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„New York Times“ ändert Titel : Trump vs. Hitler

Amerikas Präsident Donald Trump bei einem Pressetermin am Montag im Weißen Haus. Bild: AP

Die „New York Times“ formuliert eine Überschrift zu Donald Trumps Rede nach dem Massenmord von El Paso. Daraufhin zieht ein Twitter-Gewitter los. Die Zeitung wählt eine andere Titelzeile. War das klug?

          Die „New York Times“ hat eine Überschrift geändert. Nicht irgendeine, sondern diejenige, die auf der Titelseite der Ausgabe vom vergangenen Dienstag stand. „Trump urges unity vs. racism“ lautete die Zeile. Sie war auf die Rede des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu dem von einem rassistischen Täter verübten Massenmord in El Paso gemünzt. Die Zeile stand über einem vierspaltigen Bild, das einen Mann zeigte, der in El Paso an einer Gedenkstätte für die zweiundzwanzig Menschen Blumen niederlegt, denen ein rassistisch motivierter Attentäter am 3. August in einem Walmart-Kaufhaus das Leben genommen hatte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Trump fordert Einigkeit gegen Rassismus“ – so hätte er die Geschichte nicht formuliert beziehungsweise nicht in einen Rahmen gesetzt („framed“), twitterte daraufhin der als Statistikexperte berühmt gewordene Journalist Nate Silver und bekam für seine Einschätzung im Nu Zustimmung zuhauf. Dass er sich tatsächlich gegen Rassismus einsetzt, dass er es damit ernst meint, das wollen Donald Trump viele nicht abnehmen. Vor allem Politiker der Demokraten wollen das verständlicherweise nicht.

          Mit der Wahrheit habe die Überschrift nichts zu tun, schrieb der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Beto O’Rourke, der aus El Paso stammt, fand sie einfach nur „unfasslich“. Die demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, die von Donald Trump schon wiederholt mit rassistischen Bemerkungen angegriffen wurde, erkannte in der Überschrift „die Feigheit der Institutionen des Mainstreams“, auf welcher „weiße Vorherrschaft“ beruhe. Einige Follower von Nate Silver fühlten sich derweil gleich an Hitler erinnert, dessen Selbstdarstellung bei der Machtergreifung – also der Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 – damals auch von der „New York Times“ unkritisch übernommen worden sei.

          Der moralische Maßstab, an dem die Titelzeile der „New York Times“ vom vergangenen Dienstag gemessen wurde, kann offenbar gar nicht hoch genug sein. Dabei geht es einmal mehr um den „Frame“, also das Deutungsmuster, dem die journalistische Darstellung der Wirklichkeit von Beginn an und Wort für Wort folgen soll. Dieses „Framing“ verschiebt die Koordinaten derart, dass neutrale Berichterstattung, Beschreibung und Wiedergabe von Sachverhalten und Äußerungen unmöglich werden. Folgen Medien einem „Frame“, wie er von der „New York Times“ bei dieser Gelegenheit gefordert wurde, erfüllen sie eine ihrer Hauptaufgaben nicht mehr und gestalten am Ende, was Donald Trump einem Großteil der amerikanischen Presse bescheinigt – „Fake News“.

          Dabei fehlt ihm, aber auch denjenigen, die nun gegen die „New York Times“ wettern, das Grundverständnis dafür, was unabhängiger Journalismus für die Demokratie leisten kann und soll und muss. Sie verwechseln Journalismus mit Aktivismus. Und sie lesen – ähnlich wie zuletzt die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), der FDP-Europaabgeordnete Alexander Lambsdorff und der CDU-Politiker Ruprecht Polenz bei einer Überschrift dieser Zeitung zur AfD (F.A.Z. vom 9.Juli) – nicht einmal den nächsten, den erläuternden Satz, das ergänzende Zitat, von der Einordnung im Kommentar ganz zu schweigen. Sie wollen, wie es an dieser Stelle schon hieß, dass man ihre Sicht der Dinge, dass man ihre Meinung zur Grundlage von Berichterstattung zu allem und jedem macht. Mit Journalismus hat das Ergebnis dann nichts mehr zu tun, das nennt man vielmehr Propaganda.

          In El Paso legen Menschen Blumen und Plakate an einer improvisierten Gedenkstätte ab – ein Schütze hatte hier auf Menschen geschossen und etliche von ihnen getötet.

          Bei der „New York Times“ hat das Trommelfeuer auf Twitter, das einsetzte, sobald ein Redakteur am Vorabend das Titelblatt des folgenden Tages online gestellt hatte, leider gleich Wirkung gezeigt. Die Zeitung änderte die Überschrift. Im zweiten Andruck hieß es nun: „Assailing hate but not guns“, was man mit „Kritik am Hass, aber nicht an Waffen“ übersetzen könnte und was die „New York Times“ in dem Artikel, der sich auf der Titelseite unter der Überschrift und dem Bild befand, an Trumps Rede ohnehin schon kritisiert hatte. Aber so weit waren die Überschriften-Liebhaber ja augenscheinlich nicht gekommen.

          Die erste Überschrift, sagte der „Times“-Chefredakteur Dean Baquet tags darauf, sei kurz vor Redaktionsschluss entstanden. Als man sie später gegengelesen habe, habe man festgestellt, dass es eine schlechte Titelzeile war, und sie schnell geändert. „Ich verstehe die Bedenken der Menschen“, sagte Baquet der Website „The Daily Beast“: „Überschriften sind wichtig.“ Doch hoffe er, dass die gesamte Berichterstattung gelesen werde. Schauen wir uns das Twittergewitter an, haben wir daran unsere Zweifel – auch daran, dass die Ad-hoc-Kritiker überhaupt so weit lesen wollen.

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