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Odenwaldschule : Ein Spielfilm über den Missbrauchsskandal?

  • -Aktualisiert am
Das idyllische, unübersichtliche Internatsgelände half, den Missbrauch zu vertuschen

Keine Recherche hätte den über zwei Jahre geführten Dialog mit Betroffenen ersetzen können. Zwar erzählt unser Film eine Geschichte rein fiktiver Figuren, aber die Überschneidungen in den Betroffenenberichten halfen, das Missbrauchssystem abzubilden. Wenn nun Johann-Wilhelm Rörig, der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, in dem Film einen Präventionsbeitrag erkennt, der exemplarisch die Täterstrategien, die Ohnmacht der Opfer und das Versagen von Kollegen und Eltern schildert, so verdankt sich das auch der Mitwirkung der Betroffenen.

Dabei war unser Vorhaben anfangs bei einigen Betroffenen umstritten. Einige waren in Sorge, ein Spielfilm könne ihr Schicksal ausschlachten, aus Quotengründen „pilcherisieren“ oder mit der Erzählperspektive einer jungen Lehrerin falsche Helden präsentieren, die es nicht gab. Um hier Vertrauen zu schaffen, war es nicht nur erforderlich zu reden, sondern auch zu streiten – etwa über die Unterscheidung von Realismus und fiktionaler Wahrhaftigkeit.

Unübersichtliches Gelände

Denn um mit einem Spielfilm der Realität nahe zu kommen, geht dies ausschließlich über eigene, von Autoren erdachte Fiktionen. Nicht zuletzt deshalb erzählt der Film vom Scheitern unserer Hauptfigur. Bis zum Ende des Films ist die junge Lehrerin keine echte Hilfe, kann den Missbrauch nicht verhindern und zeigt die hoffnungslose Lage der Betroffenen.

Als wir den fertigen Film zum ersten Mal mit Betroffenen sahen, waren wir angesichts der ausschließlich positiven Reaktionen gleichermaßen glücklich wie berührt. Es schien, als konnte sich jeder der Betroffenen in dieser Geschichte wiederfinden. Gerhard Röse, einer der Betroffenen, schilderte später in einem Zeitungsartikel, was der Film, der ihn schlagartig wieder in die Zeit von damals katapultiert habe, in ihm ausgelöst hat. Er habe seit dreißig Jahren das erste Mal wieder weinen können. Drei Wochen später sagte er mir am Telefon, den kleinen Jungen von damals endlich beweinen zu können habe gutgetan und tue immer noch gut.

Wie frisch die Aufarbeitungsprozesse noch sind, zeigte sich auch bei unserem Bemühen um eine Drehgenehmigung. Das idyllische und unübersichtliche Internatsgelände war schließlich selbst ein Faktor gewesen, den Missbrauch zu verstecken. Doch eine Drehgenehmigung der Odenwaldschule zu bekommen erwies sich in ihrer labilen Situation als echte Herausforderung. Schließlich war es erst wenige Monate her, dass die Odenwaldschule aus den Schlagzeilen verschwunden war. Welches Interesse konnte sie also haben, dass ihr Name nun von einem Millionenpublikum wieder in Zusammenhang gebracht wird mit den Missbrauchsereignissen der Gerold-Becker-Zeit?

Genau so und ganz anders

Selbst wenn sie im Rahmen ihrer eigenen Aufarbeitungsanstrengungen einen Film zur Thematik begrüßte, war sie doch auch privater Internatsbetrieb, der unter schwindenden Schülerzahlen litt. Als ich mit dem Regisseur auf Einladung des Trägervereins und der damaligen Schulleiterin Katrin Höhmann die Odenwaldschule besuchte, um in einem völlig überfüllten Lehrerzimmer vor Lehrern und Elternvertretern für unser Vorhaben zu werben, konnte man die Angst um den Erhalt der Schule förmlich greifen.

Scheitert am Ende auch: Julia Jentsch als Lehrerin Petra Grust

Ich erinnere mich, dass damals absurderweise auch jene Glocke auf einem Tisch stand, mit der ich Becker die Teekonferenz eröffnen sah. Während der hitzigen Diskussion musste ich bei ihrem Anblick daran denken, dass vielleicht wieder die Angst Oberhand gewinnen könnte: die Angst, den Ruf einer Institution zu beschädigen. Am Ende kam es anders: Nach fast einem Jahr des Bemühens bekamen wir die Drehgenehmigung.

Vor einer Woche hat die Odenwaldschule ihren Schülern den Film gezeigt. Zur Vorführung im Theatersaal der Schule waren auch die Filmemacher eingeladen. Die erste Frage nach der Vorführung stellte ein etwa vierzehnjähriger Junge. Er könne sich das alles jetzt viel besser vorstellen, aber sei es denn wirklich so krass gewesen? Die Antwort gab ihm ein Betroffener. „Ja“, sagte Jochen Weidenbusch, heute beim Opferverein Glasbrechen e.V. und in der Präventionsarbeit engagiert, „genau so war’s – und doch bei jedem Einzelnen auch anders.“ Mit dieser Antwort war der Film an seinem Ziel.

Lesen Sie auch unsere Filmbesprechung zu „Die Auserwählten

Das sagen Betroffene zum Film

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