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Vorentscheid zum ESC : Rolle rückwärts

Naidoo ist raus – aber wer soll an seiner Statt antreten? Bild: dpa

Nach dem Debakel um die direkte ESC-Nominierung Xavier Naidoos peilen die Verantwortlichen offensichtlich wieder die klassische Lösung an: einen Vorentscheid in einer Fernsehshow.

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          Bei der ARD verdichten sich die Zeichen, dass es doch wieder einen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest gibt. Das dringt aus den Sendern, und danach klingt die entsprechende Einlassung des ARD-Vorsitzenden und NDR-Intendanten Lutz Marmor: Die Tendenz gehe dahin, einen Wettbewerb zu veranstalten und das Publikum entscheiden zu lassen, sagte er. „Der NDR hat einen Fehler gemacht.“ Er meint die Direktnominierung des Sängers Xavier Naidoo.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Damit vollzieht die ARD in Sachen Kandidatenauswahl zum Eurovision Song Contest eine Rolle rückwärts. Die stand zu erwarten, nachdem es gegen die beim NDR vorgenommene Direktwahl Xavier Naidoos massiven Protest gegeben hatte. Nach nur zwei Tagen war das Ganze einkassiert worden. Im Internet hatte es Petitionen gegen Naidoo gegeben, er war persönlich in Misskredit gebracht und allein an manchen seiner fragwürdigen politischen Äußerungen gemessen worden.

          Doch auch senderintern hatte es einen Aufstand gegen den Plan gegeben, mit dem der Unterhaltungskoordinator der ARD, Thomas Schreiber, zu reüssieren gehofft hatte. Vierzig Redakteure des NDR, der bei der ARD für den Eurovision Song Contest zuständig ist, hatten schriftlich gegen das Verfahren protestiert, Xavier Naidoo als Kandidaten zu setzen und dem Publikum lediglich die Auswahl des Titels, mit dem er beim ESC-Finale in Stockholm im Mai des nächsten Jahres antreten sollte, zu überlassen. Sodann hatte es auch der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres, eilig, sich öffentlich zu distanzieren: Er hätte es begrüßt, wenn in der ARD intern über den Plan mit Naidoo diskutiert worden wäre, sagte er in einem Interview.

          Nicht den nächstbesten Bänkelsänger

          Die ARD ist allerdings für eine gewisse bürokratische Chaotik bei derlei Verfahren bekannt. Und häufig laufen diese auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner des Vorgehens hinaus, mit dem sich die Hierarchen und die hiesige ESC-Gemeinde anfreunden können, das aber nicht unbedingt dazu führt, dass Deutschland einen chancenreichen Kandidaten und nicht den nächstbesten Bänkelsänger zum Eurovision Song Contest schickt.

          In den letzten Jahren jedenfalls waren die Ergebnisse der deutschen Teilnehmer so niederschmetternd, dass die Idee aufkam, mit Xavier Naidoo auf einen Profi zu setzen und an das Konzept der Show „Sing meinen Song“ anzuknüpfen, die Naidoo inzwischen in der zweiten Staffel für Vox produziert. Dank dieser Sendung, die beim Publikum recht gut ankommt und zu der sich eine ansehnliche Künstlertruppe einfindet, hat der Privatsender sich eine gewisse Pop-Expertise zugelegt. Die geht der ARD gänzlich ab, der Senderverbund hat schon Schwierigkeiten mit der Neujustierung seiner Volksmusik-Sendungen. Im gesamten Programm ist eher wenig Musik drin. Die Abstimmungsprozesse innerhalb der ARD, deren einzelne Sender auch stets um die Koordination als Federführung der verschiedenen Programmbereiche buhlen (Information, Fernsehfilm, Unterhaltung, Sport), darf man derweil als routiniert dargebotene Zwölftonmusik bezeichnen. Oder atonal?

          Die abrupte Kündigung des Vertrags mit Xavier Naidoo könnte für die ARD aber auch finanziell teuer werden. Freiwillig von der Vereinbarung zurücktreten wollte Naidoo dem Vernehmen nach nicht. Dann stieg die ARD einfach aus und könnte nun Forderungen ihres Vertragspartners gewärtigen. Naidoo hatte nach der Kündigung mitgeteilt, wenn es die ARD so wolle, sei das für ihn okay. Was nicht heißen muss, dass er nicht im Zweifel Forderungen an die Sender stellen könnte. Und die Vereinbarung? „Es gibt aus unserer Sicht keinen Vertrag“, sagte der NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann. Es gebe mündliche Absprachen über Eckwerte, „aber Eckwerte sind vertraulich“. Man habe keine Leistungen abgerufen, und es gebe nichts Schriftliches. Ob es sich bei der Verabredung auch im juristischen Sinn nicht um eine vertragliche Bindung handelt, dürfte noch zu klären sein.

          Viel Zeit bleibt der ARD für ihren neuen (alten) Plan derweil nicht. Der Eurovision Song Contest findet im Mai 2016 statt, zwei Monate zuvor sollten die Kandidaten, die hinfahren, schon feststehen. Und davor muss geklärt werden, wie die Vorauswahl für den Vorentscheid aussieht, ob es eine Jury gibt, wer in dieser sitzt und wer ein Vorschlagsrecht hat. Einen Königsweg gab es für das Procedere nie. In der Zeit, in der die ARD mit Pro Sieben und dem Entertainer Stefan Raab zusammenarbeitete, gab es aber jemanden, der den Drang der sendungsbewussten und tendenziell intoleranten ESC-Gemeinde (zumindest des Teils, der sich immer zu Wort meldet) zu bestimmen, mit einem professionellen Anspruch zu vereinen wusste. Wirklich professionell traten die deutschen Kandidaten, auch was die Bühnenshow angeht, zuletzt nicht gerade auf.

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