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„Assassin’s Creed“ : Diese Stadt lärmt und leuchtet und dampft

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Karl Marx drin? Check!

Zwar wurden die Wahrzeichen Londons so fotorealistisch nachgebildet, dass der Spieler, der die Fassaden und Dächer abwechselnd mit Jacob und Evie besteigt, das Viktorianische Zeitalter besichtigen kann wie keines zuvor. Diese Stadt lärmt und leuchtet und dampft, und in ihren Villen, Pubs, Parks und (von Kindern wimmelnden) Fabriken spielen sich überall kleine Szenen ab, die man beobachten mag. Atmosphärisch zahlt sich aus, dass die Entwickler von der Historikerin Judith Flanders unterstützt wurden.

Zugleich liegen auf der Tonspur wunderbare Alltagsgeräusche, Alltagsgespräche, eigens komponierte Streicherklänge. Und professionelle Synchronsprecher, natürlich, was schon bei der Begegnung mit dem Schotten Alexander Graham Bell, der das Zwillingspaar ebenfalls mit Aufträgen versorgt, oder bei Henry Green, einem indischen Assassinen, der beste Beziehungen zum letzten Maharadscha Duleep Singh unterhält, einen spezifischen Reiz hat.

Gleichwohl mangelt es „Assassin’s Creed: Syndicate“, das in der Playstation-Version zum Preis von 59,99 Euro auf den Markt kommt, an der erzählerischen Ambition und den vielschichtigen Charakteren früherer Jahre. Dieser Mangel wiegt umso schwerer, da es sich bei diesem London eher um ein Sittengemälde handelt - im Hintergrund wird keine große Nationalgeschichte entfaltet wie damals, als der Spieler über die Mehrgenerationen-Erzählung der Kenway-Saga die Geschichte der amerikanischen Revolution miterleben konnte. Man ahnte das schon, als Ubisoft vor Wochen einen „Historical Trailer“ ins Netz stellte: Die eingangs aufgezählten Historienpromis wurden darin als Werbeträger für ein möglichst massentaugliches Produkt missbraucht. Karl Marx drin? Check! Ubisoft muss aufpassen, seinen Ruf als subtil in die Historie abtauchendes, Abenteuergeschichten auf Augenhöhe mit dem Kino erzählendes Studio nicht zu verlieren.

Queen Victoria drin? Check!

Allerdings ist es keineswegs so schlimm, wie die „Gamespilot“-Bloggerin Linda Sprenger kurz vor dem Verkaufsstart befürchtete: „,Assassin’s Creed’ ist tot & Ubisoft weiß es nicht.“ Richtig ist, dass die esoterische Rahmenhandlung „immer wirrer“ wird. Die verschwörungstheoretische Grundkonstellation, der Jahrhunderte überspannende Konflikt zwischen Templern und Assassinen, sieht heute ebenfalls lasch aus (die historischen Assassinen waren eine ismaelitische Sekte; das wird einem im Jahr 2015 deutlicher gewahr als bei Erscheinen der ersten Spiele 2007 und 2009).

„Assassins Creed: Syndicate“ aber hat noch reichlich Blut in sich. Das sogar bildlich, schließlich handelt es sich um ein Spiel für die Altersklasse ab sechzehn. Bis es den Bösewicht der Londoner Episode dahinrafft, den Kapitalisten Crawford Starrick, der über die Ausbeutung von Kindern und Kolonialvölkern zu Reichtum gelangte und seine Hände überall im Spiel hat, wird in allen Varianten geschlagen, gekidnappt und gemordet. Um schließlich an einem regenfreien Abend, die Szene ist beinahe so einnehmend wie der beruflich veranlasste Besuch im Alhambra Theater kurz zuvor, aus der Kutsche zu steigen, durch die Flure des Buckingham Palace schleichen und Queen Victoria begegnen zu dürfen. Ach, London! Keine Stadt imposanter, als du es bist.

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