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Niedergang des Ratgeber-Fernsehens : Checkst du das?

  • -Aktualisiert am

Spezialisiert auf den „Großen Haushaltscheck“: Yvonne Willicks Bild: WDR/Thomas Brill

Vor lauter Checkerei schwindelt einem in der ARD inzwischen der Kopf. Die guten, alten Ratgeber-Sendungen werden abgeschafft. Die Nachfolge-Formate sind einfach nur noch schal.

          Es war 1986, der „ARD-Ratgeber Technik“ hatte sich gerade einen neuen Vorspann und ein paar gläserne Gestaltungselemente im Studio gegönnt, und Moderatorin Hanni Vanhaiden winkte als Erstes ab: „Wir sind immer noch die Alten“, begrüßte sie die Zuschauer. „Nicht gerade super im Design oder fetzig in der Präsentation, aber weiterhin mit kritischen Inhalten.“ Ihr Kollege Bernd Leptihn, der die Sendung jahrzehntelang leitete, stand so spröde in den kargen Kulissen herum, dass man ihm einfach glauben musste. Nicht nur, wenn er sagte: „Da haben unsere neuen Bildschirmkonkurrenten von Sat.1 oder RTL andere Talente. Da beginnt jeder Tag wie ein Start ins große Show-Spektakel.“

          Es war eine Sendung zum Thema Kabelfernsehen, und die ARD-Leute informierten die Zuschauer nicht nur, dass sie sich „Zwangsverkabelung“ nicht gefallen lassen müssen. Sie nutzten die Gelegenheit auch, für sich zu werben. „So was wie den ,ARD-Ratgeber Technik‘, der auf zornige Werbekunden keine Rücksicht nehmen muss, wird es auf jenen Kanälen kaum geben“, sagte Leptihn mit Blick auf die Privaten. Selbst Werbeleute schauten skeptisch auf die neue Fernsehwelt, ergänzte Hanni Vanhaiden, und beklagten bereits „die Sucht der ewigen Umschalterei“. In den Vereinigten Staaten gebe es schon Sendungen, in denen „Gag auf Gag“ folge, „Action auf Action, fast ohne Handlung - demnächst auch bei uns?“

          Programme, an die man einen Haken machen kann

          Den „Ratgeber Technik“ gibt es schon seit drei Jahren nicht mehr. Er wurde abgelöst durch einen „Ratgeber Internet“. Anna Planken bewegt sich dort durch einen Raum, der futuristisch wirken soll, und schiebt sinnlos auf Touchscreens Themen in die Sendung. Im Herbst wird auch dieser Ratgeber abgewickelt, zusammen mit den anderen: „Gesundheit“, „Recht“, „Auto - Reise - Verkehr“ und „Haus und Garten“. Das Verhältnis des Ersten zu seiner traditionsreichen Reihe von Verbrauchermagazinen war schon lange angespannt. In immer kürzeren Abständen wurden Themen und Zuständigkeiten neu sortiert, Präsentationsformen getestet. Der spätere „Stern TV“-Mann Steffen Hallaschka übte hier betonte Gutlaunigkeit und sagte einen Drachen-Test mit den Worten an: „Jeder Sommer ist ja im Grunde nur ein Herbst, der Anlauf nimmt“, wobei er sich von einer Windmaschine anpusten ließ.

          Man muss den „ARD-Ratgebern“ weniger für das nachtrauern, was sie tatsächlich noch leisten, als wegen der Tradition und der schlichten Verpflichtung, die in ihren Titeln zum Ausdruck kommt. Vor allem aber muss man ihnen nachtrauern, wenn man ihren vermeintlich zeitgemäßeren Ersatz kennt: „Checks“. Anstelle von Sendungen, die die Zuschauer schon laut Titel klüger machen wollen, Programme, an die man einen Haken machen kann.

          Checks verdrängen nun auch die Tierfilme

          Der Glaube an die wundersame Zuschauermagnetkraft dieses Formats ist bei der ARD ungebrochen. In den Dritten recyceln sie die Sendungen schon untereinander: Das NDR-Fernsehen zeigt im Juli „Große Marken im Check: Hornbach, Frosch, Müller“, wobei sich herausstellt, dass zum Glück nicht Baumarkt, Pflegemarke und Drogeriekette miteinander verglichen werden (wobei das auch nicht verwundern würde), sondern nur jeweils einzeln „gecheckt“. Das sieht im Fall von Hornbach unter anderem so aus, dass eine Frau versucht, Parkett zu verlegen, und ein Fachmann guckt, mit welcher Marke ihr das am besten gelingt. Der SWR hatte das 2013 schon unter dem grandiosen Namen „Marken-Check checkt“ ausgestrahlt.

          Als „Montagscheck“ laufen diverse Formate dieser Art in Zukunft um 20.15 Uhr im Ersten, wobei es sich nicht um einen Test des Wochentags handelt, sondern eher um eine Prüfung für den Wochentag. Die Checks verdrängen dort auch die Naturfilme - falls nicht einer Anstalt noch einfällt, wie sich daraus unauffällig ins Format passende Tier- und Landschafts-Checks machen lassen.

          Spätestens wenn Yvonne Willicks mit ihrem „Großen Haushaltscheck“ dran ist und ihre ganze nassforsche Trutschigkeit aus dem WDR-Fernsehen in die Primetime des Ersten bringt, wird man sich zurücksehnen nach Sendungen, die einfach nicht „fetzig“ waren.

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