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Neues Kika-Medienmagazin : Ohne Controller liegt man schneller auf der Nase

„Super Mario“-Fans feiern auf der Gamescom den dreißigsten Geburtstag einer Spielfigur. Bild: Reuters

Kindern will das neue Kika-Medienmagazin „Timster“ Spaß am Selbermachen vermitteln. Ein Vorsatz, den die erste Ausgabe elegant umschifft hat. Auf der Gamescom scheut der Moderator Tim Gailus auch die Blamage nicht.

          Tim Gailus kann in zehn Minuten Walter Benjamins unter Geisteswissenschaftlern berühmte Überlegungen zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit anhand des unter Unterhaltungsinteressierten berühmten Oscar-Selfies von Ellen Degeneres erklären. Mit dieser Übersetzungsleistung ist der Kommunikationswissenschaftler im vergangenen Jahr bei einigen Science Slams aufgefallen. Das sind interne Wettrennen zwischen Gedanken und Zunge auf offener Bühne, bei denen man sich durchaus blamieren kann. Außerdem sieht er jung und knuffelig aus, und er kann das R beim Wort Smartphone in seiner Begeisterung so weit hinten im Rachen sprechen, dass es klingt, als hätte Rudi Carell Schmachtphone sagen wollen.

          Da wird es ihm doch auch nicht schwerfallen, mag man sich beim Kinderkanal gedacht haben, eine Viertelstunde lang Grundschulkindern was mit Medien zu erklären. An diesem Samstagnachmittag hatte die neue Sendung „Timster“ Premiere, und weil sie sich der Frische verschrieben hat, kam sie geradewegs von der Gamescom, der Computerspielemesse in Köln.

          Kommunikationswissenschaftler und bewährter Dampfplauderer: Tim Gailus moderiert das neue Medienmagazin im Kinderkanal.

          Hier stürzt sich der aufgekratzte Moderator als erstes auf die unvermeidlichen Cosplayer und überrascht sie mit einer Frage ohne Sinn: „Was macht dich zum größten Fan?“ Ein Entwickler erklärt ein Spiel, bei dem ein Höhlenmensch sehen muss, wie er ein neues Feuer entfacht. Ein Manager erklärt, warum es den Klassiker „Super Mario“ jetzt auch zum Selberbauen einzelner Spiele-Levels gibt. Zwei kindliche Tester dürfen jetzt nicht etwa selber ran, sondern müssen das von Tim Gailus zusammengestellte Level ausprobieren und loben. Machen sie dann auch brav. Das erklärte Ziel des Magazins, den Spaß am Selbermachen zu vermitteln und Medien auch als Spielräume der eigenen Kreativität zu zeigen, wurde hier ebenso elegant umschifft wie in den Kurzinterviews mit den Cosplayern, die ja unglaublich viel Zeit und Mühe in ihre meist selbstgemachten Kostümierungen stecken.

          Für Walter Benjamin, fasst Tim Gailus in seinem Science Slam zusammen, war das Kino Mitte der dreißiger Jahre eine Art Trainingslager in einer durchtechnisierten Welt. Achtzig Jahre später staunen wir darüber, was einmal für durchtechnisiert gehalten wurde. Im Schnelldurchlauf der Gamescom-Trends wird Virtual Reality etwas hemdsärmelig mit „Computerwelt“ übersetzt, und ein Spiele-App-Entwickler bekommt Gelegenheit, seine Spiele-Apps über den grünen Klee zu loben. Zum versöhnlichen Ende probiert Tim Gailus, im Computerspiel offenbar ein wahrer Skateboard-Meister, aus, welche Fähigkeiten mit dem richtigen Rollbrett ihm aus diesem Training erwachsen. Die Bereitschaft, sich zu blamieren, schmückt jeden Moderator von Kindersendungen. Und das absehbare Ergebnis ist vergnüglich anzuschauen.

          Die Gamescom zum Trainingslager des neuen Medienmagazins zu wählen, war eine naheliegende Idee: Buntes und Begeisterndes gibt es dort genug. Und eine gefährliche Idee, weil sie jeden kritischen oder skeptischen Blick, der auch einem Medienmagazin für Kinder gut zu Gesichte steht, gleich wie Spielverderberei aussehen lässt. Letzteres zumindest müssen sich die „Timster“-Macher nicht vorwerfen lassen.

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