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„Assassin’s Creed“ : Diese Stadt lärmt und leuchtet und dampft

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London calling oder: Gestatten, mein Name ist Jacob - durch die dunklen Gassen dieser Stadt muss er eilen und kämpfen. Etwas zu lernen gibt es dabei auch. Bild: Ubisoft

Das Computerspiel „Assassin’s Creed“ dürfte mehr Jugendlichen Geschichte nahegebracht haben als die Historiendokus des Fernsehens. Die jüngste Folge spielt in London, im Jahr 1868. Wir treffen Marx, Darwin und Dickens. Und was passiert?

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          Irgendwann im Laufe des Jahres 1868, ein Jahr zuvor ist der erste Band des „Kapitals“ erschienen, trifft Karl Marx in der größten Stadt der Welt auf ein fleißiges Zwillingspaar, Jacob und Evie, das den Überlebenskampf des Proletariats mit Überfällen, Entführungen und kaltblütigen Industriellen-Morden zu unterstützen versucht. Er habe viel von den beiden gehört, brummelt Marx in seinen Bart. Sie hätten mehr für die Menschen in London getan als andere in einem Jahrzehnt, und wenn man es genau nehme, sei ja auch er eine Art Aktivist. Dann bittet er die beiden, die Interessen der Arbeiterschaft im Blick zu behalten, und heuert den männlichen Zwilling für einen Spaziergang als Leibwächter an.

          Und tatsächlich: Marxens Weg durch die Londoner Nacht wird von Spionen und Verrätern gesäumt. Mit den Zwillingen macht er nicht weniger positive Erfahrungen als Charles Darwin, der Jacob am Rande eines Sabotageakts kennengelernt hat, oder Charles Dickens, der Jacob im Namen des „Ghost Club“ auf Okkultisten ansetzt und ins Spukhaus mitnimmt. Selbst die Gattin des konservativen Premiers Disraeli, die sich ohne Sensationspresse in den Armenvierteln umsehen will, greift auf Jacob zurück, während seine Schwester Evie, vier Minuten älter, reifer, härter und überhaupt der interessantere Mensch, mit einem schwächelnden Straßenkind auf dem Arm im „Lambeth Asylum“ auf Florence Nightingale trifft. Unglaubliche Teams.

          Da ist es gut, dass das jüngste Werk der „Assassin’s Creed“-Reihe - eines Computerspiels, das schon mehr junge Erwachsene für Geschichte begeistert haben dürfte als alle öffentlich-rechtlichen Dokudramen zusammen - im Zeitalter der Industrialisierung spielt und nicht im, sagen wir, Nachkriegsdeutschland. Sonst hätten die Produzenten das Ganze, frei nach Stefan Aust, den „Evie-und-Jacob-Komplex“ nennen müssen: Eine Bande eitler Selbstdarsteller zieht mordend durch die Stadt, unterstützt von Sympathisanten und davon überzeugt, mit ihren Aktionen gegen Industrielle, Banker und Medienmogule auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

          Transgender-Figur drin? Check!

          Unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts fällt die moralische und ethische Anlage des Spiels allerdings durchaus stärker ins Gewicht als bei den Vorgängern, mit denen „Assassin’s Creed“ ebenso bildgewaltig wie dramaturgisch dicht von Kreuzzügen, den Päpsten, dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg, Piraten und der Französischen Revolution erzählte. Es macht einen Unterschied, ob man spielend in die Rolle von Rittern, Edelmännern und Seeleuten schlüpft - oder in die Haut von Terroristen, die eine Gesellschaft, die unserer ähnlicher ist als gedacht - Demokratie inklusive - mit Gewalt überzieht.

          Die Autoren von „Assassin’s Creed: Syndicate“ haben sich auf diese Frage vorbereitet. Nach einem Sprung ins zwanzigste, von Deutschen dominierte Jahrhundert wird Evie etwa von keinem Geringeren als Winston Churchill ermahnt: „A vote can be far more lethal than a bullet or a blade.“

          Will sagen: In einer so aufwendigen Produktion wie dieser ist an alles gedacht - sogar an eine Fülle weiblicher Darsteller und eine Transgender-Figur. Dieser Versuch, möglichst unangreifbar zu sein, wird für das Spiel-Erlebnis allerdings zum Problem. Denn anders als ältere Folgen, allen voran die Meisterwerke der in Florenz, Rom und Konstantinopel spielenden Ezio-Trilogie, wirkt die Zeitreise nach London, als sei sie nicht mit einer großen Story im Kopf, sondern mit einer Check-Liste am Reißbrett entstanden.

