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Nordkoreas Chefansagerin : Eine Frau für gewisse Bomben

Bild: AFP

Eigentlich ist Ri Chun-hee, einstige Chefansagerin des nordkoreanischen Staatsfernsehens, im Ruhestand. Wenn es Großes zu verkünden gibt, wie den Test einer Wasserstoffbombe, erscheint sie wieder.

          Was für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump der Twitter-Account, ist für Kim Jong-un, „Vorsitzender der Partei der Arbeit Koreas, Vorsitzender des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Korea und Oberbefehlshaber der Koreanischen Volksarmee“, die Nachrichtensprecherin Ri (oder Lee) Chun-hee. Schon den Namen des „Obersten Führers“ samt Titeln trägt Ri im Koreanischen Zentralfernsehen (KCTV) mit so viel getragenem Nachdruck vor, dass man glauben könnte, es handele sich um die Verkündung des Weltfriedens.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ganze dreizehn Sekunden braucht sie dafür. Doch sie hat allen Grund, den Namen des nordkoreanischen Diktators zu zelebrieren. Schließlich hat Korea gerade unter der „Leitung“ von Kim Jong-un, bei einer Übung der Volksarmee eine Mittelstreckenrakete über die japanische Insel Hokkaido hinweg geschossen. Noch dazu, wie es von der staatlichen „zentralen Koreanischen Nachrichtenagentur“ Nordkoreas heißt, bewusst am 107. Jahrestag der Annektion der koreanischen Halbinsel und deren Umbenennung als japanische Provinz Chosen durch das Kaiserreich im Jahre 1910.

          „Tante Ri“ kommt nur für Großereignisse zurück

          Auch als das nordkoreanische Regime die Eskalation am 3. September noch ein gewaltiges Stück weiterdreht, indem es auf dem Atomtestgelände Punggye-ri seine mutmaßlich bisher stärkste Wasserstoffbombe testet, sitzt die in Rosa gekleidete Dame wieder am Pult des Zentralfernsehens: „Der Test einer Wasserstoffbombe, die entwickelt wurde, um unsere Interkontinental-Raketen zu bestücken, war ein perfekter Erfolg“, verkündetete sie. Es sei ein „bedeutsamer Schritt“ zur Vollendung des nordkoreanischen Atomprogramms“.

          Dabei ist Nordkoreas ranghöchste Nachrichtensprecherin offiziell seit 2012 in Rente. Doch für Ereignisse von der Größenordnung eines Wasserstoffbombentests geht Ri immer wieder auf Sendung. Wer ihr zusieht, erkennt, dass sie das, was sie zu sagen hat, in guter alter Propagandamanier aus dem ganzen Körper holt. Ri Chun-hee liest nicht einfach Nachrichten vor. Sie verkündet die großen Erfolge ihres Landes mit bebender Stimme, ebenso, wie sie voller Anteilnahme über die großen Dramen spricht, die sich im Land abspielen.

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          Das Ableben zweier „großer Führer“ hat Ri, die 1971 zum ersten Mal mit mutmaßlich dreißig Jahren im Staatsfernsehen zu sehen war, vor laufender Kamera verkündigt. 1994 gab Ri den Tod des „ewigen Präsidenten“ und ersten Diktators von Nordkorea bekannt, in schwarzer Kleidung, von Schluchzern geschüttelt. Auch als Kim Jong-il 17 Jahre später am 17. Dezember offiziell für tot erklärt wird, sitzt Ri – in schwarz, mit zitternder Stimme – vor dem Nadelwald-Berg-Prospekt im Studio.

          Wenn sie nicht gerade Trauernachrichten zu verkünden hat, sitzt Ri – mitunter „Tante Ri“ genannt – in ihrem rosafarbenen Chosonot vor wechselnden Bergpanoramen. Der rosafarbene Chosonot, eine traditionelle koreanische Tracht und ihr Markenzeichen, hat ihr in der internationalen Presse den Spitznamen „Pink Lady“ eingebracht. Sehr viel mehr weiß man nicht über Ri. Ihre koreanische, japanische sowie die chinesische Wikipedia-Seite geben 1943 als ihr Geburtsjahr an. Dass sie statt einer Ausbildung zur Journalistin an einer Universität in Pjöngjang darstellende Kunst und Schauspiel studiert haben soll, passt zumindest zu ihren Auftritten. Während Kim Jong-un in seiner Amtszeit eifrig damit beschäftigt war, hochrangige Parteimitglieder und Militärs aus dem Unterstützerkreis seines verstorbenen Vaters zu beseitigen, tritt Ri bis heute als eine der wenigen Personen dieser Ära in Erscheinung. Sie scheint das uneingeschränkte Vertrauen des Diktators zu genießen.

          In einem Interview mit dem chinesischen Staatssender CCTV anlässlich des offiziellen Endes ihrer Tätigkeit als Nachrichtensprecherin im Jahr 2012 erklärte die damals mutmaßlich Neunundsechzigjährige, sei werde sich auf ihrem Ruhm nicht ausruhen. Sie wolle helfen, die nächste Generation von Nachrichtensprechern auszubilden, die „jünger und weitaus geeigneter für das heutige Fernsehpublikum“ seien.

          2009 fragte die staatliche Zeitschrift „Chosun“ in einem Artikel: „Mit ihrer rauhen Stimme, die so kraftvoll und ansprechend ist – was musste die fünfundsechzigjährige Ri durchmachen, um die Nachrichtensprecherin des Volkes und hart arbeitende Heldin zu werden?“ Natürlich habe sie der Staatsgründer Kim Il-sung, der sie mit „warmer Liebe und voller Vertrauen“ großgezogen habe, in einer „feurigen“ Rede dazu gebracht, Nachrichtensprecherin zu werden. Wenn Ri Berichte und Stellungnahmen ankündigte, hätten die Feinde des Landes „vor Angst gezittert“. Dem Artikel zufolge lebt Ri ein relativ glanzvolles Leben in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, mit ihrem Mann, ihren Kindern und Enkeln.

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