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Mord an Ján Kuciak : Zu sicher, wer der Auftraggeber war

Ein erschüttertes Land: Nach der Ermordnung von Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnírová protestierten Zehntausende Slowaken. Bild: AFP

Vor einem Monat wurde der Unternehmer Marián Kočner vom Vorwurf freigesprochen, den Mord am slowakischen Journalisten Ján Kuciak beauftragt zu haben. Für viele war das Urteil ein Schock. Nun nimmt sich ein Buch des erschütternden Prozesses an.

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          Das Urteil hat nicht nur in der Slowakei hohe Wellen geschlagen: Anfang September wurde der Unternehmer Marián Kočner von einem Sondergericht in Pezinok von dem Vorwurf freigesprochen, den Mord an dem Investigativjournalisten Ján Kuciak in Auftrag gegeben zu haben. Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová waren am 21. Februar 2018 in ihrem Haus in der Westslowakei erschossen worden. Der Todesschütze und sein Gehilfe wurden vom Gericht zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, der vermutete Drahtzieher aber bleibt nun unbehelligt. Einen „Schlag ins Gesicht“ für alle Journalisten, die in der Slowakei unter Einsatz ihres Lebens die Mächtigen und Einflussreichen zur Verantwortung zögen, nannte das Urteil etwa Gyde Jensen (FDP), die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag. Ausländische Medien sprachen von einem fragwürdigen wie schockierenden Gerichtsurteil.

          „Vollkommen überrascht“ von dem Urteil war zunächst auch Christoph Lehermayr. Der Journalist aus Wien besuchte den Kuciak-Prozess vom Auftakt bis zum Ende. Seine Eindrücke schildert er in dem jüngst veröffentlichten E-Book „Ján Kuciak: Das Mordrätsel“. Der „Politthriller“ soll, wie Lehermayr der F.A.Z. sagt, auch jene ansprechen, die sich ansonsten nicht für die Slowakei interessieren. Im Desinteresse der vergangenen zwei Jahre sieht der Journalist auch einen Grund, weshalb das Urteil so verwunderte: Ein Journalistenmord erschüttert ein Land in seinen Grundfesten, aber scheinbar gibt es keinen Auftraggeber.

          Der als Mordauftraggeber angeklagte Unternehmer Marián Kočner an dem Tag, an dem er von dem Sondergericht im slowakischen Pezinok freigesprochen wurde
          Der als Mordauftraggeber angeklagte Unternehmer Marián Kočner an dem Tag, an dem er von dem Sondergericht im slowakischen Pezinok freigesprochen wurde : Bild: EPA

          Wie Kočner Journalisten bedrängte

          Lehermayr findet das ebenso „zutiefst verstörend“. In seinem Buch schildert er detailliert, was Kuciak und Kušnírová widerfuhr. Auch mit den Eltern und dem Bruder des ermordeten Journalisten traf sich Lehermayr. Er hat Verständnis für die slowakischen Journalisten, für die früh feststand: Kočner ist schuldig. Sie seien zum Teil selbst von dem Unternehmer überwacht worden, der kompromittierendes Material über alle sammelte, die sich wie Kuciak seinem korrupten Netzwerk in den Weg stellten. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Tageszeitung „Denník N“ Kočners Kommunikation über den Messengerdienst Threema. Sie macht deutlich, in welchem Ausmaß er Richter, Staatsanwälte und Politiker der damaligen sozialdemokratischen Regierungspartei Smer-SD unter Kontrolle hatte.

          Ungelöst ist die Frage, ob Kočner und seine mitangeklagte und ebenfalls freigesprochene Gehilfin Alena Zsuzsová noch einen Schritt weiter gingen – und Ján Kuciak, der besonders hartnäckig die Fakten zu Kočners Steuerbetrug recherchierte, ermorden ließen. Lehermayr schreibt, der geständige Mittelsmann Zoltán Andruskó, auf den die Staatsanwaltschaft ihre Anklage sehr stark stützte, habe sich während des Prozesses immer stärker in Widersprüche verstrickt. Es gibt viele Indizien, aber nicht den einen Beweis, dass Andruskó über Zsuzsová, die als Kočners „Honigfalle“ für Politiker eine nicht minder bizarre Figur ist, den Mordauftrag erhielt, den die verurteilten Miroslav Marček und Tomáš Szabó ausführten. Ein Indiz ist, dass Kočner und Zsuzsová am Tag der Tat über den Kommunikationsdienst Threema einer Weise kommunizierten, die man als Codewörter für einen Mord interpretieren kann, aber eben nicht muss. Das Spezialgericht entschied mangels Beweisen auf Freispruch.

          Medien schlossen Alternativszenarien aus

          Lehermayr hält es für „durchaus plausibel“, dass Kočner den Mord beauftragte. Doch den slowakischen Medien sei anzulasten, dass sie andere Szenarien nicht einmal in Betracht gezogen hätten: „Das hätte auch der Anklage geholfen, ihre Version breiter abzustützen.“ Stattdessen sei Daniel Lipšic, der prominente Anwalt der Opferfamilien, wie ein neutraler Beobachter interviewt worden. „Es gibt keinen slowakischen Journalisten, der in der Lage wäre, über den Fall unvoreingenommen zu berichten“, sagt Lehermayr nicht ohne Verständnis dafür, wie es für die Journalisten anfühlte, als sie von Kočner oder dem früheren sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Robert Fico vulgär beschimpft wurden. Die Rolle der Medien kann man freilich auch anders sehen: Gerade die Enthüllungen von Kočners Threema-Protokollen in der Presse haben die Ermittler unter Zugzwang gesetzt. Mutmaßlich korrupte Richter und Polizisten wurden seither verhaftet.

          Der Fall Kuciak ist auch ein Fall von drei Journalisten: Marián Kočner studierte Journalismus und arbeitete für das staatlichen Fernsehen. Peter Tóth, der zweite Kronzeuge der Anklage, war einst ein angesehener Investigativjournalist, wechselte später aber zum Geheimdienst und beschattete in Kočners Auftrag Kuciak. Noch ist das Kočner-Urteil nicht rechtskräftig. Das slowakische Höchstgericht wird es prüfen. Es muss nicht bei dem fatalen Signal bleiben, das von dem Freispruch ausgeht.

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