          Karl Marx drin? Check!

          Zwar wurden die Wahrzeichen Londons so fotorealistisch nachgebildet, dass der Spieler, der die Fassaden und Dächer abwechselnd mit Jacob und Evie besteigt, das Viktorianische Zeitalter besichtigen kann wie keines zuvor. Diese Stadt lärmt und leuchtet und dampft, und in ihren Villen, Pubs, Parks und (von Kindern wimmelnden) Fabriken spielen sich überall kleine Szenen ab, die man beobachten mag. Atmosphärisch zahlt sich aus, dass die Entwickler von der Historikerin Judith Flanders unterstützt wurden.

          Zugleich liegen auf der Tonspur wunderbare Alltagsgeräusche, Alltagsgespräche, eigens komponierte Streicherklänge. Und professionelle Synchronsprecher, natürlich, was schon bei der Begegnung mit dem Schotten Alexander Graham Bell, der das Zwillingspaar ebenfalls mit Aufträgen versorgt, oder bei Henry Green, einem indischen Assassinen, der beste Beziehungen zum letzten Maharadscha Duleep Singh unterhält, einen spezifischen Reiz hat.

          Gleichwohl mangelt es „Assassin’s Creed: Syndicate“, das in der Playstation-Version zum Preis von 59,99 Euro auf den Markt kommt, an der erzählerischen Ambition und den vielschichtigen Charakteren früherer Jahre. Dieser Mangel wiegt umso schwerer, da es sich bei diesem London eher um ein Sittengemälde handelt - im Hintergrund wird keine große Nationalgeschichte entfaltet wie damals, als der Spieler über die Mehrgenerationen-Erzählung der Kenway-Saga die Geschichte der amerikanischen Revolution miterleben konnte. Man ahnte das schon, als Ubisoft vor Wochen einen „Historical Trailer“ ins Netz stellte: Die eingangs aufgezählten Historienpromis wurden darin als Werbeträger für ein möglichst massentaugliches Produkt missbraucht. Karl Marx drin? Check! Ubisoft muss aufpassen, seinen Ruf als subtil in die Historie abtauchendes, Abenteuergeschichten auf Augenhöhe mit dem Kino erzählendes Studio nicht zu verlieren.

          Queen Victoria drin? Check!

          Allerdings ist es keineswegs so schlimm, wie die „Gamespilot“-Bloggerin Linda Sprenger kurz vor dem Verkaufsstart befürchtete: „,Assassin’s Creed’ ist tot & Ubisoft weiß es nicht.“ Richtig ist, dass die esoterische Rahmenhandlung „immer wirrer“ wird. Die verschwörungstheoretische Grundkonstellation, der Jahrhunderte überspannende Konflikt zwischen Templern und Assassinen, sieht heute ebenfalls lasch aus (die historischen Assassinen waren eine ismaelitische Sekte; das wird einem im Jahr 2015 deutlicher gewahr als bei Erscheinen der ersten Spiele 2007 und 2009).

          „Assassins Creed: Syndicate“ aber hat noch reichlich Blut in sich. Das sogar bildlich, schließlich handelt es sich um ein Spiel für die Altersklasse ab sechzehn. Bis es den Bösewicht der Londoner Episode dahinrafft, den Kapitalisten Crawford Starrick, der über die Ausbeutung von Kindern und Kolonialvölkern zu Reichtum gelangte und seine Hände überall im Spiel hat, wird in allen Varianten geschlagen, gekidnappt und gemordet. Um schließlich an einem regenfreien Abend, die Szene ist beinahe so einnehmend wie der beruflich veranlasste Besuch im Alhambra Theater kurz zuvor, aus der Kutsche zu steigen, durch die Flure des Buckingham Palace schleichen und Queen Victoria begegnen zu dürfen. Ach, London! Keine Stadt imposanter, als du es bist.

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