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Niggemeiers Tagebuch : Alle Achtung!

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Meisterin des Stabreims bei RTL: Vera Int-Veen Bild: Bartling / P!csreports / ROBA Im

Bei RTL regiert mit der achten Staffel von „Schwiegertochter gesucht“ mal wieder die Alliteration. Mit blumigen Umschreibungen und Pseudolyrik stellt das vermeintliche Reality-Format seine Protagonisten bloß.

          Falls Sie sich bei RTL in diesen Monaten der dürren Quoten fragen, was es eigentlich noch gibt, worauf sie sich wirklich verlassen können, eine berechenbare Bank, ein zuverlässiger Zuschauermagnet, dann werden sie bei einer aufrichtigen Analyse nur zu einem Schluss kommen können: die Alliteration.

          Denn sonntags regiert bei RTL wieder der Stabreim. Es läuft die achte Staffel von „Schwiegertochter gesucht“, und im Gegensatz zu ungefähr allen anderen Formaten des Senders geht die Zuschauerzahl nicht zurück. Und es gibt auch keine elende öffentliche Diskussion, ob man an dem Format schrauben oder irgendwelche Protagonisten austauschen müsste.

          In der vermeintlichen Realityshow vermittelt der Sender einsamen Männern, die sich nach einer Partnerschaft sehnen und noch bei ihrer Mutter leben, Frauen in ähnlicher Situation und sorgt dafür, dass ihre Annäherungsversuche vor der Kamera möglichst ungelenk wirken. Vera Int-Veen sagt dazu aus dem Off Sätze wie diesen: „Bei walnussbraunem Wurstaufstrich und weichem Weißbrot knistert es zwischen dem Fantasy-Fan und der herzlichen Hessin.“

          Ein „vollmundiges Frühstück“ mit „wohlschmeckender Willkommensmahlzeit“

          In diesem Jahr geht es ins „romantische Rheinland“, in die „charmante Schweiz“, ins „bezaubernde Berlin“, in die „pfiffige Pfalz“ und ins „namhafte Niedersachsen“. „Hobby-Heimwerker Harald“ trifft eine „kurvige Kosmetikerin“, eine „interessierte Imbissverkäuferin“ und eine „gelockte Gebäudereinigerin“. Unter den Kandidaten sind ein „zärtlicher Zeitungszusteller“, ein „warmherziger Winzer“, ein „ehrlicher Eidgenosse“, ein „kerniger Kraftfahrer“ und ein „Berliner Brillenbär“. Es gibt ein „knuspriges Kraftfahrermahl mit geschmackvollem Grillgut und süßen Säften“, „lokale Leckerbissen“, ein „vollmundiges Frühstück“, eine „wohlschmeckende Willkommensmahlzeit“, „mundende Mini-Bananen“ und ein „regionales Reisgericht“ (gemeint ist: Sushi). Die Menschen haben „frische Frotteewaren“, „kunterbunte Koffer“ und „brombeerfarbene Bettgewänder“.

          Beate, für die RTL angeblich schon seit mehreren Staffeln versucht, einen Mann zu finden, wurde dafür diesmal ins „bezaubernde Bali“ geschickt, wo sie und ihre Mutter Inge als „besonnene Badeanzugträgerinnen“, „kluge Kurzhaarträgerinnen“ und „farbenfrohe Fernreisende“ auftreten. Nachdem sie dort zwei männliche Bewerber getroffen haben, „bedient sich das qualitätsbewusste Quartett an den asiatischen Auslagen, um dem germanischen Gaumen etwas Gutes zu tun“.

          Berechenbarer Brachialhumor

          Die ganze Pracht dieses Sprachwahnsinns entfaltet sich aber natürlich erst, wenn er in Vera Int-Veens Flötenton vorgetragen wird und man sieht, wie er das Gezeigte karikiert. Denn die Beschreibung wird umso blumiger und scheinlyrischer, je schnöder und unzulänglicher das Beschriebene ist. Wenn ein Kandidat sich ungeschickt anstellt, schwärmt Vera von seinen „Flirtkünsten“, wenn einer zig Kilo Übergewicht mit sich herumschleppt, rühmt sie seinen „Astralkörper“, wenn er abgepackte Supermarkt-Wurst auf den Tisch stellt, schwärmt sie, dass „frischer Aufschnitt“ bei so einem Liebesfrühstück natürlich nicht fehlen dürfe.

          Alle Diskussionen um das Perfide an diesem Format und seinem Umgang mit den in jeder Situation überfordert wirkenden Teilnehmern haben RTL nicht beeindruckt. Wobei die manchmal bestürzende Schlichtheit der Kandidaten nichts ist gegen die der Macher. Es fällt ihnen immer wieder dasselbe ein. Schon dreimal in dieser Staffel platzten Mütter mit Essen ins Zimmer, als ihr Sohnemann und seine neue Freundin sich auf dem Bett zaghaft ein bisschen näher kamen. Alles, was passiert, ist so berechenbar und brachial wie die Witze mit den Anfangsbuchstaben (Sie haben in der Produktionsfirma sicher sehr gelacht, als „Bild“ der Sendung in einer großen Titelgeschichte vor ein paar Wochen attestierte, dass alles echt und „nichts gefakt“ sei).

          Wenn gar nichts mehr läuft bei RTL – das läuft noch. Wobei sie sicherheitshalber auch schon die Stabreimdosis erhöht zu haben scheinen: „In der gemütlichen Gondel gesteht der behutsame Benjamin der kessen Kerzenverkäuferin seine leidenschaftliche Liebe.“

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