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„Neues aus der Anstalt“ im ZDF : Mit den Dritten beißt man besser

Georg Schramm als Oberstleutnant Sanftleben, Urban Priol als Urban Priol Bild: ZDF

Das war sie also, die erste Kabarettsendung seit fast drei Jahrzehnten im ZDF. Mit „Neues aus der Anstalt“ wollen Urban Priol und Georg Schramm es besser machen als der „Scheibenwischer“ - doch ausgerechnet Dieter Hildebrandt stahl ihnen gestern Abend die Show. Von Jörg Thomann.

          „Neues aus der Anstalt“, die neue Kabarettsendung des ZDF, wird immer live gesendet. Man wolle sich, so Urban Priol, gemeinsam mit Georg Schramm der Gastgeber der gestern erstmals ausgestrahlten Sendung, stets noch das „heute journal“ ansehen, um aktuell reagieren zu können. Gestern Abend ging es in den ZDF-Nachrichten unter anderem um die mysteriösen Mikrofone im Büro eines Abgeordneten, der im BND-Untersuchungsausschuss sitzt. Zu Wort meldete sich der unnachahmliche Hauptstadtkorrespondent Peter Hahne, der uns über den Sachverhalt umfassend aufklärte: „Denn - äh - bis nicht geklärt ist, ob das ein übler Scherz war oder etwas Ernstes, bleibt das erstmal unklar.“ Klar scheint nach diesem Auftritt, dass die neuen ZDF-Spaßmacher Priol und Schramm sich gegen starke hauseigene Konkurrenz behaupten müssen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Sender, für den die erste regelmäßige Kabarettsendung nach fast drei Jahrzehnten ein Prestigeprojekt ist, hat seinen Neuzugängen großzügige Starthilfe gewährt. Priol durfte bei „Wetten dass..?“ auftreten und in Kerners Jahresrückblickshow, Schramm sogar im „heute journal“ - ein jeder sollte die frohe Kunde vernehmen, dass im ZDF wieder gelacht werden darf. Mit Bedacht wurde zudem für die Premierensendung ein ganz besonderer Gast verpflichtet: Das Kabarett-Urgestein Dieter Hildebrandt, dessen kabarettistische „Notizen aus der Provinz“ das ZDF 1979 zum Altpapier erklärt hatte.

          Fulminante Attacke

          Zwei kurze Auftritte nur hatte Hildebrandt gestern Abend, die es aber beide in sich hatten. Zum einen erinnerte er daran, wie er damals seine Sendung „beendet bekommen hatte“, und verspottete - in seinem Alter darf man das - den ZDF-Slogan als „Mit den Dritten beißt man besser“. Zum anderen ritt er eine fulminante, aus einem einzigen, überlangen, doch ohne sein berühmtes Stottern vorgetragenen Satz bestehende Attacke gegen den Versuch eines „Cicero“-Journalisten, Jürgen Habermas mit einem erwiesenermaßen unwahren Gerücht aus der Vergangenheit zu diffamieren. Das war zwar keine neue Geschichte, doch wie Hildebrandt hier aus persönlicher Wut künstlerische Funken schlug, das war absolut sehens- und hörenswert.

          In der titelgebenden „Anstalt“, einer fiktiven psychiatrischen Klinik, sollen die Kabarettisten nach altbekannter Manier als heilige Narren agieren, die wissen, dass nicht sie, sondern die anderen die Irren sind. Für die Dramaturgie spielten die Kulissen aus Rezeption, Wartezimmer und Fahrstuhl freilich kaum eine Rolle; geboten wurde klassisches Nummernkabarett, und selbst Urban Priol als Oberarzt hielt es nicht für nötig, im weißen Kittel aufzutreten. Er sinnierte über Merkel und Mehrwertsteuer, imitierte munter Stoiber, Strauß und Dieter Thomas Heck, suchte seine Pointen indes allzu häufig im Klamauk: „Kaum war der Zug für Edmund abgefahren, stellte die Bahn zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Betrieb ein.“

          Deplazierter Dombrowski

          Als Gegenpol zu Priol soll Georg Schramm in seinen vertrauten Alter Egos als Rentner Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben mit bitterer Miene entsprechende Wahrheiten aussprechen. Im gestrigen Programmfluss wirkten seine Auftritte noch recht deplaziert. Zu erklärungsbedürftig waren manche von Schramm in Stichwörtern angeschnittene Themen, die das Publikum spürbar ratlos zurückließen: Wie hatte sich Kardinal Meisner gerade noch einmal geäußert? Was war da mit den vierundvierzig Millionen Euro, die das Bundesgesundheitsministerium an Spenden von „Interessenvertretern“ einstreichen durfte? Und jedesmal, wenn der Zuschauer für eine kurze Denkpause dankbar gewesen wäre, unterbrach Oberarzt Priol den Schrammschen Monolog - zwar kam er nicht mit der Zwangsjacke, aber mit dem Vorwurf, er habe ja jetzt „die Stimmung auf null gebracht“.

          Es gab noch weitere Gäste: Andreas Müller ließ uns an einem überflüssigem Rededuell zwischen Dieter Bohlen und Angela Merkel teilhaben, Jochen Malmsheimer hielt einen Monolog, aus welchem die Leggings-Umschreibungen „Schenkelpellen“ und „bis zum Bersten gefüllte Beinschläuche“ in Erinnerung blieben. Für die größte Stimmung sorgte Rainald Grebe, der ein hübsch hämisches Lied über einen „Bernd von der Stiftung Warentest“ zum besten gab - keine Politsatire im eigentlichen Sinne, doch so bissig und zeitkritisch, wie sich das klassische Kabarett viel zu selten präsentiert. Die Erstausgabe von „Neues aus der Anstalt“ eingeschlossen.

          So geriet zeitweilig der Kamerablick ins Publikum reizvoller als das Geschehen auf der Bühne. Kabarettgrößen wie Konstantin Wecker und Ottfried Fischer demonstrierten mit ihrer Anwesenheit, welcher Stellenwert der neuen Sendung in der Szene beigemessen wurde. Die wiederholte Einblendung Gabi Zimmers wiederum zeugte vom unheimlichen Stolz des ZDF, dass hier ein Mitglied des Europäischen Parlaments im Studio saß - wenn auch nur eines von der Linkspartei. So rückte in der Sendung wenigstens doch für ein paar Sekunden eine Frau ins Bild - nachdem die Einweisung in die Anstalt zur Premiere ausschließlich Männern gelungen war.

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