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„Nord bei Nordwest: Gold“ : Bestatter im Goldrausch

  • -Aktualisiert am

Die Bestatter Bleckmann (Regine Hentschel) und Töteberg (Stephan A. Tölle) im Goldrausch Bild: NDR/ARD Degeto/Gordon Timpen

Staubtrockener Humor, tiefe Tierfreundschaft, Provinzromantik und erdverbundene Landschaftsschwelgerei: Die Krimireihe „Nord bei Nordwest“ wird immer noch besser.

          Man muss nur eins und eins zusammenzählen, um von der Zukunft groß zu träumen. Besonders als Provinz-Kleinunternehmerpaar* mit Expansionsplänen. Erst eine Zweigstelle in Lübeck eröffnen, dann Konzerntöchter in New York, Tokio und Bad Oldesloe anpeilen. Das Personal effizient schulen. Eine neue Produktpalette mit Alleinstellungsmerkmal anbieten. Gestorben wird immer, aber wird denn auch klimaneutral beerdigt? Eben. Warum sollte Schwanitz an der Ostsee nicht zum Pionierort in Sachen „Nachhaltig bestatten“ werden? Wo es hier doch ungewöhnlich viele Todesfälle gibt, seit Tierarzt Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) die Ortspolizistin Lona Vogt (Henny Reents) beim Ermitteln unterstützt? Genügend Übungsmaterial ist vorhanden. Die alerten Totengräber, Herr Töteberg (Stephan A. Tölle) und Frau Bleckmann (Regine Hentschel), müssen nur noch mit Hilfe des beim Allzweckhändler Mehmet Ösker (Cem-Ali Gültekin) erworbenen Metalldetektors ebenjene Goldader finden, von der in den Kirchenbüchern im 18. Jahrhundert dem Vernehmen nach die Rede ist.

          Goldrausch im verschlafenen, aber von allerlei spleenigen Typen besiedelten Seeort Schwanitz! Dass das zu Tode getretene Opfer eines Raubmords Goldstaub am Körper hat, spricht für sich und für die Goldader, finden die Leute in der siebten Folge von „Nord bei Nordwest“ (Buch Holger Karsten Schmidt, Regie Christian Theede, Kamera Martin Schlecht). Bald prügeln sich die Bauern auf dem Feld um ihren Claim, misstraut der eifersüchtige Bernsteinhändler Jan Schneider (Christoph Tomanek) seiner Frau Petra (Cornelia Dörr) noch mehr und besucht Tierarzthelferin Jule Christiansen (Marleen Lohse) zum ersten Mal seit der Taufe die Kirche, angeblich zwecks lokalhistorischer Forschung.

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          Auch dieses Mal ist der Kriminalfall, den der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt seinem Personal auftischt, von durchschnittlichem Interesse. Verdächtige gibt es zwar zuhauf, vom Zahnarzt bis zum Bundesliga-Fußballtalent, die Befragungen beleuchten auch den ein oder anderen menschlichen Abgrund. Der Unterhaltungsgewinn von „Gold!“ beruht aber auf der unzeitgemäß eindeutigen Sympathie des Autors für seine Figuren. Seit der ersten Folge „Käpt’n Hook“ (2014) ist der lakonische Hauke Jacobs immer gesprächiger und zugänglicher geworden, die Plaudertasche Jule Christiansen weniger aufgedreht und Polizistin Lona Vogt als zupackende Frau der Dienststelle überzeugender. Kalauer und Klamauk wurden auf die eigenwilligen Nebenfiguren verlagert, bei denen die Absonderlichkeiten blühen, während die zart gepflanzte erotische Dreieckskonstellation Hauke–Jule–Lona bestens wächst und gedeiht. In „Gold!“ erfährt man auch die Vorgeschichte Jacobs, der eigentlich anders heißt und undercover für das LKA arbeitete, bevor ihn vor fünf Jahren der Kronzeugenschutz nach Schwanitz führte. Nach seiner Aussage gegen Mitglieder des organisierten Verbrechens könnte er dem Meer nun den Rücken kehren.

          Als Axel Milberg 2007 mit „Doktor Martin“ ein in Ostfriesland angesiedeltes Remake der britischen Dorfspleen-Serie „Doc Martin“ vorlegte, waren die Reaktionen durchwachsen. Die Landarztserie über einen sarkastischen Chirurgen, der kein Blut sehen konnte, wurde nach einer zweiten Staffel 2009 eingestellt. „Nord bei Nordwest“ setzt zwar in ähnlicher Weise auf das Land(tier-)arztmotiv, geht mit seinem Personal aber warmherziger um. Jemanden wegen einer Ostfriesenwitzpointe dem Gelächter preisgeben – da sei schon die beiläufige Detailgenauigkeit Hinnerk Schönemanns vor. Staubtrockener Humor, tiefe Tierfreundschaft, Provinzromantik und erdverbundene Landschaftsschwelgerei haben wohl zuletzt in „Der Doktor und das liebe Vieh“ ähnlich stimmig zusammengefunden. Mit „Frau Irmler“ sendet das Erste am 10. Januar gleich die nächste Folge von „Nord bei Nordwest“.

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