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Niggemeiers Tagebuch : Klappe zu, Affe tot

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Bild: dpa

Tierfernsehen nach Charly: Das ZDF macht mit der Multikulti-Vorabendserie „Sibel & Max“ Babyschritte in Richtung Modernität. Trotz einiger Klischees lässt die erste Folge hoffen.

          Und als sie feststellen müssen, dass ihre beiden minderjährigen Kinder versehentlich Eltern werden, raufen sich Max und Sibel zusammen, ziehen auf einen verlassenen Gutshof und gründen gemeinsam eine Notfallpraxis für Tiere, wo sie mit einem störrischen Esel mit Migrationshintergrund und einem frechen deutschen Waisenferkel als Dauergästen viele aufregende Abenteuer erleben.

          Das wäre noch vor wenigen Jahren der wahrscheinlichste Rahmen für eine neue ZDF-Familienserie am Samstagvorabend gewesen. Wenn man die neuen Versuche des Senders, das Genre in einer fast vollständigen Monokultur aus Krimiserien am Leben zu erhalten, würdigen will, muss man vielleicht zuerst daran erinnern: dass dies bis vor gut zwei Jahren noch der Ort war, an dem ein lustig angezogener Schimpanse namens Charly die menschlichen Konflikte auslöste oder entwirrte.

          Von dort ist es ein weiter Weg für den Sender, sich der Lebenswirklichkeit und der Fernsehrealität des 21.Jahrhunderts anzunähern. Das ZDF versuchte es zunächst mit unwahrscheinlichen Geschichten von Alleinerziehenden, wie der Mutter zweier Kinder, die als „Familiendetektivin“ arbeitet (nach einer Staffel eingestellt), und dem Pfarrer-Schönling mit vier Söhnen, der als „Herzensbrecher“ agiert (dritte Staffel angekündigt). Es ist ein Spagat zwischen dem Willen zur Modernität und dem unübersehbaren Bedürfnis, das traditionelle Publikum nicht durch Mangel an Biederkeit zu verschrecken.

          Interkulturelle Familienserie

          „Sibel & Max“ ist von heute an der nächste Schritt in der Evolution der Nach-Tier-Periode der ZDF-Familienserie am Samstag. Angekündigt wird sie als „interkulturelle Familienserie“, was das Schlimmste befürchten lässt, das dann zum Glück nicht ganz eintritt. Die alleinerziehende Ärztin Sibel (Idil Üner) hat einen Migrationshintergrund, der alleinerziehende Arzt Max (Marc Oliver Schulze) nicht. Sicherheitshalber erhält Sibel zu Beginn der ersten Folge von einem Kollegen „extra was Türkisches“ zum Geburtstag geschenkt – es ist allerdings eine indische Göttin, nun ja, haha. Später, als sich herausstellt, dass Jana, die sechzehnjährige Tochter von Max, von Yunus, dem siebzehnjährigen Sohn von Sibel, schwanger ist, herrscht Max seine Tochter an: „Warum hast du überhaupt schon Sex? Und dann auch noch mit einem Türken?“ Beide Fragen wirken, als hätte sie ein imaginierter altmodischer ZDF-Zuschauer gestellt und nicht dieser junge, im Hamburger Stadtteil St.Georg lebende Arzt.

          Die Dramatik der ersten Folge erschöpft sich in der zeitlosen Geschichte einer ungewollten Schwangerschaft. Max rät seiner Tochter im Affekt zunächst, das Kind abtreiben zu lassen. Sibel ruft ihrem Sohn zu, dass er es nicht wagen solle, die Mutter seines Kindes im Stich zu lassen, was der aber als Aufforderung nimmt, diese nach Holland zum vermeintlich unkomplizierten Schwangerschaftsabbruch zu begleiten.

          Zeitweise Leichtigkeit

          Prinzipiell ist die türkische Frau temperamentvoll und der deutsche Mann gelassen, das wird aber sicher noch ein paarmal überraschend wechseln. Und womöglich tun sich irgendwann auch noch ein paar aufregendere und fundamentalere Konflikte auf. Vor allem Idil Üner macht durch ihre Präsenz die Vorhersehbarkeit der Konstellation erträglich. Und in manchen Momenten entwickelt „Sibel & Max“ fast so etwas wie Leichtigkeit – wenn etwa der Rotlichtmilieu-Typ blutend in die Praxis stürzt und erklärt: „Beim Frühstück ins Brotmesser gestürzt.“

          Als Niedlichkeitsersatz für die fehlenden Tiere dient bei „Sibel & Max“ Nena, Janas kleine Schwester. Sie ist vorwitzig, wie es der olle Charly war, und muss wie er an den entscheidenden Stellen die Handlung vorantreiben oder für humoristischen Ausgleich sorgen: im besten Fall dadurch, dass sie einfach mit von Schokocreme verschmiertem Gesicht dasitzt, im schlechteren dadurch, dass sie etwas kocht und der großen Schwester, die angeekelt von dem Geruch zurücktaumelt, triumphierend zuruft: „Dann stimmt es also: dass Schwangere besonders geruchsempfindlich sind.“ Irgendwer muss sich halt doch zum Affen machen.

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