https://www.faz.net/-gqz-9ym

„News of the World“ : Dieses Ende ist auch ein böses Omen

Bild: AFP

Die skrupellosen Schnüffelnasen der „News of the World“ haben den Untergang der Zeitung provoziert. Sie war aus einem Blatt für die kleinen Leute zu einem gegen sie geworden. Das war ihr Ende. Am Sonntag ist Schluss.

          6 Min.

          In der dramatischen Wende, die der seit Jahren schwelende Abhörskandal um die „News of the World“ jetzt mit der Enthüllung genommen hat, dass das sonntägliche Boulevardblatt nicht davor zurückschreckte, auch die Mailbox des entführten und, wie sich erst später herausstellte, ermordeten Teenagers Milly Dowler zu hacken, zeigt sich wieder einmal die britische Sympathie für den Underdog. Solange es um Schauspieler, Fußballer oder gar Blaublüter ging, deren Privatsphäre durch skrupellose Schnüffelnasen verletzt wurde, hielt sich die allgemeine Empörung in Grenzen. Schließlich seien Prominente Freiwild kraft ihres eigenen Bedürfnisses, im Rampenlicht zu stehen, sagten die Bauarbeiter schulterzuckend beim Brotzeitmachen und lasen unbekümmert weiter in der „Sun“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Nachricht, dass neben Milly Dowler womöglich auch die beiden kleinen Mädchen aus Soham belauscht wurden, dass die Opfer der Londoner Terrorangriffen ebenfalls betroffen gewesen sein könnten und ausgerechnet die Zeitung, die sich scheinheilig rühmte, das Blatt zu sein, das „unsere Jungs unterstützt“, sogar die Angehörigen gefallener Soldaten ins Visier genommen habe, hat der leidvollen Geschichte einen neuen Beigeschmack gegeben. Nun weiß auch der kleine Mann auf der Straße, dass er nicht verschont bleibt. So schickte unser Handwerker gestern eine ironische SMS, dass er zur Zeit nicht an sein Mobiltelefon gehen könne, „aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen wollen, wird sie die ,News of the World' später an mich weiterleiten“.

          Pflichtlektüre von Politikern

          Dabei war die „News of the World“ ursprünglich vor allem das Blatt der kleinen Leute. Der infolge der Industrialisierung stark angewachsene Arbeiterstand schaffte ein neues, des Lesens und Schreibens mächtiges Publikum für Zeitungen, die mit Sensations- und Enthüllungsgeschichten unterhalten wollten. Diesen Markt bediente das vor 168 Jahren aus der Wiege gehobene Sonntagsblatt, dessen Bestattung die Nation am Sonntag beiwohnen wird. Die Boulevardzeitung prahlte mit ihrem „furchtlosen Einstehen für die Wahrheit“ und rühmte sich, so englisch zu sein wie Roastbeef und Yorkshire Pudding.

          David Cameron ist nur der letzte in einer langen Folge von Parteiführern, die Murdoch hofiert haben
          David Cameron ist nur der letzte in einer langen Folge von Parteiführern, die Murdoch hofiert haben : Bild: dpa

          Natürlich wurde sie nicht nur von den Arbeitern, Dienern, Stallburschen oder Küchenmädchen gelesen. Bei Wochenendgesellschaften in englischen Landhäusern fehlte sie bis zuletzt an keinem Frühstückstisch und sie gehörte auch zur Pflichtlektüre von Politikern, die jeden Sonntag bangen mussten, ob sie womöglich irgendwo ertappt worden seien. In seinem 1946 veröffentlichten Aufsatz über den Niedergang des englischen Mordes schrieb George Orwell: „Es ist Sonntag Nachmittag. Die Ehefrau ist schon im Sessel eingeschlafen und die Kinder sind für einen schönen, langen Spaziergang rausgeschickt worden. Du legst die Füße auf dem Sofa hoch, setzt die Brille auf die Nase und öffnest die ,News of the World.'“

          Realitätsferne Mentalität

          Morde, Sexualdelikte und Korruption gehörten zum täglichen Brot der Zeitung, die im Lauf ihrer langen Geschichte eine Fülle von Skandalen aufdeckte. Sündige Pastoren, lüsterne Politiker und ehebrecherische Sportler gehörten zu ihrer Spezialität. In ihren Methoden war sie, ebenso wie ihre Konkurrenten und ihre Schwesterzeitung „Sun“, freilich nie zimperlich. Als der Presserat Rupert Murdoch vorwarf, dass er sieben Jahre nach dem Profumo-Skandal mit frisch erkauften Enthüllungen des Lebemädchens Christine Keeler bloß den Gaumen der Leser mit erotischen Details kitzeln wolle, erwiderte der Verleger unverdrossen, die Menschen könnten feixen, so viel sie wollten, aber ihm seien die 150.000 zusätzlich verkauften Exemplare überaus recht. Das blieb seine Haltung, bis er nicht mehr beide Augen zudrücken konnte, und sich die Formel, es habe sich bei den Abhöraktionen um Übergriffe eines aggressiven Einzelgängers gehandelt, als unhaltbar erwies.

          Weitere Themen

          „Tatort: Was wir erben“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Tatort: Was wir erben“

          Der Tatort „Was wir erben“ läuft am Sonntag, den 25. April 2021 um 20.15 Uhr im Ersten.

          Topmeldungen

          Drei Nachbarländer öffnen : Viel Not, wenig Bremse

          Trotz hoher Inzidenzwerte wollen drei Nachbarländer Deutschlands Schulen, Geschäfte oder Kinos öffnen. Warum gehen Frankreich, die Niederlande und Österreich diesen Schritt?

          Pleite mit „allesdichtmachen“ : Angstmacher

          Großer Aufruhr, schnelles Ende: Die Aktion #allesdichtmachen und die Reaktionen darauf zeigen, wie man besser nicht über Corona diskutiert. Es sei denn, man ist erpicht auf Realsatire.
          CSU-Chef Markus Söder: Gibt (noch) keine Ruhe bezüglich der K-Frage in der Union.

          Nach Beschluss bei K-Frage : Söder stichelt weiter gegen Laschet

          Die Begründung für Laschets Kanzlerkandidatur habe ihn „nicht überzeugt“, sagt der CSU-Chef. Er selbst sei progressiver als der Unionsvorsitzende. Die Grünen bezeichnet Söder als den „spannenderen“ Koalitionspartner für die Union.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.