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Die Pläne von RTL : Zwischen Seriosität und Nacktheit

  • -Aktualisiert am

Die Sängerin Anastacia ist auch dabei - sie wird Jurorin in der Show „Rising Star“ Bild: dpa

Der Sender RTL setzt in der kommenden TV-Saison verstärkt auf Sport, Live-Shows, Reportagen und deutsche Geschichtsthemen. Und auf eine Dating-Show, bei der alle nackt sind.

          Dass Peter Kloeppel mit derselben routinierten Gelassenheit an einem Sektglas nippt, wie wenn er die RTL-Nachrichten verliest, war die eine Erkenntnis des Abends. Die andere war: Unter dem RTL-Senderchef Frank Hoffmann, der die Position seit 2013 bekleidet, bewegt sich durchaus etwas bei Deutschlands größtem Privatsender.

          Am Donnerstag präsentierte Hoffmann bei einer Pressekonferenz in Hamburg das neue Sendeprogramm für den kommenden Herbst und Winter. Eine Revolution war natürlich nicht zu erwarten. Die einseitige Ausrichtung des Programmkonzepts an der Zuschauerquote bleibt dieselbe. Weiterhin werden seichte, massentaugliche Unterhaltungsformate zum Kerngeschäft des Senders zählen, darunter altbekannte Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Let’s Dance“, „Bauer sucht Frau“, „Das Dschungelcamp“ oder „Wer wird Millionär“.

          Bestreben nach Relevanz und Ernsthaftigkeit

          Dem „Trend der Eventisierung in immer mehr Genres“ werde man weiter folgen, sagte Hoffmann. Und das bedeutet in erster Linie noch mehr Live-Sendungen, bei denen der Zuschauer interaktiv eingebunden wird. Als Beispiel hob Hoffmann die amerikanische Talentshow „Rising Star“ hervor, die im August als deutscher Ableger anlaufen wird. Während der Sendung können die Zuschauer nicht nur via App über die Kandidaten abstimmen, sondern erscheinen selbst auf einer LED-Wand im Studio.

          Der ungewöhnlichste Programmpunkt dürfte die aus Holland stammende Sendung „Adam und Eve“ sein. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Dating- und Survivalshow, bei der die Kanditaten splitternackt auf einer Insel ausgesetzt werden. Die Sendung steckt noch in der Produktionsphase, soll aber, so Hoffmann, auch als soziales Experiment verstanden werden.

          Für Relevanz und Ernsthaftigkeit stand bei RTL bisher eigentlich nur er: Chefredakteur Peter Kloeppel bei der Programmvorstellung in Hamburg.

          Mit diesen Sendungen betritt RTL freilich kein Neuland, sondern baut größtenteils auf die Adaption international erprobter Formate. Neu ist allerdings, dass sich unter der Leitung Hoffmanns auch ein Bestreben nach mehr Relevanz und Ernsthaftigkeit bei RTL durchsetzt, für das bisher einzig der Chefredakteur Peter Kloeppel stand.

          Stärkung hauseigener Produktionen

          „Wir werden auch um eher schwere Themen keinen Bogen machen“, kündigte Hoffmann an. Ausführlich pries er die Sparte der Reportageserien wie „Undercover Deutschland“ als eines der großen Programmhighlights an. Eine neue, unprätentiös auftretende Generation an Journalisten würde sich bei RTL stark machen, die besonders bei der jungen, männlichen Zielgruppe besonders gut ankomme.

          Das sorgte für einen Moment unfreiwilliger Komik. Denn neben Jenke von Wilmsdorf („Das Jenke-Experiment“) verwies Hoffmann ausgerechnet auf den Komiker Mario Barth („Mario Barth deckt auf“) und auf Günther Wallraff („Team Wallraff“), ein Urgestein des deutschen Enthüllungsjournalismus.

          Auch die hauseigene Produktion von Filmen und Serien soll wieder gestärkt werden. Inhaltlich setzt der Sender dabei vornehmlich auf deutsche Geschichtsthemen. „Wir wollen das kollektive Gedächtnis unseres Publikums nutzen, um damit das Bewusstsein und die Neugier der Zuschauer auf unsere Stoffe zu schärfen“, sagte Hoffmann und stellte zwei besonders interessante Projekte vor.

          EM-Übertragung für die Quote

          Zum Einen den als achtteilige Serie produzierten Agenten-Thriller „Deutschland!“, der vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs im geteilten Deutschland der 1980er Jahre spielt. Zum Anderen das Filmdrama „Witwenmacher“, das die Starfighter-Affäre in den 1960er Jahren fiktional aufbereitet.

          Zur „Eventisierung“ des Fernsehens gehört unweigerlich auch der Sport, für den Hoffmann zuletzt tief in die Tasche griff. Der Erwerb der Übertragungsrechte für die Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft 2016 und die WM 2018 kosteten den Sender eine zweistellige Millionensumme. Hinzu kommt die kostenintensive Berichterstattung vor Ort. Trotzdem bleibt Hoffmann dabei: „Jede Sendung, die wir machen, birgt ein finanzielles Risiko. Es gibt nur ein einziges Genre mit Gewinngarantie im Fernsehen und das ist im Moment der Sport und insbesondere der Fußball.“

          In der Tat dürften die Spiele der deutschen Nationalmannschaft die mit Abstand quotenträchtigste Neuheit im Programm des Senders sein. Und obwohl er auf Grund der hohen Einkaufskosten trotz allem finanziell ein Verlustgeschäft sein wird, rechnet Hoffmann einem enormen Imagegewinn für seinen Sender. Zum ersten Mal werden Länderspiele dann nämlich exklusiv auf einem Privatsender zu sehen sein.

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