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Nur ein Patzer? : Der NDR verteidigt Anne Will

„Missverständliche Formulierungen”: Anne Will Bild: dpa

Die Absetzungsforderungen nach journalistischen Patzern in der letzten „Anne Will“-Sendung haben die Abwehrfront eher zusammengeschweißt. Die ARD steht hinter ihrer erfolgreichsten politischen Talkerin. Immerhin räumte der NDR jetzt Fehler ein.

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          Anne Will sah in ihrer letzten Sendung mit falschen Zahlen zum Schuldenstand von Berlin nicht gut aus. Doch die ARD steht zu ihr. Die Forderung des CDU-Politikers Friedbert Pflüger, Wills Talkshow müsse abgesetzt werden, schweißt die Abwehrfront eher zusammen. Immerhin räumt der NDR jetzt Fehler ein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vor der Absetzung steht die Talkshow von „Anne Will“ im ersten ARD-Programm sicherlich nicht, auch wenn der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger dies gefordert hat. Die Kritik an der letzten Ausgabe der Sendung aber wird ernst genommen. So hat der Norddeutsche Rundfunk, in dessen Auftrag die Talkshow produziert wird, jetzt eingeräumt, in der Sendung vom 1. Juni habe es eine „missverständliche“ Formulierung gegeben.

          Fehler der Redaktion

          Unter dem Motto „Alles auf Rot - warum nicht mit den Linken?“ hatte Anne Will diskutieren und vor allem Oskar Lafontaine ganz groß auftrumpfen lassen, was auch daran lag, dass ihre Redaktion zu Beginn der Sendung den Schuldenstand Berlins zu Zeiten der CDU-SPD-Regierung und des nachfolgenden rot-roten Senats falsch darstellte. Bei „Anne Will“ hatte es geheißen, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit habe 2001 von der Großen Koalition sechzig Milliarden Euro Schulden geerbt. Tatsächlich betrug der Schuldenstand damals aber nur etwa 38 Milliarden Euro, er ist seitdem auf rund 60 Milliarden gestiegen.

          „Diese Formulierung war missverständlich“, stellt der NDR nun fest. „Die Redaktion hatte sich mit der von ihr verwendeten Zahl auf die gesamten finanziellen ,Altlasten' bezogen.“ Der NDR-Programmdirektor Volker Herres sagte, der Chefredakteur des Senders habe „mit der Redaktion intensiv über die Sache gesprochen und alle stimmen selbstverständlich überein, dass eine gründliche Recherche und präzise Umsetzung Grundpfeiler der Glaubwürdigkeit der politischen Gesprächssendung von Anne Will sind.“ Pannen seien ärgerlich, „aber wo Menschen arbeiten und unter den Bedingungen einer Livesendung“ könne auch einmal „etwas schiefgehen“.

          Wachwechsel unwahrscheinlich

          Die Forderung nach einer Absetzung von „Anne Will“ weist der NDR derweil zurück. Das sei eine „ebenso unverhältnismäßige wie überzogene Forderung“, sagte der Programmdirektor Herres. „,Anne Will‘ ist die erfolgreichste politische Gesprächssendung im deutschen Fernsehen. Eine Sendung, die es Woche für Woche schafft, mehr als vier Millionen Menschen für Politik zu interessieren, gehört nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil gestärkt. Daran ändert auch ein solcher Patzer nichts.“

          Neben Friedbert Pflüger hatte auch der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) die Talkshow wegen Fehlinformation und politischer Einseitigkeit kritisiert. Und an Kritik aus den eigenen Reihen ist im Fall von Anne Will auch kein Mangel. Immer wieder wird hinter vorgehaltener Hand kanalisiert, dass die ARD doch besser dastünde, wenn Anne Will und Frank Plasberg, dessen „hart aber fair“ mittwochs läuft, die Sendeplätze tauschten. Das allerdings ist ein Wunsch, dem unter den Intendanten, die letztlich entscheiden, zumindest offiziell niemand folgen wollte.

          Zwar weiß in der ARD inzwischen jeder, dass Plasberg die journalistischere Talkshow gestaltet, zupackt und zuspitzt, während Anne Will sich manchem Thema und manchen Gästen nicht gewachsen zeigt. Doch war das zu Zeiten von Sabine Christiansen ganz genauso. Deren Stern sank erst, als einige der Intendanten mitbekommen hatten, dass sich die Zuschauerkurve ganz langsam und stetig neigte. An mangelndem inhaltlichem Format dürfte auch Anne Will nicht scheitern. Hinzu kommt, dass über die Talkshowkonkurrenz die beiden großen ARD-Sender NDR (Anne Will) und WDR (Frank Plasberg) ihre generell nicht eben schwach ausgebildete Rivalität ausleben. Bei einem Wachwechsel zwischen Plasberg und Will würde nicht nur die Moderatorin ihr Gesicht verlieren.

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