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„New York Times“ im Internet : Die letzte Neugestaltung ihrer Art

Klassisch? Die Startseite der neugestalteten „New York Times“ im Internet Bild: New York Times

Navigation bei Bedarf, horizontales Blättern, Anzeigen in Gestalt von Artikeln: Mit der Neugestaltung ihres Netzauftritts glaubt die „New York Times“, die klassische Form für eine Zeitungsseite im Internet gefunden zu haben.

          Die Online-Ausgabe der „New York Times“ erscheint seit Mittwoch in neuem Gewand. Zum ersten Mal seit 2006 hat die Zeitung Layout und Navigation ihres Internet-Auftritts einer Reform unterzogen. Die Verantwortlichen artikulieren die Hoffnung, dass diese Neugestaltung die letzte ihrer Art sein wird. Künftige Veränderungen sollen sich organisch, fast unmerklich ergeben. Man hat den Ehrgeiz, eine Zeitung zu machen, die nicht mehr gedruckt werden muss, sondern alle Vorteile des Mediums, von der Fülle bis zur Übersicht, mit digitalen Mitteln reproduziert, ergänzt und überbietet, und glaubt, eine klassische Form für dieses Produkt gefunden zu haben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Es fällt ins Auge, dass just in diesem Moment das Erscheinungsbild der Anmutung der gedruckten Zeitung angenähert wird – was jedenfalls das Verhältnis von Homepage und Titelseite angeht. Die Schlagzeilen der Homepage sind nicht mehr blau, sondern schwarz und orientieren sich an der Typographie des gedruckten Blattes. Noch immer kann man eine digitale Zeitung nicht so einfach durchblättern wie eine gedruckte. Der „New York Times“ ist es jetzt immerhin gelungen, die Werkzeuge des Manövrierens, die kleinteilig aufgetürmt viel Platz auf der Homepage wegnahmen, weitgehend in einen unsichtbaren Bereitschaftszustand auszulagern. Die Liste sämtlicher Ressorts am linken Rand erscheint nicht mehr automatisch, sondern wird mit einem Klick geöffnet. Die kurze Liste der Hauptressorts bildet nun einen Balken über den Schlagzeilen.

          Die Tablet-Lektüre setzt den Standard des Lesekomforts

          Insgesamt ist der Eindruck der oberen Hälfte der Homepage elegant und luftig. Liest man die Zeitung auf einem Laptop, wird der Inhalt von breiten weißen Streifen gerahmt. Dieser Weißraum verschwindet in der Ansicht eines Tablet-Computers. Es bleibt beim dreispaltigen Umbruch: links eine schmale Spalte mit dem Nachrichtenaufmacher, in der Mitte ein Bildartikel, rechts ausgewählte Leitartikel. In der Einteilung der Seite wurde kaum etwas geändert, es bleibt jedenfalls einstweilen bei der sehr ausführlichen Auswahl aus dem Gesamtangebot. Es gibt einen Block ständig aktualisierter Schlagzeilen, einen Nachrichtenticker mit Agenturmeldungen und außerdem auch noch eine Liste der zuletzt aktualisierten Artikel. Noch immer prangt in der Mitte der Seite ein Riegel mit besonderen Artikeln, die mit einem kleinen Bild vorgestellt werden. Darunter steht der große Block mit dem Ressortprogramm: je drei Überschriften aus nicht weniger als 26 Ressorts vom Ausland bis zum Auto. Unten rechts wie gehabt übereinander die beiden Listen der meistverschickten Artikel und der Artikelempfehlungen für den angemeldeten Nutzer.

          Man hat aus den Erfahrungen mit mobilen Geräten gelernt, deren Aufstieg zum praktischsten Instrument der Lektüre 2006 noch nicht abzusehen war. An zwei Punkten kann im Kopf der Homepage die Liste der Ressorts geöffnet werden. Rechts steht altmodisch „Alle Ressorts“. Links klickt man auf ein Quadrat aus drei horizontalen Balken. Dieser sogenannte Hamburger stammt aus dem mobilen Design. In der Ansicht der einzelnen Artikel wird sofort deutlich, dass die Tablet-Lektüre heute den Standard des Lesekomforts setzt. Man hat sich daran gewöhnt, dass man in einem Artikel durch sanfte Handbewegungen bis zum Ende kommt. Bei der „New York Times“ erscheint jeder Text jetzt von vornherein auf einer Seite; diese Gesamtansicht muss nicht mehr für jeden einzelnen Artikel neu eingestellt werden. Die Leserkommentare laufen nun rechts neben dem Artikel mit; das erspart mühsames Hin- und Herspringen.

          Das Ordnungssystem der bunten Reihe

          Viel versprechen sich die Designer davon, dass man nun auch horizontal blättern, das heißt durch Klicken auf einen Pfeil rechts oder links den folgenden oder vorigen Artikel aufrufen kann. Man bewegt sich dabei nicht innerhalb eines Ressorts; die Sortierung scheint dem Angebot auf der Titelseite zu folgen, das als Streifen oben auf der Artikelseite mitläuft. Diese Vorrichtung ist für Leser gedacht, für die das Wesentliche an der Zeitung das Vermischte ist – nicht als Ressort, sondern als Prinzip. Tatsächlich war es für Internetmedien lange ein Problem, dass sie dem Anschein der Buntheit zum Trotz nicht so viele Überraschungen zu bieten hatten wie die gedruckte Zeitung, deren schnell durchgeblätterte Seiten ein erfahrener Leser schnell überfliegt. Die Entscheidung für das Ordnungssystem der bunten Reihe bedeutet, dass man die Hierarchie der Wichtigkeit, die ebenfalls ein Prinzip des Mediums Zeitung ist, nicht betont. Natürlich bekommt der Leser auch Hinweise auf thematisch benachbarte Artikel; es wird vielleicht noch einmal überprüft werden müssen, ob die „New York Times“ ihr einzigartig tief gestaffeltes Angebot nicht unter Wert verkauft, wenn das auffälligste Mittel der Navigation das Band bebilderter Anreißer ist, das für reine Sammelsuriumsseiten wie Buzzfeed erfunden wurde. Viel dürfte davon abhängen, ob den Abonnenten tatsächlich, wie versprochen, eine ihrem persönlichen Leseverhalten angepasste Sortierung des Inhalts angeboten werden kann.

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