Neues Heft „Charlie Hebdo“ : Um wen weint Mohammed?
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Zwei Tage nach den Attentaten in Paris wurde im saudi-arabischen Dschidda der Blogger Raif Badawi öffentlich ausgepeitscht. Er erhielt fünfzig Hiebe. Zu tausend Schlägen insgesamt und zehn Jahren Haft ist er verurteilt worden. Woche für Woche wird er der Tortur unterzogen. Zwanzigmal fünfzig Schläge mit der Peitsche – es ist eine Folter bis zum Tode. Sein Verbrechen? Raif Badawi war für die Religionsfreiheit eingetreten und hatte Beiträge gepostet, in denen er die saudische Religionspolizei wegen Übergriffen anprangerte; die verschiedenen Religionen der Welt sind in seinen Augen gleichrangig. Die saudische Regierung, die ihn deswegen zu Tode foltern lässt, hat die Anschläge in Paris übrigens verurteilt.
Wonach ihnen ist
„Je suis Charlie“: Auch Raif Badawi ist „Charlie“, nur macht sein Beispiel bei uns nicht die Runde. Nach „Charlies“ muss man sich in vom strengen Islam geprägten Ländern ohnehin nicht lange umsehen. Jeder Journalist, dem es um Wahrheit und Wahrhaftigkeit geht, ist einer und riskiert Kopf und Kragen. In dem selbsternannten Kalifat des „Islamischen Staats“ werden ausländische Reporter vor den Augen der Welt geköpft. Auf einheimische Journalisten, deren Namen wir häufig nicht einmal kennen, wird Jagd gemacht, sie sind vogelfrei. Nicht anders ist es im Einflussbereich der Taliban: Bei einem Besuch bei Kollegen in Peschawar, im Norden Pakistans, waren die letzten Meldungen in eigener Sache gehalten – eine Redaktion war nach einem Anschlag ausgebrannt, die andere betrauerte den Mord an einem Kollegen. Die Täter hatten ihn in Stücke gehauen, seine Leiche warfen sie, in Plastiktüten verpackt, der Familie vor die Haustür. Der Mann hatte sich kritisch und ironisch mit Themen wie Religion und Sexualität befasst. Er war Karikaturist.
Paris : "Charlie Hebdo" zeigt Mohammed
Die Redaktion von „Charlie Hebdo“ kann auf ihre verquere Art nun auf Versöhnung aus sein. Sie bleibt im Visier der Terroristen, die in diesem Fall im Auftrag von Al Qaida im Jemen gemordet haben sollen. „Charlie Hebdo“ ist ironisch, derb oder bewusst verletzend. Sie verspottet, wie in der jetzigen Ausgabe mit einem Cartoon des ermordeten Chefredakteurs Stéphane Charbonnier alias Charb, abermals die Islamisten. Sie macht sich lustig über die Politiker, die sich zu der Millionen zählenden Trauergemeinde gesellt haben. Die Satiriker zeigen, wonach ihnen ist: Dem Premierminister Manuel Valls möchte der Zeichner Luz trotz allem lieber nicht die Hand geben, ein Päckchen Drogen hingegen wäre willkommen, ebenso, wenn Madonna aus Solidarität ihre Unterwäsche spendete (damit könnte Angela Merkel nicht dienen) und Präsident François Hollande eine Million Euro aus dem Google-Abgaben-Fonds lockermachte. Und das Rauchverbot in den Redaktionsräumen von „Libération“, wo die Kollegen von „Charlie Hebdo“ untergekommen sind, müsste natürlich aufgehoben werden.
Dass viele, die jetzt mit „Je suis Charlie“ herumlaufen, in Wahrheit etwas ganz anderes im Schilde führen, ist den Karikaturisten selbstverständlich auch aufgefallen. Also wehren sie sich gegen die Vereinnahmung und verteilen neue Slogans: „Ich bin Rassist“ für den Neonazi; eine Figur, die wie Marine Le Pen aussieht, trägt „Ich bin beglückt“. Die beiden Attentäter Kouachi kommen derweil, wie eine andere Zeichnung zeigt, tatsächlich in ihrer Mörderkluft in den Himmel, haben bei den versprochenen 72 Jungfrauen (hier sind es siebzig) jedoch das Nachsehen – die vergnügen sich schon mit dem Personal von „Charlie Hebdo“.
Das sind nicht bitterböse, sondern bittere, traurige Pointen. Sie stammen von Menschen, deren Kollegen soeben samt und sonders wegen ihrer Arbeit ermordet wurden. Die Satiriker von „Charlie Hebdo“ beweisen auf ihre ganz eigene Weise eine Größe, von der viele Möchtegern-Je-suis-Charlies, die bis eben noch mit diesem Blatt nichts anfangen konnten, jetzt gerne etwas abhaben wollen. Wer diese wirklich besitzt, wird sich jedoch bei der nächsten Gelegenheit beweisen, bei der es nicht reicht, sich ein Charlie-Button anzuheften, um für die Pressefreiheit einzutreten. Für die Redaktion von „Charlie Hebdo“ ist die Zeit des Polizeischutzes nicht vorbei.