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Niedersachsen ohne DAB+ : Die Zukunft des digitalen Radios

  • -Aktualisiert am

DAB+ ist kein Allheilmittel: Die digitale Audiolandschaft der Zukunft sollte auf beide Ausspielwege setzen – sowohl auf Digitalradio, als auch auf Online-Radio. Bild: dpa

Die digitale Radiowelt gedeiht in einem Mix aus terrestrischem Digitalradio und Online-Audio am besten. Die jüngste Entscheidung gegen DAB+ in Niedersachsen ist weder zukunftsorientiert noch im Sinne der Hörer. Ein Gastbeitrag.

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          Der Grünten, der „Wächter des Allgäus“, gehört mit seinen 1900 Metern zu den höchsten Bergen in Bayern. Sein Sendeturm war – seit Beginn des privaten Hörfunks in den 80er Jahren – das Ziel der Begierde aller Anbieter in der Region. Doch mit UKW ging da gar nichts mehr: die Frequenzressourcen waren vollständig erschöpft.

          Nicht so bei DAB+. Seit April dieses Jahres strahlen wir über ebendiesen Grünten-Sendeturm sieben private Digitalradio-Programme aus. Programmlich und technisch eine enorme Innovation – für die Veranstalter wie für die Hörerinnen und Hörer in der Region.

          Umso überraschender kam der Beschluss des Niedersächsischen Landtags zu DAB+ : Zum einen, weil der Verkauf von DAB+-fähigen Radios nicht an den Grenzen von Niedersachsen haltmacht. Zum anderen, weil auch dort DAB+ weiter über das bundesweite Netz und das Netz des NDR läuft. Im Übrigen hat sich Niedersachsen ja noch nie für DAB+ engagiert.

          Kann Niedersachsen verzichten?

          Die privaten Hörfunkveranstalter in Niedersachsen werden sich – wenn nicht heute, dann aber spätestens morgen – die Frage stellen müssen, ob sie wirklich auf die DAB+-Reichweite in Niedersachsen verzichten wollen und können.

          Die Ergebnisse der Funkanalyse Bayern (FAB), mit fast 25 000 Interviews die größte ihrer Art in Deutschland, haben Anfang des Monats unseren Weg bestätigt und für DAB+ sehr gute Daten ausgewiesen. So hat die Zugangsquote zu DAB+-Empfangsgeräten in Bayern die 30-Prozent-Marke geknackt: Mehr als 31 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren geben laut der neuen Funkanalyse Bayern an, mindestens ein DAB+-Radio zu Hause und / oder im Auto nutzen zu können. Das sind rund 3,5 Millionen Personen und damit etwa 600 000 mehr als noch vor einem Jahr.

          Fast jeder Fünfte ab vierzehn Jahren schaltet sein DAB+-Gerät an einem durchschnittlichen Wochentag von Montag bis Freitag auch ein. Das entspricht einer Tagesreichweite von etwa zwei Millionen Hörern und bedeutet eine Steigerung um fast ein Viertel seit der letzten Untersuchung. Der Zuwachs von DAB+ geht dabei auch zu Lasten von UKW (Tagesreichweite von Montag bis Freitag gut 71 Prozent, minus vier Prozentpunkte im Vorjahresvergleich). Radiohören über das Internet stagniert mit einer Reichweite von 13 Prozent (minus 0,4 Prozentpunkte).

          Kein Allheilmittel

          Eine 2018 von der Medienanstalt in Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebene Goldmedia-Studie zur Zukunft des Audiomarktes prognostiziert: „In den nächsten Jahren wird der Konkurrenzdruck auf den klassischen UKW-Hörfunk erheblich steigen. Die Bedeutung von UKW wird durch digitale Verbreitungswege und neue Wettbewerber zwangsläufig abnehmen.“ Goldmedia erwartet, dass der Anteil von UKW an der Hörfunknutzung in den kommenden fünf Jahren um bis zu 30 Prozent sinken könnte.

          Das sind Zahlen, die eines deutlich machen: Mit UKW allein lässt sich künftig nicht mehr überleben. Zwar ist DAB+ kein Allheilmittel. Aber UKW lässt sich auch nicht retten, indem man auf DAB+ verzichtet. Die Medienpolitik sollte daher die Digitalisierung des Hörfunks insgesamt fördern, nicht verhindern oder gar in die Vielfalt der Verarbeitungswege eingreifen. Die digitale Audiolandschaft der Zukunft sollte auf eine hybride Strategie von terrestrischem Digitalradio und Online-Audio setzen. Wer nicht beide digitalen Ausspielwege nutzt, wird Hörer, Marktanteile und damit Erlöse verlieren. Das kann sich kein privatwirtschaftlich finanzierter Sender erlauben.

          Zumal sich die Vorteile von terrestrischem Digitalradio und Online-Audio ergänzen: Das Digitalradio DAB+ gestattet die Fortsetzung des klassischen Geschäftsmodells einer linearen Programmverbreitung und Werbevermarktung von privatem Radio in Deutschland. Radio via Internet ermöglicht die Entwicklung differenzierter Vermarktungs-Strategien. Man sollte dabei aber im Kopf haben: Die Verbreitung von Hörfunk über Internet basiert auf einem disruptiven Geschäftsmodell. Ob im Internet die für Hörfunk notwendigen Erlöse erzielt werden können, um auch lokale und regionale Anbieter zu erhalten, ist ungewiss. Nicht ohne Grund gilt als Faustregel für das Internet: „The winner takes it all.“

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