen ihrer eigenen Aufarbeitungsanstrengungen einen Film zur Thematik begrüßte, war sie doch auch privater Internatsbetrieb, der unter schwindenden Schülerzahlen litt. Als ich mit dem Regisseur auf Einladung des Trägervereins und der damaligen Schulleiterin Katrin Höhmann die Odenwaldschule besuchte, um in einem völlig überfüllten Lehrerzimmer vor Lehrern und Elternvertretern für unser Vorhaben zu werben, konnte man die Angst um den Erhalt der Schule förmlich greifen.

          Scheitert am Ende auch: Julia Jentsch als Lehrerin Petra Grust

          Ich erinnere mich, dass damals absurderweise auch jene Glocke auf einem Tisch stand, mit der ich Becker die Teekonferenz eröffnen sah. Während der hitzigen Diskussion musste ich bei ihrem Anblick daran denken, dass vielleicht wieder die Angst Oberhand gewinnen könnte: die Angst, den Ruf einer Institution zu beschädigen. Am Ende kam es anders: Nach fast einem Jahr des Bemühens bekamen wir die Drehgenehmigung.

          Vor einer Woche hat die Odenwaldschule ihren Schülern den Film gezeigt. Zur Vorführung im Theatersaal der Schule waren auch die Filmemacher eingeladen. Die erste Frage nach der Vorführung stellte ein etwa vierzehnjähriger Junge. Er könne sich das alles jetzt viel besser vorstellen, aber sei es denn wirklich so krass gewesen? Die Antwort gab ihm ein Betroffener. „Ja“, sagte Jochen Weidenbusch, heute beim Opferverein Glasbrechen e.V. und in der Präventionsarbeit engagiert, „genau so war’s – und doch bei jedem Einzelnen auch anders.“ Mit dieser Antwort war der Film an seinem Ziel.

          Lesen Sie auch unsere Filmbesprechung zu „Die Auserwählten

          Das sagen Betroffene zum Film

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