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Das Videospiel „Need for Speed“ : Nur keine Raserei

Hier vergeht die Zeit wie im Flug. Es braucht jedoch eine Weile, bis man der Polizei einfach davonfahren kann. Bild: EA

Man soll den Verrätern Triumph und Niederlage mit gleicher Teilnahmslosigkeit begegnen: Jetzt ist die Stunde des Autorennspiels. Denn wir haben einen „Need for Speed“.

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          Dieser Tage lässt es sich befreit sagen, denn es ist ja kaum jemand da, der einen mit bösen Blicken bedenkt: Seitenschweller, Heckdiffusoren, dunkle Scheibentönung, Unterbodenbeleuchtung, farbige Fehlzündungsflammen, ein Fahrgestell so tief, dass man jede Pore im Asphalt spürt, und Schlappen, die noch um einiges breiter sind als unser selbstvergessenes Grinsen, lassen unser Herz höher schlagen. Auch weil das Adrenalin, das in unseren Kreislauf gepumpt wird, wenn sich all das Genannte plötzlich in Bewegung versetzt, verschwimmt, röhrt, brummt, quietscht und knallt, so echt ist.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Rennspiel – denn mehr noch als eine Simulation will es genau das sein – „Need for Speed: Heat“ (NFS) ist zwar schon seit einigen Monaten im Handel, jetzt aber, in einer Zeit der räumlichen Begrenzung, kann man dank ihm zu Höchstleistung auflaufen und gallonenweise virtuelles Benzin verbrennen. Völlig klimaneutral und ohne Gefahr für Leib und Leben. Auch dafür steht ja diese Art Arcade-Rennspiel: In den protzigsten Karren die Sau rauslassen und (den Hütern) der Ordnung einfach davonbrettern. In Katharsis-Hinsicht, will sagen Angstbefreiung durch Bleifuß, ist das Spiel ähnlich gelagert wie sein maßgeschneiderter HipHop-Soundtrack.

          Die Macher von Ghost-Games haben sich zwar um eine Geschichte bemüht, die die Straßenrennen bei Tag und Nacht einbettet. Aber sie ist, wie schon die überflüssigen Fahrerwitzfiguren nebst ihren Sprüchen, aus dünner Skript-Pappe und komplett zu vernachlässigen. Stattdessen freut man sich über den flottzumachenden Retro-Schick und wählt einen tiefblauen 1988er BMW M3 Evolution II (später Lamborghini Countach 25th Anniversary). In der Werkstatt bekommt er den ersten und letzten Schliff: Doppelturbolader, Nos-Einspritzung (2 x 1,4 KG-Tanks), Sportbremsen und andere technische Finessen, über die der Laie glücklicherweise kaum etwas wissen muss – er bekommt es aber zur Not in kleinen informativen Kästen erklärt.

          Brettern durch Zäune, Schilder, Hecken, als wären sie aus Papier

          Selbst wer im Alltag auf Understatement setzt, kann hier ohne Gewissensbisse auf höher, schneller und breiter setzen. Mattschwarze Felgen, check. Spoiler so hoch wie das Autodach, check. Ausladende Frontschürze, check. Rückscheibenaufkleber mit Blödsinnsattributen, check. Doch um sich den Hochleistungsschmuck leisten zu können, muss der Spieler auf die Straße. Bei Tag fährt er sich das nötige Geld, bei Nacht die nötige Reputation zusammen, um an neue Teile zu kommen, damit ihn die Konkurrenz nicht abhängt.

          Die Balance zwischen Realismus (im Fahrverhalten) und Unmöglichem – Springen über Rampen, Brettern durch Zäune, Schilder, Hecken, Steinmauern und Palmen, als wäre alles aus Papier, sowie Frontalzusammenstöße bei 180 Sachen ohne merkliche Kratzer – zeigt, dass NFS auf Zugänglichkeit ausgelegt ist. Trotzdem gilt es, ein Gefühl für das richtige Timing bei Gas und Bremse zu entwickeln. Wer bremst, hat Angst – von wegen: „Need for Speed“ gehört nicht zu jener alten Riege von Rennspielen, bei dem Letzteres nicht gebraucht wird. Der sensible Druck auf den Bremsknopf und das bange Hoffen auf die Passgenauigkeit seiner Auswirkung gehören zu den Dingen, die in der letzten Runde eines Rennens an der Spitze des Feldes den Puls in ungeahnte Höhen treiben. Besonders, wenn man beim Nachtrennen den Motor des Kontrahenten hinter sich hört, obwohl man selbst bereits im sechsten Gang bei 8000 Umdrehungen auf der Gegenfahrbahn die „Sinfonie der Vernichtung“ (Schröder) pfeift.

          Es kann dann passieren, dass man kurz vor dem Ziel einen ärgerlichen Fahrfehler begeht oder auf den letzten hundert Metern aus dem Nichts von einem Gegner überholt wird. Dann werden die Lippen zu einem schmalen Strich, und man muss sehr tief durchatmen. Doch selbst wenn man nach drei oder vier schweißtreibenden Runden endlich als Erster durchs Ziel geht, kann es sein, dass einem das Herz vor lauter Anspannung im plötzlichen Leerlauf bis zum Halse schlägt.

          Man soll den Verrätern Triumph und Niederlage mit gleicher Teilnahmslosigkeit begegnen, heißt es grob übersetzt in einem Gedicht von Rudyard Kipling. Hier lässt sich das im Trockenen probieren, damit Mann oder Frau es in der Realität nicht mehr zu tun braucht. Die Kunst ist, ruhig liegen zu bleiben und die Lenkbewegungen nicht mit dem Oberkörper mitzumachen. Sonst fegt es einen vom Sofa.

          Need for Speed: Heat ist für PlayStation 4, Xbox One und den Windows-PC zu haben und kostet etwa 35 Euro.

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