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Die NYT und der Fall McNeil : Am Scheideweg

Ort der Entscheidung: das Gebäude der „New York Times“ Bild: AFP

Ein Wissenschaftsredakteur musste die „New York Times“ verlassen, nachdem er sich auf einer Pressereise rassistisch geäußert haben soll. Nun berichtet die Zeitung selbst über den Fall McNeil und die Lehren, die man daraus ziehen müsse.

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          Als vor einigen Tagen der Skandal um Donald McNeil Schlagzeilen machte, den langgedienten Wissenschaftsredakteur der „New York Times“, der zur Kündigung gezwungen wurde, nachdem ein abgeschlossener Vorgang aus seiner Personalakte an die Öffentlichkeit gelangt war, lag eine Tatsache auf der Hand: Die Geschichte entsprach nicht den Standards der „New York Times“. Geschichte sei hier verstanden im unsentimentalen Sinne des Inbegriffs für die Ware, mit der die weltberühmte Zeitung handelt: eine wahre, vollständige, in jedem einzelnen Punkt beglaubigte Erzählung über tatsächliche Begebenheiten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Heftig wurde darüber gestritten, ob die kolportierten Äußerungen, die McNeil während einer Dienstreise im Rahmen der Leserbetreuung getan haben soll, gegen die Maßstäbe verstoßen, welche die „New York Times“ an das Verhalten und zuallererst an das sprachliche Verhalten ihrer Angestellten anlegen muss. Oder ob umgekehrt jene 150 Kollegen das Berufsethos verletzten, die Chefredaktion und Verlagsleitung wissen ließen, dass McNeil mit seiner angeblichen Wortwahl ihrer gesamten „Gemeinschaft“ den Respekt verweigert habe. Alle Urteile standen unter einem Vorbehalt: Man wusste nicht alles. Die Geschichte, die man aus Berichten in verschiedenen Medien zusammensetzen konnte, genügte noch nicht dem Anspruch, den das Motto der „New York Times“ aufstellt: Alle Fakten, die gedruckt zu werden geeignet sind, sollen auch veröffentlicht werden.

          So setzte unter den Konkurrenten des Blattes ein Wettbewerb ein: Organe wie die „Washington Post“ und „Vanity Fair“ publizierten die Ergebnisse zusätzlicher Recherchen, zur Innenseite der redaktionellen Vorgänge ebenso wie zu der PeruReise im Sommer 2019, die den Skandal mit Verzögerung ausgelöst hatte. Wer hat das Rennen gemacht? Der mit Abstand informativste Artikel zum Fall McNeil ist in der Wochenendausgabe der „New York Times“ erschienen.

          Auch über sich selbst objektiv und kritisch berichten

          Verfasst hat ihn Ben Smith, der Gründer des Portals Buzzfeed News, der erst vor einem Jahr zur Zeitung kam, um in der Nachfolge des legendären David Carr die Kolumne „The Media Equation“ zu übernehmen. Die „New York Times“ will über sich selbst ebenso objektiv und kritisch berichten wie über jeden anderen Gegenstand. Und tatsächlich übertrifft Smiths Kolumne zur McNeil-Affäre die Kommentare der Konkurrenz auch in der Schärfe der Diagnose. In den vergangenen Monaten häuften sich Nachrichten über Mitarbeiter, die nach Debatten in den sozialen Medien oder entsprechenden internen Kanälen die Redaktion verlassen mussten. Die McNeil-Geschichte, wie Smith sie erzählt, hat das Leitmedium nun an den Scheideweg geführt. Will die „New York Times“ eine nationale Zeitung mit internationaler Geltung bleiben, deren Leser das ganze Spektrum der Meinungen abdecken, die sich auf Tatsachen stützen lassen? Oder will sie sich nur noch an ein progressives Segment des Publikums wenden, das sich mit dem Blatt identifizieren möchte und die eigene Identität als Sensibilität bestimmt?

          In Smiths Artikel gehören die neuen Informationen und die weitreichenden Schlussfolgerungen zusammen. An der Peru-Reise nahmen Schüler exklusiver Privatschulen teil, deren Eltern sich die Kosten von 5500 Dollar pro Person leisten konnten: Es waren die künftigen Leser der „New York Times“ – falls sie zum Tendenzblatt werden will. Anstoß erregte McNeil, indem er in Zitatform das „N-Wort“ verwendete. Keiner der Anwesenden war ein Schwarzer. Ihre Empfindlichkeit war Ausdruck einer Haltung der stellvertretenden Solidarität.

          Auch bei Smith stehen noch nicht alle Fakten, die McNeils Sturz erklärbar machen. Er endet mit der Aussage einer Teilnehmerin der Reise, die heute an einer Universität der Ivy League studiert und ihre Irritation über McNeils Redeweise in die Feststellung fasst, die „New York Times“ sei doch das Blatt des „1619 Project“ – eines multimedialen Gemeinschaftswerks, das den Sündenfall des Sklavenimports als Anfangsdatum einer revidierten Nationalgeschichte durchsetzen will. Nikole Hannah-Jones, die Projektentwicklerin, spielte auch eine prominente Rolle im Fall McNeil: Sie musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, McNeils Rauswurf betrieben zu haben, und löschte Tweets, in denen sie selbst das „N-Wort“ verwendet hatte. Auf die Kritik von Fachhistorikern, dass das von Hannah-Jones verfasste Manifest des Projekts den Zusammenhang von Sklaverei und Unabhängigkeit falsch darstelle, reagierte die Zeitung erst nach Monaten.

          Wann sollen Wörter korrigiert werden? Wenn sie Gefühle verletzen oder wenn sie Tatsachen widersprechen? An dieser Frage hängt die Zukunft der „New York Times“.

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