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Neues ARD-Nachrichtenstudio : Thomas Roth trifft jetzt immer auf King Kong

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Eingebetteter Journalist: „Tagestehmen“-Moderator Thomas Roth zwischen Isis-Kämpfern. Bild: Screenshot F.A.Z.

Die Moderatoren von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ stehen seit kurzem mitten im Weltgeschehen - besonders gerne mitten in der Wüste. Das neue ARD-Nachrichtenstudio lässt sie dabei aber wie Statisten im falschen Film erscheinen.

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          Der Vormarsch der islamistischen Terrorgruppe Isis ist erschreckend. Ohne nennenswerten Widerstand hat sie Hamburg-Lokstedt überrannt. Von hier aus findet soeben der Einmarsch in deutsche Wohnzimmer statt - in HD-Qualität und dank einer leinwandgroßen Videowand sozusagen „larger than life“. Ein wenig hilflos stakst Thomas Roth, ganz eingebetteter Beobachter, zwischen staubigen Jeeps umher, auf denen vermummte Männer Panzerfäuste schwingen. Seit zwei Monaten sendet die ARD aus ihrem neuen, vierundzwanzig Millionen Euro teuren Nachrichtenstudio - und eine stille Revolution im deutschen News-Gewerbe hat stattgefunden. Zeit für ein erstes Fazit.

          Das ZDF war vorangestürmt in Sachen „Nachricht trifft auf virtuelle Realität“. Dreißig Millionen Euro hat das Zweite vor fünf Jahren in ein neues Studio auf dem Lerchenberg gesteckt, das ebenfalls Großbilder und Animationen neben Ganzkörpermoderatoren erlaubt. Und doch hat erst die ARD mit ihrem achtzehn Meter breiten, mittels Projektoren bespielten Diorama diese Ästhetik auf die Spitze getrieben: Moderatoren und Tische - kaum sind sie bei der gefühligen Fiat-lux-Ouvertüre aus dem Urdunkel der Welt aufgetaucht - werden gänzlich vom Hintergrund verschluckt. Der Moderator und mit ihm der Zuschauer betreten die Nachricht selbst, besonders in den „Tagesthemen“. Aber auch die „Tagesschau“ setzt gern auf reißerische Hintergrundpanoramen. Das haben so ähnlich bislang nur die „Supernasen“ Thomas Gottschalk und Mike Krüger in ihrem Filmkracher „Die Einsteiger“ von 1985 vorgemacht.

          Ein Operationsfehler als treffende Metapher

          Ist also das allmählich sich verdichtende Gefühl, der Weltuntergang stehe kurz bevor, vielleicht ein klein wenig auch - eine optische Täuschung? Ist televisionär einfach wahr geworden, was Jean Baudrillard in postmoderner Verschwurbeltheit „Präzession der Simulakra“ nannte: eine Hyperrealität, in der es nur noch Simulationen von Simulationen gibt? Schlichter gefragt: Haben Mutter („Tagesschau“) und Tochter („Tagesthemen“) aller Nachrichtensendungen einen guten Teil dessen aufgegeben, was sie im Kern ausmachte: die eiserne Distanz? Nach zwei Monaten optisch zudringlicher und emotional aufgesexter Nachrichten muss man wohl sagen: leider ja.

          Nichts macht das so deutlich wie das dankenswerterweise von der ARD-Nachrichtenredaktion selbst Tag für Tag angebotene Vergleichsvideo „Tagesschau vor 20 Jahren“. An der Erkennungsmelodie von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ hatte man auch damals schon herumgespielt, aber aus dem darübergelegten, albernen Beat ging immer noch siegreich die alte Fanfare hervor, die das Fernsehvolk zum Informationsappell ruft, während der gegenwärtige Eklat von Streicher-Melodramatik eher an „Sturm der Liebe“ erinnert. Und das ganz bewusst: Es geht um Emotionalisierung. Am 23. Juni vor zwanzig Jahren also sah man Wilhelm Wieben, der konzentriert fünfzehn Themen verlas - im Gegensatz zu den zehn der aktuellen Sendung -, die nahezu alle mit einer stilisierten Landkarte und ausnahmsweise noch kleinen Porträts bebildert waren. Kühler, distanzierter, neutraler konnte man das nicht machen, obwohl auch damals die Weltlage nicht gerade entspannt war: Atomstreit mit Nordkorea, brennende Asylbewerberheime, Völkermord in Ruanda.

          Es war eine künstliche Distanz, aber eine, die man brauchte, um Situationen in den Blick zu bekommen, um denken zu können. Heute sitzt Jan Hofer inmitten eines schier endlosen Konvois von martialischen Isis-Kämpfern, die das Durchsetzen solcher Bilder wohl schon als Teilsieg verbuchen dürften. Besonders die Ganzkörper-„Tagesthemen“ aber bedeuten einen Bruch mit journalistischen Hierarchien: Man hat Souveränität aufgegeben, indem man die Nachrichten mit optischem Pomp aufmarschieren lässt, und will sie auf der anderen Seite mit einer ausgefeilteren Dramaturgie zurückholen.

          Wozu das führt, sah man an diesem Abend in der Halbzeitpause des Brasilien-Kamerun-Spiels. Die aufgrund der WM verkürzten „Tagesthemen“ hatten sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, doch wollte man Thomas Roth wohl nicht ausschließlich mit Terrormilizen und Bürgerkriegstruppen posieren lassen, sondern klebte noch eine „Soft-News“ an: Irgendwo in Berlin wurde ein falscher Finger operiert! Und obwohl dieser ärztliche Kunstfehler mit einem im Bauch vergessenen Operationsbesteck nichts zu tun hatte, wie Thomas Roth sogar noch sagte, zeigte die Bildregie leinwandgroß eine Schere in behandschuhter Riesenhand, die den Moderator davor wie Ann Darrow in „King Kong und die weiße Frau“ wirken ließ. Die über vier Millionen Zuschauer durften glauben, sie seien bei der Nachrichtenparodie von „Postillon24“ gelandet. Ein Operationsfehler, das ist eigentlich eine gute Metapher für das, was mit den ARD-Nachrichten passiert ist: Man hat eine Wagenladung Adrenalin in ihrem Bauch vergessen und einfach zugenäht.

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