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„Nils Holgersson“ in der ARD : Die Seen und Wälder, sie rauschen vorbei

Zuerst will Nils (Justus Kammerer) die Gans Martin daran hindern, mit seinen Artgenossen zu fliegen. Dann fliegt er selber durch die Lüfte Bild: NDR/Bremedia Produktion GmbH

Die „Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ von Selma Lagerlöf hat die ARD verfilmt. Ein schöner Märchenfilm ist das, auch wenn wir von Schweden nur wenig erfahren.

          Am Ende des Films, als die Wildgänse die schwedische Landschaft Schonen ganz im Süden des Landes fast wieder erreicht haben, machen sie Rast in der Nähe des Frykensees. Nils Holgersson, der zum Zwerg verzauberte Junge, der die Tiere auf ihrer langen Reise begleitet hatte, schleicht sich davon. Er gelangt in ein Gutshaus, und während er heißhungrig den nur halb abgedeckten Abendbrottisch plündert, wird er von der Hausherrin ertappt. Was er denn hier wolle, fragt sie den Wichtel, noch einigermaßen gefasst.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der erzählt ihr nun von seinen Abenteuern: wie er auf dem Hof seiner Eltern den dortigen Troll verärgerte und der ihn darauf klein gehext hat, wie er den Hausgänserich Martin daran hindern wollte, den Lockrufen der vorüber ziehenden Wildgänse zu folgen und sich unversehens auf dessen Rücken wiederfand.

          Die Eltern des Nils Holgersson (Justus Kammerer) spielen Hinnerk Schönemann und Stephanie Japp

          Wie der Fuchs Smirre dem Vogelzug bis nach Lappland folgte und sogar ein Jungtier erwischte - ausgerechnet einen Sprößling von Martin, der sich unterwegs in die schöne Gänsedame Daunenfein verliebt und mit ihr eine Familie gegründet hatte.

          Und wie er selbst nun, gemeinsam mit Martin, den Hof seiner Eltern wieder ansteuere, um dort von seinem Fluch erlöst zu werden. Wie er denn heiße, fragt seine Gastgeberin, sie selbst trage den Namen Selma. Und solle übrigens gerade ein Buch über Schweden schreiben - ob sie die Geschichte von Nils dafür verwenden dürfe?

          Endlich was zu essen: Nils (Justus Kammerer) in den Blaubeeren

          Klar, nickt der Junge, und die Szene hat dann auch ebenso Eingang gefunden in Selma Lagerlöfs Roman „Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, der 1906/07 erstmals erschienen ist, wie auch in Dirk Regels zweiteiliger Verfilmung des Buchs, die am ersten und am zweiten Weihnachtstag in der ARD ausgestrahlt wird.

          Ein Buch über Schweden ist damals dabei tatsächlich entstanden, ein Film über Schweden heute allerdings nicht. Der Charme von Lagerlöfs zweitem Meisterwerk nach ihrem Debüt „Gösta Berling“ ruht in der stupenden Technik, zwei eigentlich schwer zu vermittelnde Themen in eins zu bringen: Die Geschichte des verwandelten Jungen und seine Abenteuer mit den Tieren einerseits und die mythisch, historisch und sozialwissenschaftlich bestens unterfütterte Heimatkunde andererseits.

          Wieder vereint: Nils (Justus Kammerer) und Asa (Pauline Renevier)

          Denn Nils ist über das Land, das er von Martins Rücken aus betrachtet, ebenso ahnungslos erstaunt wie der heutige Leser, und was da von Wäldern und Fabriken, von Armut und gelegentlich überbordender Lebensfreude aus den verschiedenen Landesteilen Schwedens berichtet wird, sehen wir aus Nils’ Augen so gut wie in der merkwürdig gebrochenen Perspektive der Gänse - von dem auf der Suche nach dem verschollenen Vater das Land durchpilgernden Proletariermädchen Asa ganz abgesehen, die mit ihrer Fußwanderung gegenüber der Vogelschau eine weitere, ganz eigene Perspektive einbringt: Ihre Mission ist es, Aufklärung in eine landesweite Atmosphäre des Aberglaubens zu bringen und die Tuberkulose, an der praktisch ihre gesamte Familie verstorben ist, als behandelbare Krankheit zu schildern und nicht als Hexenfluch, gegen den nichts zu machen sei.

          Eine Asa gibt es auch in Regels NDR-Produktion, nur dass sie hier eine vornehme Apothekerstochter ist, die nach Nils sucht, weil sie sich in ihn verliebt hat. Sehr viel von Schweden erleben wir durch ihre Augen nicht, und auch der Junge hat am Ende zwar einiges gesehen von seinem Land, aber außer schönen Bildern kaum etwas davon mitgenommen: Da sind die großen Seen, immer wieder, das Meer, Wälder, am Ende Lappland.

          So sieht sie in Wirklichkeit aus: Die Fernsehgans Martin

          Kaum etwas davon wird je benannt, das meiste rauscht vorbei, untermalt von diffuser, irisch anmutender Folkloremusik, deren Fiedelklänge immer schwerer zu ertragen sind, je länger das Ganze dauert. Was im Buch also als Gleichgewicht funktioniert, bekommt hier kräftig Schlagseite (und hebelt so Lagerlöfs Anliegen kaltlächelnd aus): Es geht hier nicht um Land und Mythen, sondern ausschließlich um Kinder und Tiere, um Füchse, Gänse und Raben.

          Weil sich all dies aber einer gelungenen Mischung aus Tricktechnik und Tiertraining verdankt, schaut man sich gern an, wie dort gestritten, geliebt und gehasst wird, als hätte man es mit lauter Menschen zu tun.

          Sehr schön, wie der zahme Ganter Martin auf einmal wild wird, als er sich getäuscht wähnt und seinen Widersacher nach Kräften vermöbelt, oder wenn er seinen Schnabel zärtlich an Daunenfeins wetzt.

          Besonders der Fuchs Smirre läuft zu großer Form auf, wenn er mit hämisch zuckender Schnauze den Dialog mit dem winzigen Nils abbricht, der sich in seiner Gewalt befindet: „Sei still, ich red’ nicht mit meinem Essen!“

          Der junge Justus Kammerer macht seine Sache als blonder, unspezifisch freundlicher Nils Holgersson ordentlich, und Hanns Zischler glänzt als Kobold, der Nils erst verflucht und dann kalte Füße bekommt wegen all dem dadurch angerichteten Unheil. Und dass sich die Maulwürfe Schwedens zu einem blitzschnellen Kommunikationssystem namens „Unternet“ zusammengeschlossen haben, was die Handlung immer wieder voranbringt, ist immerhin ein guter Einfall.

          So ist ein netter Film geworden, was das Zeug zum großen gehabt hätte, wenn man sich nur die eine oder andere Anbiederei an vermeintliche Rezeptionsmuster gespart hätte. Vielleicht aber erwächst daraus ein neues Interesse am Werk Selma Lagerlöfs. Und jemand nimmt sich einmal Selma Lagerlöfs herrlichem „Gösta Berling“ an, der wie die Begegnung zwischen Dichterin und Wichtel am Frykensee spielt und die lokalen Mythen in den Roman einer Landschaft überführt, wie man nicht leicht einen zweiten findet. Es wäre die Mühe wert.

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